Ein Aufruf zum Nachdenken

Die Predigt von Kardinal Christoph Schönborn im Jerusalemer Abendmahlssaal über das "dreifache Nein Europas zum Leben" war "nicht so sehr eine Schuldzuweisung, sondern ein dringender Aufruf zum Nachdenken". Dies betonte Diözesanbischof Klaus Küng in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Presse".
(KAP) Dass die geringe Kinderzahl "ein riesiges Problem heute und für die Zukunft darstellt", sei Allgemeingut, erinnerte Küng. Dafür gebe es selbstverständlich mehrere Ursachen, auch "die Ablehnung der Anliegen der Enzyklika 'Humanae vitae'" spiele eine große Rolle. Was Paul VI. bei einer "Liberalisierung der Verhütung" kommen sah, sei eingetroffen. All das sei Grund zum Nachdenken, "nicht nur für Bischöfe, aber selbstverständlich auch für sie".
Die "Mariatroster Erklärung" von 1968 sei nicht als "Nein zu 'Humanae vitae'" zu verstehen, betonte Küng. Die Bischöfe seien davon ausgegangen, dass "einige Aussagen der Enzyklika für viele zu einem großen Problem werden könnten". Die Bischofskonferenz habe damals versucht, "einen Weg aufzuzeigen, der eine konstruktive Auseinandersetzung, einen Suchvorgang ermöglichen sollte".
Wörtlich stellte Bischof Küng weiter fest: "Leider wurde die 'Mariatroster Erklärung' von vielen so verstanden, als bedeutete sie eine totale Relativierung der lehramtlichen Aussagen des Papstes". 1988 sei dann eine gewisse "Fortschreibung" der "Mariatroster Erklärung" erfolgt, indem der Gewissensbegriff verdeutlicht wurde. Küng: "Nach eigenem Gewissen handeln, bedeutet nicht einfach, losgelöst von den vorgegebenen sittlichen Normen, nach persönlichem Empfinden eine Entscheidung zu treffen, sondern setzt immer eine ernsthafte Suche nach der Wahrheit und das Bestreben voraus, das eigene Denken, Streben und Handeln dementsprechend auszurichten".
In dem "Presse"-Interview plädierte Bischof Küng für eine weitere "Fortschreibung" in dem Sinn, dass bewusst gemacht werden muss: "Liebe und Verantwortung gehören zusammen". Geschlechtsverkehr sei nicht bloß ein Konsumgut, die Verbreitung von Verhütungsmitteln als Lösung sei "zu einfach". Das gelte nicht nur für Unverheiratete, sondern auch für Verheiratete.

Für "verantwortete Elternschaft"

Weiters müsse neu buchstabiert werden, "was die Kirche mit verantworteter Elternschaft meint", so der "Familien-Bischof". Die Entscheidung bezüglich der Kinderzahl sei "von jedem Ehepaar selbst zu treffen". Wahre Liebe führe in einer Ehe zur Bejahung der "gemeinsamen Verantwortung vor Gott, gegenüber Gesellschaft und Kirche, auch gegenüber der eigenen Familie".
Bischof Küng sprach sich auch für "neuerliches Überdenken des Zusammenhanges von Verhütung und Beziehung" aus, aber auch der Gründe, "warum die Kirche die natürliche Empfängnisregelung empfiehlt". In den letzten 40 Jahren seien die diesbezüglichen Erkenntnisse gereift; vielleicht gelinge es jetzt besser, sie zu vermitteln.

(KAP)

siehe Kathpress-Nachrichtendienst