EU Bürger in hohem Maß religiös

Eine "hohe religiöse Grundbefindlichkeit" bescheinigt Dr. Michael Weninger, Mitglied im Politischen Beraterstab Barrosos, den Bürgern der Europäischen Union. Die überwiegende Mehrheit sei religiös, lediglich zehn Prozent könnten als Nihilisten angesehen werden. Weninger ist im Beraterstab des EU-Präsidenten für den Dialog mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig. Von den sich als religiös bezeichneten EU-Bürgern glaubt etwa ein Drittel an irgendein höheres Wesen, ein weiteres Drittel gehört den traditionellen Religionen und Kirchen an, allerdings mit einem sehr lockeren Bezug, und ein weiteres Drittel sei mit ihrer Religionsgemeinschaft eng verbunden. Es wäre fatal, würde die Europäische Union diese Grundbefindlichkeit nicht entsprechend berücksichtigen, meint Weninger. Leider, so der EU-Experte, fehle zwischen den Entscheidungsträgern und den Bürgern in der EU oft dieser notwendige Gleichklang.


123 Kirchen und Religionsgemeinschaften


Nahezu 60 Missionen verschiedener Kirchen und Glaubensgemeinschaften vertreten in Brüssel die Anliegen der Religionen. Die meisten sind von der Katholischen Kirche, zwei davon sogar in diplomatischem Rang, gefolgt von der evangelischen und der orthodoxen Kirche. 123 verschiedene Kirchen und Religionsgemeinschaften bilden zudem die Konferenz der Europäischen Kirchen. Auch die jüdischen Mitbürger sind mit sehr aktiven Körperschaft vertreten. Schwieriger sei es mit den Muslimen, die wegen der großen Vielfalt ihrer Gruppierung nur sehr schwer repräsentative Vertretungen bilden können.
Ein Problem liege weiters darin, dass in den derzeit 25 EU-Staaten 34 verschiedene Staatskirchenrechtssysteme bestehen, vom laizistischen Frankreich mit einer strikten Trennung von Kirche und Staat bis zur Staatskirche in England. Aufgrund dieser verschiedenen Systeme und zur Lösung praktischer Probleme werde bereits der Ruf nach einem europäischen Religionsrecht laut, sagte Weninger, der im Politischen Beraterstab für den Dialog mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig ist. "Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht durch Gesetzesbeschlüsse auch die religiösen Bürger mit betroffen sind".


Verhältnis zu Muslimen


Als kompliziert bezeichnete Weninger die Situation mit den Muslimen, von denen schon fast geschätzte 40 Millionen in EU-Staaten leben. Viele von ihnen befinden sich bereits seit Generationen in Europa, besitzen die Staatsbürgerschaft des Landes, in dem sie leben und seien voll integriert. Ein weiterer Teil stellen jene dar, die eine doppelte Staatsbürgerschaft oder die Staatsangehörigkeit ihres Herkunftslandes besitzen und sich noch immer in Sprache, Kultur, Tradition und politischer Orientierung dem Herkunftsland verbunden wissen. Problematisch sei aber die dritte Gruppe, die sich illegal in der EU aufhalte, innerhalb der Schengen-Grenze wandere und oft extremes Gedankengut mit sich trage.


Aufnahme der Türkei in die EU


Vorsichtig äußerte sich der Diplomat zur möglichen Mitgliedschaft der Türkei. Diese Frage sei keine religionspolitische, sondern eine rein EU-politische Frage, betonte er. Die Türkei würde derzeit nicht in das Gesamtgefüge der EU passen, wies er hin. Er stelle sich hinter die österreichische Position und meinte, man müsse das Augenmaß bewahren und vernünftige Alternativen für eine enge Zusammenarbeit suchen. Bereits bisher seien Europa und die Türkei auf vielen Ebenen zu vernünftigen Partnern geworden, und sie werden auch weiterhin eine enge Zusammenarbeit pflegen. Die Beitrittsverhandlung müssen ergebnisoffen geführt werden, sodass weder der Zeitpunkt ihrer Beendigung noch das Ergebnis vorausgesagt werden können.


"Einzigartige Erfolgsgeschichte"


Der Europäische Integrationsprozess stelle eine einzigartige Erfolgsgeschichte dar, erläuterte Weninger abschließend. Zum ersten Mal in der Geschichte Europas versuchen die Staaten, ein gemeinsames Europa mit gemeinsamen Institutionen als Heimstätte aller Europäer zu schaffen. Die Religionsgemeinschaften und Kirchen hätten schon seit jeher einen bedeutenden Beitrag zur Einswerdung des von christlicher Zivilisation geprägten Kontinents geleistet.


Der Heilige Ivo - Patron der Juristen


Bereits beim vorangegangenen Gottesdienst stellte Ordinariatskanzler Dr. Gottfried Auer den Heiligen Ivo Hélory, der in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in der Bretagne gelebt hat, als Vorbild und Patron der Juristen hin. Der Heilige war Theologe und Rechtsgelehrter und trat vor geistlichen und weltlichen Gerichten immer wieder unentgeltlich als Anwalt der Armen, Unterdrückten und Hilflosen auf. Der Kanzler legte den Anwesenden nahe, im Umgang mit dem Recht und den Menschen nach dem Beispiel des Heiligen Ivo immer auch die Demut zu zeigen.
Die Kollekte beim Gottesdienst kommt der Kinderwelt Stiefern zu Gute, in der 53 Kinder im Alter von 3 bis 18 Jahren aus schwierigem Milieu mit einem hohen sozialen Defizit eine neue Heimat gefunden haben.