Der Mensch am Lebensende

In einem Vortrag vor Mitgliedern der Österreichischen Ethikkommission im Landhaus von St. Pölten erläuterte Diözesanbischof DDr. Klaus Küng die Positionen der Kirche zu lebensverlängernden Maßnahmen, Therapiebegrenzung und Therapieabbruch. Als „Schlüsselbegriff für ärztliche Entscheidungen“ nannte Küng, der auch promovierter Mediziner ist, die „Verhältnismäßigkeit“. Diese sei kein medizinischer, sondern ein ethischer Maßstab.

Wo es eine klare medizinische Indikation für eine lebensbewahrende Behandlung gebe, gebiete das ärztliche Ethos, diese Behandlung anzustreben, erklärte Bischof Küng: „Der unermessliche Wert des Lebens bringt es mit sich, dass prinzipiell jede lebenserhaltende und verfügbare Maßnahme verhältnismäßig ist.“ In der Praxis sei die Situation jedoch nicht so eindeutig. Um die Verhältnismäßigkeit beurteilen zu können, müsse daher abgeschätzt werden, ob die Maßnahmen wirksam und zweckmäßig seien. „Medizinisch muss belegt sein, dass die Maßnahmen im Hinblick auf das angestrebte Ziel nützlich sind“, so Küng.

Zur Beurteilung, ob eine medizinische Maßnahme bei einem konkreten Patienten sinnvoll sei oder nicht, müssten jedoch auch die persönlichen Umstände einbezogen werden, betonte Küng. Dazu zählten objektive Faktoren wie Alter, Bewusstseinslage, Lebenserwartung, soziales Umfeld sowie subjektive Faktoren wie die jeweilige persönliche Situation, Wert- und Zielvorstellungen. „Letztlich ist eine Therapie nur dann sinnvoll, wenn sie dem Patienten in seiner Gesamtheit nützt“, unterstrich Küng.

Obwohl, wenn möglich, immer der mündige Patient „das letzte Wort“ habe, könne dieser in den meisten Fällen jedoch „nicht wirklich abschätzen, was auf ihn zukommt“, erklärte Küng. Daher bestehe die Kunst des Arztes gerade darin, dem Patienten einen vernünftigen Rat zu erteilen. Küng: „Hier wird vom Arzt ein hohes Maß an Klugheit gefordert, die als Kardinaltugend der ärztlichen Kunst bezeichnet werden kann.“

In vielen Fällen werde die Frage der Verhältnismäßigkeit darin bestehen, ob die Behandlung angesichts der aktuellen Lage und der Erfolgsaussichten überhaupt zumutbar sei, führte Küng weiter aus. Ein absehbarer tödlicher Ausgang oder schwerste irreparable Schäden seien Entscheidungskriterien für ein vorzeitiges Beenden therapeutischer Maßnahmen.
Andererseits werde der Begriff der Zumutbarkeit gerade im Zusammenhang mit Neonatoligie und Behinderungen „problematisch“ verwendet, gab Küng zu bedenken: „Da geht es oft darum, ob zukünftiges Leid den Betroffenen, der Familie, der Gesellschaft zumutbar sei.“ Das menschliche Leben sei jedoch ein Gut, das nicht gegen andere Güter abgewogen werden dürfe, wie Küng unterstrich.

Wortlaut des Vortrages "Der Mensch am Lebensende"