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Die rechten Worte, zu heilen

"Ihr habt mir das Leben gerettet, Ihr habt mich aus dem Sumpf gezogen". So Franz, einer von vielen Tausend Anrufern bei der Telefonseelsorge St. Pölten. Nach zwölf Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken fühlt er sich nun wieder stark genug, sein Leben selbst zu meistern. Die Telefonseelsorge war sein Begleiter auf diesem Weg, sagt er. "Es hilft in meiner Einsamkeit, wenn ich mit euch plaudern kann". Die Telefonseelsorge St. Pölten hat vor 30 Jahren klein begonnen. Im Jahr 1974 in einem kleinen Büro in der Schreinergasse, hoch über den Dächern der Stadt. Friederika Flasar, von der ersten Stunde an Mitarbeiterin, erinnert sich: "Unsere Dienstzeit dauerte täglich von 17 bis 21 Uhr, nach Bedarf auch bis 22 Uhr. Zu Weihnachten und Silvester waren wir die ganze Nacht am Telefon. So eine Nacht kann lang werden, wenn man sie auf harten Sesseln verbringen muss". Erst zehn Jahre später erhielt der Nachtdienst ein Bett.

1992 wurde die Telefonseelsorge aus dem Beratungszentrum Rat und Hilfe herausgelöst und ist seitdem ein eigener Bereich. "Eine gewaltige Entwicklung", meint dazu die Leiterin der Telefonseelsorge, Mag. Irene Gartner. Waren es im Gründungsjahr noch 1.825 Bereitschaftsstunden am Telefon, so sind daraus 8.760 Stunden jährlich geworden. In dreißig Jahren bedeutet dies mehr als 254.000 Stunden für Menschen, die Hilfe suchen. In 256.000 Gesprächen haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tausenden Menschen geholfen, in ihrem Leben wieder Hoffnung zu finden. "30 Jahre Telefonseelsorge sind nicht nur Anlass zu feiern, sondern ein Meilenstein in unserer Entwicklung", sagen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Über 30.000 Anrufe in einem Jahr

Mit Stolz kann die Telefonseelsorge auf 32.741 Anrufe im vergangenen Jahr verweisen. Auch wenn viele davon Schweigeanrufe, Testanrufe und verwählt waren, ist es eine gewaltige Zahl. Dahinter stehen tausende Einzelschicksale, Verzweiflung und Tränen. Doch immer wieder konnten die Mitarbeiter dabei einen Funken Hoffnung entzünden. Viele Anruferinnen und Anrufer erhielten ein Stück Lebensmut zurück. Und für die Mitarbeiter war es immer wieder ein Stück Freude, wenn sie sich in ihrer Arbeit bestätigt sahen. Auch, wenn sie oft nicht mehr tun konnten, als zuzuhören. "Wenn niemand mehr zuhört, wir hören immer zu", versichert Gartner. Es gibt Anrufer, die bereits sagen "Ihr seid meine Familie, der ich alles erzählen kann, die mir zuhört und mich versteht".

Erfolg in kleinen Schritten

"Eines der größten Probleme ist heute die zunehmende Vereinsamung", meint Irene Gartner. Tag für Tag sind sie und ihre MitarbeiterInnen mit Menschen konfrontiert, die bei Depressionen und psychischen Belastungen zum Telefon greifen. Anonymität, Stress und fehlende Zeit füreinander schaffen zunehmend Probleme, sagt sie. An Feiertagen und in einsamen Nächten fällt vielen Menschen dann gleichsam die Decke auf den Kopf. "Das ist die Zeit, wo wir einspringen. Bei Depressionen und Einsamkeit hilft oft allein schon das Gespräch", weiß sie zu berichten. Auch berufliche Überforderung, Süchte, Wahnvorstellungen, Abhängigkeiten von Gewalt und Mangel an Selbstwertgefühl bei Frauen sind Gründe, warum sich Menschen immer wieder der Telefonseelsorge anvertrauen.

Frauen wollen ihre Situation zwar verändern, trauen sich aber nicht, den ersten Schritt zu tun. "Wir versuchen, ihnen Mut zu machen, sie zu begleiten. Aber die Entscheidung muss jede selbst fällen", sagt Gartner. Ein Drittel der Anrufer sind Daueranrufer, weist sie hin. Die Hälfte von ihnen kann oder will ihre Situation nicht ändern. Die übrigen sind sehr wohl dazu bereit, schaffen es aber nur in kleinen Schritten - meist nur mit Hilfe und Begleitung der Telefonseelsorge. "Für uns ist es schon ein Erfolg, wenn eine Person mit Depressionen den Weg zum Arzt findet oder eine Frau mit Problemen eine Beratungsstelle aufsucht".

Fehlende Wertorientierung

Die Ursache, warum immer mehr Menschen an Ängsten, Depressionen und psychischen Problemen leiden, sieht Gartner in der Orientierungslosigkeit unserer Gesellschaft gelegen. "Der Höhepunk der Krise ist noch nicht erreicht. Wenn sich Menschen nicht mehr an Werten orientieren, werden psychische Erkrankungen und Süchte noch zunehmen", warnt sie. Seit kurzem wird auch Beratung per E-Mail im Internet angeboten. Ein Bereich, der derzeit noch sehr zaghaft wahrgenommen, aber in Zukunft sicher immer stärker in Anspruch genommen wird, meint Gartner. Die Adresse lautet:

MitarbeiterInnen gesucht

Für die kommenden Jahre sucht die Telefonseelsorge St. Pölten ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um ihren Beratungsdienst weiterhin rund um die Uhr aufrechterhalten zu können. Wer Interesse daran hat, möge sich bei der Telefonseelsorge St. Pölten schriftlich beim Pastoralamt, 3100 St. Pölten, Klostergasse 15, melden. Für die neuen Mitarbeiter wird im kommenden Jahr ein Ausbildungskurs angeboten.