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"Der Mensch braucht Gott, sonst ist er hoffnungslos"

"Der Mensch braucht Gott, sonst ist er hoffnungslos", schreibt Papst Benedikt XVI. in seiner zweiten Enzyklika "Spe salvi" (Auf Hoffnung hin sind wir gerettet), die am Freitag veröffentlicht wurde. In einer großen Zusammenschau der theologischen und der philosophisch-politischen Entwicklung stellt der Papst die christliche Hoffnung den innerweltlichen Zukunftsverheißungen gegenüber, die ab dem späten 17. Jahrhundert dramatische Veränderungen hervorgerufen haben. Alle Versuche und Theorien, menschliche Vernunft und Freiheit ohne Gott zum Maßstab einer vollkommenen Weltordnung zu machen, hätten sich aber als unzureichend erwiesen, betont Benedikt XVI. in dem 60-seitigen Lehrschreiben.

In den Veränderungen des 17. Jahrhunderts macht der Papst den entscheidenden Einschnitt aus: "Die 'Erlösung', die Wiederherstellung des verlorenen 'Paradieses' wird nicht mehr vom Glauben an Jesus Christus erwartet, sondern von dem neu gefundenen Zusammenhang von Wissenschaft und Praxis". Der Glaube werde dabei gar nicht einfach geleugnet, aber auf eine andere Ebene - "die des bloß Privaten und Jenseitigen" - verlagert und damit "zugleich für die Welt unwichtig". Diese programmatische Sicht habe den Weg der Neuzeit bestimmt "und bestimmt auch noch immer die Glaubenskrise der Gegenwart, die vor allem eine Krise der christlichen Hoffnung ist".

Die Hoffnung erhalte eine neue Gestalt und heiße seither "Glaube an den Fortschritt", so Benedikt XVI. Diese Fortschrittsidee werde wesentlich von den Kategorien von Vernunft und Freiheit getragen. Der Papst setzt sich in der Folge mit den Ideen der Französischen und der Russischen Revolution auseinander. Wissenschaft und politische Theorie hätten sich als überfordert erwiesen, was die Erlösungserwartung des Menschen betrifft. Vernunft und Glauben würden einander gegenseitig brauchen, "um ihr "wahres Wesen und ihre Sendung zu erfüllen". Notwendig sei eine "Selbstkritik der Neuzeit im Dialog mit dem Christentum und seiner Hoffnungsgestalt".

Der Papst fordert aber auch kirchliche Selbstkritik. Angesichts der Erfolge der Wissenschaft in Sachen Weltgestaltung habe sich das neuzeitliche Christentum weitgehend auf das Individuum zurückgezogen. "Es hat damit den Radius seiner Hoffnung verengt und auch die Größe seines Auftrags nicht genügend erkannt", auch wenn es gute Bildungs- und Sozialarbeit leiste, mahnte Benedikt XVI.

"Auf mehr hoffen als auf das Erreichbare"

Als praktische "Lern- und Übungsorte der Hoffnung" bezeichnet Benedikt XVI. zunächst das Gebet: Richtiges Beten sei stets eine innere Reinigung, "die uns gottfähig und so gerade auch menschenfähig macht". Dann gehöre dazu das Handeln, aber auch das Leiden: "Alles ernsthafte und rechte Tun des Menschen ist Hoffnung im Vollzug".

Ohne Glaube drohe der Einsatz für die Zukunft in Fanatismus umzuschlagen, warnt der Papst: "Wenn wir nicht auf mehr hoffen dürfen als auf das jeweils gerade Erreichbare und auf das, was die herrschenden politischen und wirtschaftlichen Mächte zu hoffen geben, wird unser Leben bald hoffnungslos".

Als "entscheidendes Hoffnungsbild" bezeichnet Benedikt XVI. die Lehre von den "Letzten Dingen", von Gericht und ewigem Leben. Mit dem Tod würden die Lebensentscheidungen endgültig, der Mensch müsse sich vor Gottes verantworten. Dabei gebe es durchaus die Möglichkeit eines unwiderruflichen Scheiterns, betont der Papst unter Hinweis auf Gestalten der Gegenwartsgeschichte: "Es kann Menschen geben, die in sich den Willen zur Wahrheit und die Bereitschaft zur Liebe völlig zerstört haben".