Eintauchen in das Land der Bibel

Es ist schon ergreifend: Genau hier, wo das berühmte Mosaik mit dem Brotkorb und den beiden Fischen in den Boden der Apsis eingelassen ist, hat Jesus das Wunder der Brotvermehrung gewirkt. Hier stehen - und den gleichen Duft vom See Genezareth und von den umliegenden Wiesen und Gärten riechen, die gleichen Klänge vom nahen Ufer und von den Vögeln hören. Wie damals vor zweitausend Jahren.

Und doch ist alles anders: Das Land ist nicht mehr so grün, das Wasser ist knapp. Städte und Siedlungen fressen sich in die Landschaft hinein. Andere Menschen aus zahlreichen Völkern leben hier. Eine trennende Mauer wurde gebaut … Die Spannung zwischen der Gegenwärtigkeit der Geschichte und der geschichtlich gewachsenen Gegenwart ist groß. Es ist eine ähnliche Spannung wie sie die Botschaft der Bibel in unsere heutige Zeit hineinbringt: Auch das fünfte Evangelium, wie das Heilige Land oft bezeichnet wird, will in unsere Zeit übersetzt und von den heutigen Herausforderungen her verstanden werden.

Das heutige Tabgha liegt nahe den biblischen Orten Betsaida und Kapernaum, die durch archäologische Funde genau lokalisiert werden können. Bereits die ersten Christen, noch unmittelbare Zeugen Jesu, haben an dieser Stelle einen Stein als Altar gesetzt, um an die Speisung der Fünftausend zu erinnern. Im Jahre 1984 haben deutsche Benediktiner rund um diesen Ort und das berühmte byzantinische Mosaik eine schlichte Kirche im Stil einer romanischen Basilika gebaut.

Flüsse und Felsen

Nicht alle biblischen Plätze aus dem Alten und dem Neuen Testament sind so genau bekannt oder durch Kirchenbauten gekennzeichnet und geschützt. Oft ist es einfach die Landschaft selbst, ein Geruch, ein Blick, eine Begegnung, die den Geist erfahren lassen. So sind am Ufer des Jordans plötzlich zwei durstige Rehe aufgetaucht, die sofort an Psalm 42 denken ließen: "Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir." Die zentrale Rolle des Wassers für das Leben in einem Land, das ganz auf den Segen des Regens angewiesen ist, verbindet die biblischen Zeiten mit der heutigen. Und der Durst nach Begegnung mit Gott.

Die Jordanquellen in Banyas sind ein lieblicher, als Garten gestalteter Ort. Doch ein Stück weiter oben ist die Akropolis der früheren hellenischen Stadt Caesarea Philippi an und teilweise in einen gewaltigen Felsen gebaut. Da bekommt das Wort Jesu, das er hier zu Petrus sprach ein ganz anderes Gewicht: "Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen …" (Mt 16,18) Banyas - eigentlich Panyas - ist nach dem Heiligtum des griechischen Gottes Pan benannt, dem hier ein großes Höhlenheiligtum am Fuß des Felsens geweiht war: "… und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht bewältigen."
Griechische Kultur, römische Besatzung und galiläisch-jüdische Bevölkerung sind hier einst aufeinander gestoßen. Heute liegt der Ort am Fuße des Berges Hermon im Grenzgebiet von Israel zu Syrien und dem Libanon, von Raketen bedroht.

Von Galiläa nach Jerusalem

Die meisten Pilgerreisen in das Heilige Land folgen dem Weg Jesu, von Nazareth, wo sich die Verkündigungsbasilika befindet, durch Galiläa, dem Hauptgebiet seines zwei- bis dreijährigen Wirkens in den Süden nach Jerusalem. Die Stadt des Leidens, des Sterbens und der Auferstehung Jesu hat sich im Lauf der zweitausend Jahre sicher am stärksten verändert. Oftmals vollständig zerstört und wieder aufgebaut ist hier kein Stein auf dem anderen geblieben - obwohl doch: einige Steinreihen der östlichen Stadtmauer stammen noch aus biblischer Zeit. Nur dieser Teil der Mauer ist noch mit der Stadtgrenze Jerusalems, wie es zur Zeit Jesu bestand, identisch. Der Rest der Stadtmauer mit dem gewaltigen Damaskustor bezeichnet die Grenzen der Stadt unter osmanischer Herrschaft.

Und da ist auch noch eine Mauer aus herodianischer Zeit, heute als Klagemauer bekannt und Zentrum des religiösen Lebens der Juden. Die zyklopischen Steine sind nicht - wie oft angenommen wird - die Westmauer des einstigen Tempels, den die Römer um 70 n. Chr. Zerstört haben: Vom Tempel ist nichts übrig geblieben. Besatzer leisten immer gründliche Arbeit, einst wie heute. Es handelt sich um ein Stück der Stützmauer vom Plateau des einstigen Tempelbezirkes. Herodes hat die Terrasse, auf dem der zweite Tempel errichtet wurde vergrößert, und gewaltige Mauern stützten diese Fläche ab.

Es geht hier den Juden also nicht um die Verehrung einer letzten Tempelmauer, sondern um viel mehr: Dieser Ort ist dem Platz, an dem sich einst die innerste Kammer des Tempels befand, das Allerheiligste, am nächsten. Seit der islamischen Eroberung Palästinas und der Errichtung des Felsendoms Ende des 7. Jahrhunderts ist der Berg Moria, der Tempelberg, für Juden nicht mehr zugänglich. So versuchen sie bei ihren Gebeten dem Ort der Gegenwart des Herrn, dem "Schemel seiner Füße", möglichst nahe zu sein.

Eine Ader des Lebens

Nahe dem Herrn ist man auch in den Gassen der Altstadt Jerusalems, auch wenn sie äußerlich eine ganz andere ist als zur Zeit Jesu: Wie eine lebendige Ader, wie ein Rückgrat zieht sich die Via dolorosa, der Kreuzweg durch das Labyrinth der engen Gassen. Natürlich ist der historische Kreuzweg unbekannt und wäre bei der heutigen Bebauung auch nicht mehr nachzuvollziehen. Aber darauf kommt es such gar nicht an: Die Via dolorosa ist ein lebendiger Weg des Gebetes, der Andacht, der Meditation, der täglich von zahlreichen Pilgern aus aller Welt verinnerlicht wird. Sie ist wie eine äußere Landkarte, die auf die inneren Landschaften des Glaubens verweist.

Fest stehen jedoch Anfangs- und Endpunkt der Via dolorosa: das Prätorium, wo Jesus zum Tode verurteilt wurde, und Golgatha, der Ort der Kreuzigung. Einst vor den Toren der Stadt gelegen, befindet sich die Grabeskirche heute mitten in der (türkischen) Altstadt. Der Standort der Festung Antonia ist gesichert, das originale römische Pflaster des Hofes, wo einst Jesus dem Pilatus vorgeführt wurde bis heute erhalten. Die Spuren der in die Steinplatten eingeritzten Spiele römischer Soldaten sind noch zu erkennen. Der Felsen von Golgatha hingegen ist nicht mehr zu sehen. Er liegt vollständig überbaut im orthodoxen Teil der Grabes- (und Auferstehungs-) Kirche. Nur durch eine kleine, mit einer silbernen Sternrosette eingefasste Öffnung können die Pilger ihre Hand hindurchstrecken und den Felsen berühren.

Massen drängen sich in der verwinkelten, in vielen Jahrhunderten umgebauten und erweiterten Kirche. Blitzlichtgewitter überall. Dann wieder geblendete Dunkelheit und schwere Weihrauchwolken. Irgendwo Gesänge orthodoxer Mönche. Eine seltsame Mischung aus mystischer Stimmung und Massentourismus. Langes Anstellen vor dem Kreuzigungsaltar, Gedränge. Schließlich steht man vor der Altarplatte mit der byzantinischen Inschrift, muss sich hinknien, ganz klein machen, um in die schmale Nische darunter zu kriechen. Und da, ganz plötzlich, ist alles still. Es ist schon ergreifend: Genau hier, wo die in Silber gefasste Öffnung in den Boden eingelassen ist, hat Jesus für uns sein Blut vergossen.

Diözesanwallfahrt nach Israel
mit Bischof Küng vom 9. bis 16. Februar 2008
Letzte freie Plätze!
Information und Anmeldung:
Pastoralamt Diözese St. Pölten
3101, Klostergasse 15
Tel.: 02742/398-304
E-Mail: