Engagement der Kirche für eine Humanisierung der Gesellschaft

Bei der Bewertung der "Zeichen der Zeit" sei nicht "Kulturpessimismus" angesagt, sondern engagierte Solidarität mit durchaus vorhandenen positiven Entwicklungen, erklärte die Wiener Theologin Dr. Veronika Prüller-Jagenteufel am vergangenen Wochenende beim FORUM XXIII in St. Pölten zum Thema "Vor welchen Herausforderungen steht die Kirche heute?". Die Kirche soll möglichst vielen unterschiedlichen Menschen "Andockmöglichkeiten" bieten. Die vom II. Vatikanischen Konzil bekräftigte Verpflichtung der Kirche, "nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie Im Lichte des Evangeliums zu deuten", stellt auch heute für die Kirche und die Christen eine zentrale "Herausforderung" dar. Bei aller notwendigen kritischen Betrachtung ist dabei nicht "Kulturpessimismus" angesagt. Neben Unheil und Ungerechtigkeit in den gesellschaftlichen Entwicklungen unserer Zeit gebe es auch "Aufbrüche von mehr Menschlichkeit" und "Entwicklungen zum Guten", betonte die Theologin. Diese positiven Entwicklungen soll die Kirche "als engagierte Zeitgenossin solidarischen begleiten und fördern".
Mit der Intention, die "Zeichen der Zeit" zu erkennen, war es Papst Johannes XXIII. nicht um eine bloß "neutrale Betrachtung des Vorfindlichen" zu tun, hob die Theologin hervor. Vielmehr ging es ihm darum, nach den in den gesellschaftlichen Entwicklungen liegenden "Möglichkeiten zur Humanisierung der Gesellschaft, zur Förderung des Menschseins und der Menschlichkeit" zu fragen.

Aufbruch der Frauen

Als eines dieser "Zeichen der Zeit habe Johannes XXIII. den ,,Aufbruch der Frauen" gewertet, der auch heute eine der großen Herausforderungen der Gegenwart sei. Diesbezüglich habe sich seither in den mehr als 40 Jahren schon viel verändert, stellte Prüller-Jagenteufel fest und fügte hinzu: "Viel positive Entwicklung - und auch so mancher Irrweg - liegen bereits hinter uns. Aber es bleibt noch viel zu tun… Die postpatriarchale Gesellschaft und die postpatriarchale Kirche sind erst noch zu gestalten."
Als Christin - so die Theologin - wisse sie sich aufgefordert, "mit dieser Bewegung in vielem mitzugehen, das Anliegen der gesellschaftlichen Beteiligung von Frauen mitzutragen, Frauen in allen Bereichen zu fördern und einen verstärkten Einfluss von Frauen auch in den eigenen Reihen der Kirche ausdrücklich willkommen zu heißen". Die Pastoraltheologin redete dabei einer "kritischen Reflexion der patriarchalen Formen" und einer "Überprüfung aller Vorgänge, Entscheidungen und Regelungen auf ihre Auswirkungen auf Frauen und Männer" das Wort. Sie ist überzeugt, dass das, was Frauen an Spezifischem einzubringen haben, die Gesellschaft und die Kirche bereichert.

Innerkirchlicher Pluralismus ein "Reichtum"

Eine adäquate Antwort der Kirche auf diese und andere Herausforderungen der Gegenwart verlangt nach Meinung der Theologin von der Kirche und den Christen "Treue, wo um es um tief liegende Grundsätze geht". Als Beispiele führte sie die Euthanasie sowie den "Zugriff auf Menschen mittels Gentechnik und Pränataldiagnostik" an, aber auch "Treue im Aufrechterhalten von gemeindlicher und eucharistischer Präsenz (der Kirche) angesichts ausdünnender Personaldecke und schrumpfender Mitgliederzahlen". Neben Treue bedürfe es gleichzeitig der "Tugend der Veränderungsbereitschaft", das Einlassen auf "das nie versiegende Neue", das es in einer lebendigen Kirche Immer wieder geben werde.
"Zentral wichtig" erscheint der Theologin, dass die Kirche "mit möglichst weit gespannter Außenhaut vielen und ganz unterschiedlichen Menschen Andock-Möglichkeiten bietet". Der innerkirchliche Pluralismus, "so anfordernd er auch immer wieder sein mag", biete dazu mit "dieser wunderbaren Vielfalt an Gemeinde- und Glaubensformen, Gruppen und Initiativen herrliche Chancen". Die Kirche könne stolz darauf sein, dass sie "ein so vielfältiges und interessantes Gebilde ist".