„Das Salz darf nicht schal werden“

Die Kirche sei in einer Umbruchssituation, sagte der emeritierte Wiener Weihbischof Dr. Helmut Krätzl bei einem „Tag der Orientierung“ des „Forum XXIII“ in St. Pölten. Dies sei eine Chance, vor der jedoch viele Angst hätten, so der Weihbischof, „und das ist schlecht“. Die Aufgaben der Kirche in der Gesellschaft seien „unverzichtbar“, doch die Zukunft hänge davon ab, ob die Kirche in der Richtung des 2. Vatikanischen Konzils weitergehe oder nicht. Es gelte, so Krätzl, auf die Zeichen der Zeit und die Lösungsvorschläge des ganzen Gottesvolkes zu hören, da auch aus diesen der Heilige Geist sprechen könne. „Ich mache mir Sorgen, dass sonst das Salz der Kirche schal wird“, meinte Krätzl.

„Viele sagen, man muss beten und warten, was Gott macht. Viele warten auch darauf, was Rom sagt. Doch wir müssen auch selbst weiterdenken“, betonte Weihbischof Krätzl auch im Hinblick auf seine Motivation zu seinem dreißigjährigen Bischofsjubiläum das Buch „Eine Kirche, die Zukunft hat“ zu schreiben. So sei die Liturgiereform in der Folge des Konzils „längst nicht zu Ende“. Bei der Frage des Ritus gehe es vor allem um das neue Kirchenbild: „Früher hatten wir eine Priestermesse, heute eine Feier aller Gläubigen.“ Daher gelte es, das Allgemeine Priestertum weiterzudenken.

Der Priestermangel sei in Europa schon spürbar, in anderen Ländern jedoch „viel dramatischer“. Es gehe ihm, Krätzl, nicht darum, sofort die Zulassungskriterien zum Priesteramt zu verändern. Lösungsansätze, die sich anbieten, dürften jedoch nicht ignoriert werden. Den Vorschlag des Pastoraltheologen Paul Zulehner, neben hauptamtlichen Priestern bewährte Gemeindemitglieder als „Leutpriester“ einzusetzen, findet Krätzl überlegenswert.
Er könne sich auch vorstellen, laisierte Priester nach einer Phase der Bewährung wieder einzusetzen. Krätzl betonte, dass solche Veränderungen „nicht eine Diözese alleine“ entscheiden könne, jedoch müsse darüber geredet werden „Ein Wortgottesdienst mit Kommunionsempfang ist sicher nicht das, was in der Urgemeinde mit gemeinsamem Brotbrechen gemeint war.“
Er sei kein Gegner des Zölibats, unterstrich der Weihbischof. Da jedoch die Spendung der Sakramente in Gefahr ist, sei zu überlegen, ob nicht eine kirchenrechtliche Bestimmung im Weg stehe und der Zölibat frei gegeben werden sollte. „Es geht um die Sakramente, die wir nicht aufgeben dürfen.“

Für Krätzl gibt es auch in der Beichtpastoral Erneuerungsbedarf. Einerseits sei das Schuldbewusstsein durch gesellschaftliche Einflüsse zurückgedrängt und „psychologisiert“ worden, andererseits sei die Beichte „auch von innen ausgehöhlt“ worden. So sei etwa der Beichtspiegel veraltet und habe „mit dem heutigen Leben wenig zu tun“, besonders die Sexualmoral werde „überbetont“, so Krätzl. Zur Erneuerung der Beichte sei es notwendig, über die Geschichte der Entwicklung der Beichte zu informieren: „Die Ohrenbeichte gibt es erst seit dem 10. Jahrhundert.“ Die zahlreichen anderen Formen der Sündenvergebung müssten wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden, wie Bußgottesdienste. der Bußritus in der Messfeier, die Lesung der Heiligen Schrift sowie die Kommunion.

Kirche als "erlösende Institution"

„Die Kirche sollte eine heilende, erlösende Institution sein, wo die Menschen Hilfe bekommen“, erklärte Krätzl. Deswegen sei auch die Pastoral an Wiederverheirateten Geschiedenen zu überdenken. Dabei seien Ängste vor der Aushöhlung der Unauflöslichkeit der Ehe ernst zu nehmen, betonte der Weihbischof. Auf der anderen Seite gelte es zu verstehen, „dass die Betroffenen leiden“. Wenn in einer Ehe „wirklich nichts mehr geht“, müsse es Lösungen geben, die „nicht an der Lebenswirklichkeit vorbei gehen“, so Krätzl.

Zur Frage der Ökumene meinte Krätzl, dass die meisten Probleme auf theologischer Ebene bereits geklärt seien. „Auf dem Konzil hat die Kirche von den Theologen gelernt, das sollte sie wieder tun“, forderte Krätzl. Auch das Papstamt sollte „zur Versöhnung der Christen in einer zerrissenen Welt“ genützt werden. Nach der Meinung Krätzls dürfe das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes vom 1. Vatikanischen Konzil „nicht der Endpunkt der Entwicklung des Papsttums“ sein. Krätzl kann sich den Papst als „Symbol der Einheit“ aller christlichen Konfessionen vorstellen.

Abschließend fasste Weihbischof Krätzl seine Überlegungen in drei Grundsätzen zusammen: „Die Kirche muss dem einzelnen zeigen, dass sie ihm zu mehr Leben verhilft, dass sie ein Mehrwert ist.“ Weiters solle die Kirche nicht nur von Gott reden, sondern ihn erfahrbar machen. Krätzl schloss sich der Ansicht Zulehners an, dass Liturgie „gottvoll“ gefeiert werden müsse. Schließlich müsse die Kirche „die Angst verlieren, ob uns die Gesellschaft noch braucht oder nicht“.