Eröffnung Caritas-Wohnhaus in Raxendorf

Geehrte Frau Landesrätin, Frau Bezirkshauptmann, Herr Bürgermeister, Herr Direktor, sehr geehrte Damen und Herren! Sehr gut erinnere ich mich an meinen ersten Besuch in Raxendorf, bei dem mir der Herr Bürgermeister mit Stolz das damals in Rohbau befindliche Wohnhaus der Caritas für Menschen mit geistiger Behinderung zeigte. Ich freute mich darüber. Inzwischen ist der Bau fertig gestellt und bezogen. Wir hatten leider gleich zu Beginn ein nicht geplantes Medienecho, das bei mir das Bedürfnis geweckt hat, die heutige Eröffnung zu nützen, um drei Themen zur Sprache zu bringen.

Zunächst: Die Katholische Kirche hatte und hat in unserem Land (ich beziehe mich auf ganz Österreich; es gilt aber wie mir scheint eigentlich weltweit) eine Vorreiterrolle in der liebevollen Betreuung von Menschen mit Behinderung. Die Katholische Kirche hat immer die Auffassung vertreten, dass jeder Mensch einmalig, unaustauschbar, geistig ist. Für jeden Menschen ist es wichtig, so wie er ist, angenommen zu werden, und eine Gesellschaft ist nur dann wahrhaft menschlich, wenn sie die zu ihr gehörenden Menschen - auch kranke, behinderte und alte Menschen - integriert und deren Rechte und Bedürfnisse beachtet. Und als Christ sage ich: Gott erwartet von uns, dass wir zueinander ja sagen. Außerdem: Jeder Mensch hat seinen Wert, das trifft auch auf einen behinderten, kranken und alten Menschen zu. Oft habe ich beobachtet, wie eine Familie, die ein krankes oder ein behindertes Kind bewusst bejaht, selbst positiv verändert wird. Manchmal frage ich mich, ob wir nicht früher oder später selbst einmal behindert sein werden?

Das 2. Thema: Unvergesslich ist mir der Besuch einer geistlichen Schwester mit ihrer Behindertengruppe. Sie war und ist eine begabte Lehrerin, eine Frau mit einem großen Herzen. Wir gingen gemeinsam in die Kapelle und die Schwester leitete das Gebet der ihr anvertrauten Jugendlichen mit Behinderung. Es war beeindruckend, mit welcher Spontaneität und Einfachheit diese jungen Menschen beteten. Für mich war es lehrreich. Ich lese auch gerne die Bücher eines katholischen Priesters, der viele Jahre mit zum Teil sehr schwer behinderten Menschen zusammengelebt hat. Er beschreibt, wie dieses Miteinander - er half manchen von ihnen beim Anziehen, beim Essen usw. - ihn selbst verändert und bereichert hat.br> Was will ich mit diesen kurzen Hinweisen sagen? Ich möchte zum Ausdruck bringen, wie wichtig es mir ist, dass in den Wohnhäusern der Caritas - gerade auch in jenen für Menschen mit geistiger Behinderung - der menschliche, auch der religiöse Aspekt gepflogen wird. Für jeden Menschen ist für die Bewältigung des Lebens die Beziehung zu Gott Quelle des Lichtes, der Freude, der Kraft. Das gilt in ganz besonderer Weise auch für den Menschen, der krank ist, ein Problem hat oder eine Behinderung.

Ich möchte aber aus gegebenem Anlass noch ein weiteres Thema zur Sprache bringen:
Ich empfinde als sehr bedenklich, ja sogar bedrohlich die bereits in zwei Fällen ergangenen Urteile des Obersten Gerichtshofes, durch die Ärzte zu Schadenersatz verurteilt wurden, weil ihnen Nachlässigkeit in der Untersuchung bzw. in der Information vorgeworfen wurde und behinderte Kinder zur Welt kamen. Ich verstehe, dass der Arzt mit größter Umsicht und Fachwissen seinen Beruf ausüben und der Informationspflicht nachkommen muss. Es fehlen mir jedoch - auch seitens der rechtlichen Instanzen - die klaren Aussagen, dass auch nach jetzt gültigem Recht prinzipiell Leben zu schützen ist, dass ein Mensch mit Behinderung genauso ein Recht auf Leben hat wie jeder andere und dass die Informationspflicht des Arztes im Falle der Diagnose oder des Verdachtes auf Vorliegen einer Behinderung eine umfassende sein soll und nicht nur in der Empfehlung bestehen kann abzutreiben. Es ist notwendig, schwangeren Frauen und deren Familien in solchen Situationen mit Rat und Tat beizustehen. Unter anderem könnte man Frauen, die Hilfe brauchen, auch darauf aufmerksam machen, dass es solche wunderbaren Einrichtungen wie die der Caritas gibt, die für Familien mit einem behinderten Kind eine wichtige Hilfe bedeuten.
Außerdem macht mich traurig, dass die Diskussion um die Fristenlösung derart festgefahren ist, dass man darüber fast nicht reden kann, ohne unsachliche Emotionen auszulösen. Es wäre höchste Zeit, die versprochenen flankierenden Maßnahmen endlich einzuführen und über gewisse Veränderungen des Gesetzes nachzudenken, zB über die Abschaffung der eugenischen Indikation und die entschlossene Förderung der Beratung im Zusammenhang mit pränataler Diagnostik.

Ich wünsche allen, die in diesem Haus jetzt und in Zukunft wohnen ein wirkliches Zuhause, die Erfahrung angenommen und geliebt zu sein und jenen allen, die hier tätig sind, ein großes Herz, Geduld, viel Liebe, auch den Beistand Gottes.