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Die Zukunft geht über die Familie. Beitrag für das Diözesanjahrbuch 2007

Wer über die großen Fragen in Gesellschaft und Kirche heute nachdenkt und überlegt, wo die Lösungsansätze für die Bewältigung der Probleme zu suchen sind, stößt unvermeidlich auf das Thema Familie.
Johannes Paul II. schrieb schon 1981 im Päpstlichen Rundschreiben Familiaris Consortio: "Die Zukunft der Menschheit ist die Familie" (FC 86). Später sagte er bei vielen Gelegenheiten das Gleiche bezüglich der Kirche.

Die großen Fragen

Wir haben zu wenig Kinder. Damit sind viele und große Probleme verknüpft: Wegen der Alterspyramide geraten die Pensions- und Versicherungssysteme ins Wanken. Es entstehen Gefährdungen für den sozialen und politischen Frieden, wenn die natürliche Regeneration der Gesellschaft nicht mehr durch die Kinder des eigenen Landes erreicht und das dadurch entstehende Problem vor allem durch Immigration gelöst wird. Sehr weit reichend sind die Folgen wo letztlich Egoismus der Grund einer zu geringen Kinderzahl ist. In einer solchen Gesellschaft sind auch die Scheidungen häufig. Viel Leid entsteht durch zerbrechende Familien. Am stärksten werden die Kinder in Mitleidenschaft gezogen. Wenn diese Entwicklung weite Teile der Bevölkerung eines Landes erfasst und länger andauert, das heißt mehrere Generationen betrifft, dann sinkt die Zahl verantwortungsbewusster, ausgeglichener, zu Solidarität und Liebe fähiger Menschen, auch die zu geringe Zahl an geistlichen Berufen in der Kirche hängt damit zusammen.
Alle diese Probleme würden nicht entstehen, wenn genügend Familien auf der Grundlage einer dauerhaften Ehe zwischen Mann und Frau vorhanden wären und wenn in diesen Familien eine wahre Liebe wach wäre. Eine solche Liebe bewirkt nämlich, dass vom Ehepaar jene Kinderzahl bejaht und angestrebt wird, welche die Verantwortung vor Gott, vor Kirche und Gesellschaft als notwendig und die liebevolle Fürsorge für einander als möglich und wünschenswert erkennen lässt.
Ich möchte noch einen anderen Aspekt hinzufügen: In der Kirche haben wir in den letzten Jahren ein Problem mit der Weitergabe des Glaubens. Die Kinder und Jugendlichen finden oft nicht mehr den Zugang. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle. Oft fehlt den Kindern und Jugendlichen das Vorbild der Erwachsenen und der Rückhalt in der Familie. Ohne diesen Rückhalt ist es für die Kinder und Jugendlichen schwer, den Glaubensweg zu finden, auch wenn man sich noch so sehr im Religionsunterricht und in den Pfarren um sie bemüht. Daher ist es unerlässlich, die Familien anzusprechen und für den Glauben zu gewinnen.
Allerdings, der überall präsente weltanschauliche Pluralismus stellt nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern für alle - Jung und Alt - , auch für die um ein christliches Leben aufrichtig bemühten Familien eine große Schwierigkeit dar. In den heutigen Lebensverhältnissen muss sich jeder einzelne Christ zu einer eindeutig christlichen Denk- und Lebensweise durchringen; der christlichen Familie kommt in diesem Bemühen eine besondere Bedeutung zu. Sie braucht aber Hilfestellungen, Ermutigung und Begleitung.

Neue Entwicklungen

In den letzten Jahren hat angesichts der gesellschaftlichen und kirchlichen Lage innerkirchlich ein Nachdenkvorgang eingesetzt, es sind auch manche Neuentwicklungen erkennbar. Aufhorchen ließen die hohen Beteiligungszahlen bei Weltjugend- und Weltfamilientreffen, die Pilgerbewegung, insbesondere im Heiligen Jahr 2000 stellt einen neuen Trend dar. Besonders beeindruckend war die weltweite Anteilnahme bei den Begräbnisfeierlichkeiten Johannes Paul II. und bei der Wahl Benedikt XVI.
Manche sagen: All das waren besondere "Events" und das ist wahr. Trotzdem weisen diese Ereignisse darauf hin, dass etwas im Gange ist, das auf eine Veränderung in den Herzen der Menschen hinweist. Am Ende des Jahres 2000 konnte Johannes Paul II. als Frucht der Erfahrung des großen Jubiläums die Grundlinien darlegen, die ein Pastoralprogramm in unserer Zeit aufweist, wenn es fruchtbar ist: Christus, der Erlöser, steht im Zentrum; die Notwendigkeit des Gebetes und die Wirksamkeit des Sakramentenempfanges wird von Neuem entdeckt; die Aussagen des Glaubens werden wieder als wichtig angesehen und daher entsteht eine neue Offenheit für sie. Aus all dem ergibt sich ein persönliches und gemeinsames Bemühen um ein authentisches Christsein und ein missionarischer Aufbruch, weil die Nöte der Menschen - nicht nur die materiellen, sondern auch die geistigen, seelischen - groß sind.

Die Bedeutung der christlichen Familie

Zunächst ist festzuhalten, dass die Umkehr - und Aufbruchsbewegung immer beim Einzelnen ansetzt. Jesus hat zuerst Johannes und Jakobus, Simon und Andreas, das heißt, konkrete Personen angesprochen und zur Nachfolge aufgefordert. So war es von Anfang an, so ist es immer geschehen, so ist es heute und wird es auch morgen sein. So beginnt die Veränderung in einer Familie, an einem Arbeitsplatz, in einer Gemeinde, in einem Land, sie beginnt bei einem.
Den geistlichen Berufen kommt eine besondere Bedeutung zu. Auch Benedikt XVI. wiederholt unermüdlich, dass in der Kirche Priester unersetzbar sind, weil sie den Auftrag und die entsprechende Vollmacht haben, im Namen Jesu das Evangelium zu verkünden, weil sie an seine Stelle tretend die Sünden vergeben und Eucharistie feiern, so dass Christus selbst in den Herzen der Gläubigen gegenwärtig und wirksam wird.
Aber, woher sollen geistliche Berufe kommen, wenn die Kinderzahl in den Familien so niedrig wie es jetzt der Fall ist, wenn das Glaubensleben in den Herzen vieler erkaltet und häufig der Egoismus die überwiegende Kraft ist? Es ist wahr, dass Bekehrungen immer möglich sind, auch in schwierigsten Verhältnissen, aber in der Regel kommt der Familie beim Bewusstwerden einer Berufung und beim Entstehen der Voraussetzungen dafür ein hoher Anteil zu. Das gleiche gilt auch für das Zustandekommen der Voraussetzungen und der Befähigung, eine christliche Familie zu gründen. Wie soll eine christliche Familie entstehen, wenn das "Brautpaar" selbst nur spärliche oder kaum positive Erfahrungen von Familie, vom Glaubensleben in einer Familie, von wahrer Liebe zueinander mitbringt, zudem oft in einer Weise die Familie begründet, dass ein späteres Scheitern nicht verwunderlich ist. Es ist heute leider weit verbreitete Praxis, dass junge Paare zusammenziehen ohne sich genügend zu kennen und ohne dass die Voraussetzungen für die Gründung einer Familie gegeben sind. Oft entstehen so große Enttäuschungen und Verwundungen, manchmal nicht ganz freiwillig eingegangene Hochzeiten, weil es zu ungewollten Schwangerschaften kam.

Grundlegung der Persönlichkeit

Die besten Voraussetzungen für den späteren Lebensweg bringen jene mit, die in einer gesunden Familie aufwachsen. In der Familie kommt es zur Grundlegung der Persönlichkeit nicht nur durch die Abstammung von Vater und Mutter verbunden mit bestimmten Veranlagungen und vererbten Eigenschaften, sondern vor allem auch durch die Erfahrung der elterlichen Liebe, ihres Vorbildes und ihrer Fürsorge. Heute wissen wir besser denn je, dass die ersten Lebensjahre, und schon vorher die Schwangerschaft, den Menschen sehr stark prägen. Die Tugenden - auch die Untugenden - werden weitgehend in der Kindheit grundgelegt, ebenso hat der Glaube der Eltern für die spätere religiöse Entwicklung eine große Bedeutung.
Und wenn christliche Familien mit anderen christlichen Familien befreundet sind, wenn sie eine Beheimatung in einer positiv wirkenden Gemeinschaft gefunden haben, ist auch heute, inmitten einer weitgehend säkularisierten Gesellschaft, die Chance für die Kinder groß, dass auch sie den Weg zum christlichen Glauben, zu einer christlichen Lebensweise finden, auch wenn wohl kaum jemandem gewisse Krisen ganz erspart bleiben.
Gesunde christliche Familien, in denen die Liebe Christi lebendig ist und die daher immer auch Kinder in größerer Zahl - einfach gesagt: jene, die Gott will - bejahen, sind gerade auch in unserer Zeit die wichtigsten Hoffnungsträger christlicher Überzeugung und christlicher Liebe.
Wie entstehen christliche Familien? Was können wir für sie tun? Wie können wir sie fördern, zu ihrer Entfaltung beitragen?

Christliche Familienkultur

Das Nachdenken über die heutige Situation der christlichen Gemeinden, der Schulen, der Jugend, der Gesellschaft führt zur besonderen Widmung an die Familie. Beginnen wird man bei allen jenen Familien, die ansprechbar sind, insbesondere bei den jüngeren und den jungen Paaren, die an die Gründung einer Familie denken.
Man wird von bereits Vorhandenem ausgehen, die Taufgespräche, die Vorbereitung der Erstbeichte und der Erstkommunion sowie die Vorbereitung der Firmung der Kinder benützen, um auch die Eltern anzusprechen, damit sie ihre Familie christlich gestalten, eine christliche Familienkultur entwickeln. Es ist notwendig, ihnen Anregungen zu geben, damit sie den Sonntag gut leben und sich über die Nützung der Freizeit Gedanken machen, von neuem in ihrem Familienleben christliche Gewohnheiten einführen. Es werden spezifische Katechesen erforderlich sein, welche die verschiedenen Aspekte einer christlichen Familie und ihre Aufgaben beleuchten. Besonders wichtig wird sein, dass auch die Eltern den Wert des Gebetes, den Schatz des Gotteswortes und die große Hilfe durch den Empfang der Sakramente entdecken. Einen besonderen Stellenwert werden die Erziehungsfragen einnehmen.

Jugend ist begeisterungsfähig

Sehr wichtig wird es sein, ein besonderes Augenmerk der Jugendarbeit zuzuwenden. Auch die Jugend von heute ist durchaus ansprechbar und für die Hinführung zu Gebet und zum Empfang der Sakramente offen. Wie die Erfahrung der Weltjugendtage und aller Gebetsbewegungen unter Jugendlichen zeigen, wünschen sie eine klare, lebensbezogene Darlegung des Glaubens ohne Wenn und Aber. Auch die heutige Jugend ist begeisterungsfähig, wenn sie den Zugang zu Christus findet. Es muss uns ein großes Anliegen sein, ihnen beizustehen und sie auf ihrem Weg zu begleiten.
Schließlich muss auch noch das Thema Ehevorbereitung angeschnitten werden: große Anstrengungen sind erforderlich, um in den Familien, vor allem unter den Jugendlichen das Bewusstsein zu wecken, dass es besser ist, bis zur Ehe zu warten, dass die kirchliche Trauung nicht bloß ein äußerlicher Formalakt, sondern Grundlage für das gemeinsame Leben ist und eine große Hilfe bedeutet, um den Weg zu einer dauerhaften, wahrhaften Beziehung finden zu können; dass nach einer Zeit gründlichen Kennenlernens und der Prüfung ob eine tragfähige gemeinsame Basis in den Wertvorstellungen und in den Interessen vorhanden ist, der Entschluss zu einer festen Bindung für die Erreichung einer wirklichen Hingabe unerlässlich ist. Die Schönheit einer Familie mit einer größeren Zahl von Kindern und die Schönheit der damit verbundenen Aufgabe sollte in unserer Zeit mit neuem Mut verkündet werden. Möge uns die heilige Familie beistehen!