In den Hinterhöfen Albaniens

Seit acht Jahren leistet die Caritas der Diözese St. PöltenAufbauhilfe in Albanien und hat nun Spender und Helfer zu einer Informationsfahrt nach Tirana, Durres, Puke und Fushe Arrez geladen. In diesen Orten unterstützt sie Projekte, einige davon gemeinsam mit der Caritas Albanien. Ein Blick abseits der engen und ausgetretenen Touristenpfade zeigt das Land in einem anderen Licht.

Die Straßenkinder von Tirana
Sie lagerten einst am Lona-Fluss, der Tirana durchzieht. Die Stadtverwaltung hat den Fluss saniert und die Roma hinausgedrängt. Nun lagern sie auf einem ehemaligen Industriegelände, das auch als Müllhalde dient. Die Sonne brennt unbarmherzig auf die Blech-, Karton und Holzbehausungen nieder. Steiniger Boden, Staub und Unrat. Erion, seit eineinhalb Jahren Sozialarbeiter bei der Caritas, besucht wöchentlich die hier lebenden Menschen. Es sind 30 Familien mit etwa 170 Personen, die Hälfte von ihnen Kinder. "Wir setzen auf die Kinder", berichtet er. Diese brauchen eine Schul- und Ausbildung, um diesem Kreislauf von Armut und Not zu entfliehen. Massive Überzeugungsarbeit ist nötig, um die Vorurteile gegen die Schule zu durchbrechen. Denn Kinder müssen zum Lebensunterhalt beitragen: durch Autoscheiben waschen, Karten verkaufen oder einfach nur betteln. Ohne Registrierung, ohne soziale Hilfe, ohne medizinische Versorgung und ohne Strom fristen die Roma ihr Dasein. Eine vorbeiführende Wasserleitung haben sie angezapft, um zu trinken, um zu waschen, ...
Es ist ein Erfolg, wenn wieder ein Kind in das Caritasprojekt "Haus Eden" kommt. Wie ein Paradies muss es den Kindern erscheinen: gepflegte Räume, Spielsachen und geregelte Mahlzeiten. Und für die älteren Kinder gibt es Lernhilfe. Sozialarbeiter, Psychologen und auch eine Ärztin kümmern sich um sie. Sie sind glücklich, wenn ihnen die Köchinnen Kujtime und Hajrie die Teller füllen. Etwas, das sie von Zuhause kaum kennen.
Die Caritas St. Pölten hat dieses Projekt, das vor fünf Jahren gestartet wurde, bisher mit insgesamt 250.000.- Euro unterstützt. Ebensoviel kam von Renovabis, einer Einrichtung der deutschen Bischofskonferenz. Auch das Außenministerium hat mitfinanziert.
Nun ist es bereits sicher, dass dieses Projekt von der Stadt Tirana übernommen und weitergeführt wird.

Sukth Katund iri - die erste Schule mit PC
Seit einigen Jahren gibt es zwischen Jugendlichen aus der Diözese und Schulen in Albanien auch sogenannte "Schulpartnerschaften". "Eigentlich sind es Schülerpartnerschaften", erklärt Alfred Kasess von der Caritas. Die Caritas stellt den teilnehmenden albanischen Schulen einen PC, Internet und eine Kamera zur Verfügung. "Wie die Schüler ihre Partnerschaft gestalten, bleibt ihnen überlassen", sagt er. Es komme nur darauf an, miteinander in Kontakt zu treten, voneinander zu erfahren, zu lernen und sich verstehen zu lernen. Die Schülerinnen und Schüler "skypen" miteinander - eine kostengünstige Form des "Video-telefonierens" via Internet. Die gemeinsame Sprache ist Englisch.
Direktor Jusuf Hoti von der Grundschule und dem Gymnasium "Sukth Katund iri" ist stolz, die erste Schule der Region mit einem PC zu sein. Er hat über 500 Schüler und 19 Klassenräume. Wegen der engen Räumlichkeiten wird in zwei "Schichten" unterrichtet: das Gymnasium hat am Vormittag Unterricht und die Grundschule am Nachmittag.
In der benachbarten Schule gibt es sogar drei "Schichten": vormittags, nachmittags und am Abend, solange es hell ist. Da elektrischer Strom knapp ist, werden die Kinder bei Anbruch der Dunkelheit nach Hause geschickt, auch in den Wintermonaten.

Frauen beginnen sich zu wehren
Traditionen sind noch stark verankert. Vor allem in der patriarchalisch dominierten Männerwelt am Lande. In Puka in Nordalbanien hilft ein Projekt, das mit Hilfe von Studentinnen der FH St. Pölten gestartet wurde, den sozialen Status der Frauen zu verbessern. Denn Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung und Morde an Schwangeren weit verbreitet. Ein Esel oder eine Kuh gilt oft mehr als eine Frau. Die Angebote im "Woman’s Club Puka" zeigen Wege auf, diesen Repressionen wirksam zu begegnen und sich der Gewalt, dem Frauenhandel und der Arbeitslosigkeit zu widersetzen. Das Bewusstsein zu ändern ist der erste Schritt - und die Überzeugung, dass es möglich ist. Bürgermeister Rustem Struga steht trotz vieler Widerstände hinter dem Projekt und stellt die Räumlichkeiten zur Verfügung. Seine Frau ist aktiv im Club tätig. Der Erfolg zeigt es: 300 Frauen und Mädchen treffen sich immer wieder, um sich Mut zu holen und neue Perspektiven zu bekommen. Ihre Kinder können in dieser Zeit unter Aufsicht spielen.

In den Bergen Nordalbaniens
Stundenlang quält sich der Kleinbus die Bergstraßen nach Fushe Arrez hinauf. Der Ort liegt in einer kleinen Senke, an der Straße Richtung Kosovo. Vor Jahrzehnten wurde noch Bergbau betrieben. Heute liegen die Minen still, der Großteil der Bevölkerung ist weggezogen, nur die Ärmsten sind geblieben.
Seit 15 Jahren arbeiten zwei deutsche Franziskanerinnen in diesem Ort. Monat für Monat verteilen sie 13,5 Tonnen Mehl an die Familien, die oft nicht das Nötigste haben. Vor der Sozialstation treffen wir Viktoria aus Schärding. Sie ist für zwei Monate als Praktikantin bei den Schwestern. Sie trägt die kleine Maidona auf dem Arm, ein Mädchen aus dem Dorf, das tagsüber hier versorgt wird. Sie würde nicht mehr leben, wenn wir sie nicht versorgt hätten, erzählt Schwester Gratias Ruf. Maidona ist ein halbes Jahr alt, wog vor vier Wochen noch vier Kilogramm. In einer Woche hat sie nun eineinhalb Kilo zugenommen und hat beste Lebenschancen. Sie kommt aus völlig desolater Familie, die Mutter ist fort und die Großmutter zieht die Kinder auf. Drei von Maidonas Geschwister kommen ebenfalls in den Kindergarten und erhalten dort täglich eine Mahlzeit.

Es ist nur eines von vielen Projekten, die die Schwestern initiiert haben und durchführen. Sie leiten zudem eine medizinische Versorgungsstation, denn die Menschen können sich weder Medikamente noch ein Krankenhaus leisten. "Eine Operation hat schon so manche Familie um Haus und Hof gebracht", berichtet Schwester Gratia. Im oberen Stockwerk des Gebäudes arbeiten Frauen und stellen Strickwaren her. Daneben ist ein Raum mit Nähmaschinen. "Hier führen wir Nähkurse durch, damit die Frauen sich selbst versorgen können", erzählen die Schwestern. Und im Erdgeschoß haben sich Frauen des Ortes angestellt, um im kleinen Verkaufsraum zu einem symbolischen Preis gebrauchte Kleidung, Decken, Vorhänge und Bettwäsche zu erstehen.

In den Kindergarten kommen etwa 50 Kinder des Ortes. Sie können spielen und bekommen eine Mahlzeit. Besonders lustig ist es, wenn auch Schwester Gratia mit ihren 65 Jahren mitspielt. Als "Draufgabe" bekamen wir von den Knirpsen Lieder vorgesungen - auf albanisch, englisch, italienisch und in tadellosem Deutsch. An die ärmeren Familien verteilen die Schwestern Monat für Monat über 13 Tonnen Mehl. Viele dieser Menschen aus den umliegenden Dörfern nehmen stundenlange Fußmärsche auf sich, um sich ihren Sack Mehl abzuholen.
Die Schwestern sind zu einer Art "Rettungsanker" für die Menschen in Fushe Arrez geworden. Als vor einigen Jahren Waldbrände wüteten, waren sie mit ihren Helfern und ihrem Feuerwehrauto, das von Kirchberg am Wechsel gespendet wurde, wochenlang im Einsatz.

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