Europa braucht Träger der Hoffnung

Wind und Kälte haben auch der Messfeier nichts anhaben können. Mit Begeisterung stimmten die Gläubigen in die Lieder mit ein und der Gesang vermischte sich mit dem Rauschen des Regens. "Nie zuvor sind so viele Pilger gleichzeitig zur Gnadenmutter nach Mariazell gezogen", sagte Kardinal Dr. Christoph Schönborn zu den versammelten Pilgern aus Österreich und den Nachbarländern. Über den ganzen Platz verstreut schwenkten die Wallfahrer ihre Fahnen aus Kroatien und Slowenien, aus Polen und Tschechien und aus der Slowakei, als sie in ihrer Landessprache begrüßt wurden.

Schönborn erinnerte an das Schicksal der Menschen hinter dem Eisernen Vorhang, und "welch furchtbares Leid die antichristlichen und gottlosen Ideologien des Nationalsozialismus und des Kommunismus über unsere Länder gebracht haben". So sei diese Feier auch dem Gedenken an jene gewidmet, "die für ihren Dienst am Nächsten in Lagern und Gefängnissen gestorben sind".

"Mauern überwinden"

Trotz des Falls des Eisernen Vorhanges wären in Europa noch manche Mauern bestehen geblieben. Es gelte alte "Vorurteile, Misstrauen und Schuldzuweisungen" zu "überwinden", um einander "auf gleicher Augenhöhe begegnen" zu können. "Als Christen erbitten wir die Kraft von oben", so Schönborn.

Die christlichen Fundamente Europas wären notwendig, um die Einigung mit zu tragen, sagte der Kardinal und wies dabei auf die Aussagen zweier Vertreter der anderen monotheistischen Weltreligionen hin: So habe der gläubige Jude Joseph H.H. Weiler das Christentum als "Lebensquell dieses Kontinents" und als "Motor der europäischen Einigung" bezeichnet. Vom muslimisch geprägten Dichter Dzevad Karahasan stammten die Worte "Europa auf das Christentum zu reduzieren, das wäre sehr schade. Aber auf das Christentum zu vergessen, das wäre eine Katastrophe."

"Verborgene Heilige als Träger der Hoffnung"

Der Kardinal wies sodann auf die "großen Europäer" wie Benedikt, Franziskus, die große und die kleine Therese, Johannes Nepomuk, Cyrill und Method, auf Maximilian Kolbe und Johannes XXIII. und weitere bedeutende Menschen hin und ergänzte, es gebe auch heute solche "verborgenen Heiligen unserer Tage". Diese "Helden der Menschlichkeit, der Barmherzigkeit und die Friedensstifter" sowie die "Kämpfer für Gerechtigkeit und Solidarität" seien die neuen Träger der Hoffnung für Europa, sagte Schönborn.

Christen müssten sich dem Schutz des menschlichen Lebens annehmen - von seinem Anfang bis zuletzt. Gefordert wären Gerechtigkeit und Solidarität sowie "Zeiten und Räume für das Heilige". Der Wiener Kardinal legte den Menschen nahe, die Kirchen offen zu halten, denn "die Menschen hungern nach der Begegnung mit Gott".

Die Gläubigen harrten unter ihrem Regenumhang aus, manche bauten sich aus dem Karton-Hocker einen Schutz gegen Wind und Wetter und lauschten über das Radio, das im "Pilgerpaket" enthalten war, der Übersetzung des Gottesdienstes in ihrer Landessprache.

Auch nach dem Segen und dem abschließenden Lourdeslied leerte sich der Festplatz nur langsam. Zurück blieb zwar eine zertretene Wiese, aber in den Menschen eine neue Hoffnung in einem gemeinsamen Europa.