Es ist heute schwieriger geworden, die Treue zu leben

"Familie - Wege in die Zukunft" war das Thema der Priesterstudientagung vom 26. bis 28. Februar im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten. Viele haben heute Angst, sich dauerhaft zu binden. Dennoch haben sie im innersten Herzen Sehnsucht nach definitiver Treue. Diese kann gelingen, wenn sie die Wahrheit ihrer Berufung gefunden haben. Das erklärte der Grazer Mediziner und Ordinarius für Moraltheologie, Univ. Prof. DDr. Walter Schaupp in seinen Ausführungen zum Thema "Bis der Tod euch scheidet - Zur Krise definitiver Bindungen in der heutigen Zeit". Menschen haben heute Schwierigkeiten, sich definitiv zu binden, sagte Schaupp. Dies betreffe nicht nur die Ehe, sondern alle Bereiche. Die Scheu vor Bindungen liege nicht nur bei den Menschen selbst. Vielmehr stehen verschiedene gesamtgesellschaftliche Entwicklungen dahinter.

Pluralität der Lebensformen

So sei der einst stabile metaphysische und religiöse Ordnungsrahmen zerbrochen, die Menschen betonen heute stärker ihre Individualität und sie stehen einer Vielzahl möglicher Lebensformen gegenüber. Dies führe sie in eine neue Sinnkrise. Der Mensch müsse sich heute im Leben seinen Sinn erst "erobern", der früher gleichsam vorgegeben war, sagte Schaupp. Das Leben sei zu einem Suchprozess geworden, in dem die objektiven Gewissheiten früherer Zeiten weggebrochen sind.

Emotionalisierung

In der Beziehungswelt fehlen heute zudem die einst stabilisierenden Faktoren. Frauen seien heute zudem eigenständiger geworden. Nicht zu unterschätzen sei das immer höhere Lebensalter, wobei die Zeit mit den Kindern nur mehr einen kleinen Abschnitt des gesamten Lebens ausmache. Die Beziehungen haben sich weiters auf die emotionale Ebene verlagert und wurden dadurch "sehr zerbrechlich". Dennoch, so Schaupp, haben viele Menschen den "Traum von einer dauerhaften Beziehung" behalten, doch die Lebenswirklichkeit sei anders geworden.
Hinter all der Krise sieht Schaupp auch eine "Botschaft". Denn nach dem Wegfall der äußeren stabilisierenden Faktoren werden die inneren Faktoren umso wichtiger. Menschen begebe sich auf die Suche, sehen im Partner und in der Ehe vielmehr einen Entwurf und nicht einen vorgegeben Weg. Sie seien auch empfänglicher für eine spirituelle Tiefe geworden.

Sehnsucht nach Treue

Dabei, so der Referent, gebe es auch Möglichkeiten für definitive Bindungen. Menschen haben Sehnsucht nach beständiger Treue, was auch empirisch nachweisbar sei, bestätigte Schaupp. Sie versuchen, aus ihrem Leben eine Sinneinheit zu machen. Und wenn sie diese Wahrheit oder Berufung gefunden haben, "könne auch so etwas wie Treue gelingen", betonte Schaupp. Die spontanen Treueschwüre jung Verliebter zeigen, dass Treue auf Dauer angestrebt wird.

Ein Gott der Treue

Aus theologischer Sicht zeigt die Heilsgeschichte die Treue Gottes zu den Menschen auf: es gibt jemandem, der den Menschen bejaht. Daher sollen auch Menschen untereinander treu sein. Die Menschwerdung Gottes sei ein weiteres Argument für das Gelingen von Treue in einer unsicheren Welt. In Jesus Christus habe sich die Fülle Gottes geoffenbart, und zwar in einem sehr begrenzten fragmentarischen Lebenskonzept. Diese Sicht könne auch der eigenen Lebensdefinition gegenüber einem Partner einen tieferen Sinn ergeben, wies der Moraltheologe hin. In der Hoffnung auf die eschatalogische Erfüllung können auch Schwächen und Fehler des Partners akzeptiert werden.

Glaube und Leben gehören zusammen

Die Kirche selbst sei in der heutigen säkularen Zeit ein Zeichen, wo nicht nur von Gott gesprochen, sondern sein Auftrag auch getan werde. Glaube und Leben seien bereits im Evangelium miteinander und ineinander verflochten. Die Glaubenswirklichkeit, so Schaupp, sei auch Lebenswirklichkeit. Dabei habe die Sakramentalität der Kirche eine ethische Dimension, die heute zunehmend auch zu moralischen Konflikten zwischen Kirche und Gesellschaft führt, etwa in den Fragen der Euthanasie, der Ehe, der Embryonenforschung oder der Sexualität.

Kirche hat Sendung

Traditionelle Formen, wie Kirche einst ihre ethische Sendung wahrgenommen habe, seien heute in die Krise geraten. Es könne das Sittengesetz nicht mehr auf autoritäre Weise für die gesamte Menschheit vorgeschrieben werden, da heute das Verständnis dafür fehle. Umgekehrt habe auch die Kirche in ihrer Geschichte von der Gesellschaft gelernt. So kommen etwa die Aspekte der Menschenwürde aus dem profanen Bereich.
Die Mitgestaltung bei ethischen Prozessen müsse heute kompromissbereit auf der Basis demokratischer Strukturen ablaufen. Die Kirche müsse dennoch auch ihr prophetisches Zeugnis ablegen, die Menschen für Dinge "sehend machen", die sonst nicht wahrgenommen werden und sie müsse Orte haben, in denen exemplarisch das verwirklicht werde, was sie selbst verkündet.

Gradualität

Das Gesetz der Gradualität, auf das sich auch Papst Johannes Paul II. gestützt habe, versuche die Problematik dieses Weges in den Griff zu bekommen. Es bedeute eine Abkehr vom "Alles-oder Nichts"-Prinzip und stelle einen stufenweisen Weg in der Verwirklichung des Guten dar. Dabei werde das bestehende Gesetz nicht relativiert, sondern die Liebe Gottes in das Geschehen mit hinein genommen. Das Evangelium bleibe in seiner Radialität und Unabdingbarkeit erhalten, es werde aber auch seine Lebbarkeit gesehen.
Zusammenfassend betonte Schaupp, die Kirche habe eine ethische Sendung und müsse sich daher auch in das Leben der Menschen einmischen. Es bedürfe aber einer Neubesinnung, wie Kirche in der Gesellschaft heute wirksam werden kann.