Chrisammesse am 12. April 2006

Die Predigt im Wortlaut Lieber Herr Weihbischof!
Lieber Propst Maximilian!
Liebe Mitglieder des Domkapitels!
Liebe Mitbrüder im Priester- und Diakonenamt!
Liebe Brüder und Schwestern!
Liebe Firmlinge!

Wenn wir uns hier mitten in der Karwoche im Dom zusammen gefunden haben, dann deshalb, weil im Grunde genommen der Hohepriester Jesus Christus selbst uns hier versammelt. Die Chrisammesse hat etwas ganz besonders feierliches an sich. Es werden die heiligen Öle geweiht, die dann in der ganzen Diözese bei der Spendung der Sakramente verwendet werden. Diese heiligen Öle sind etwas Kostbares, weil sie jene, die sie empfangen mit dem wirklich verbinden, von dem es heißt: Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde, dem Blinden das Augenlicht, damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn verkünde. Es verbindet uns mit Christus, mit seiner Salbung, mit seiner Gottheit, mit seiner Menschheit, mit seiner Kraft, mit seiner Sendung, mit seiner Aufgabe.

Zur Chrisammesse gehört auch, dass die Priester ihr Treueversprechen, das sie beim Empfang der Priesterweihe abgelegt haben, erneuern. Beides gehört zusammen: Die Weihe der Öle und dieses Treueversprechen der Priester.

Einheit ist das Ziel, Einheit mit Christus, eine Einheit mit diesem Kreuz, eine Einheit mit dem Erlöser, eine Einheit mit dem, der auferstanden ist, dessen Hände und Füße und dessen Seite gekennzeichnet sind durch die Wundmale. Der Leben bringt - und gleichzeitig Einheit untereinander. Denn alle jene, die mit Christus sich wirklich verbinden, und versuchen, entsprechend zu leben und zu wirken, die müssen auch miteinender eins sein. Es ist eine Einheit, die stark macht. Dabei kommt es vielleicht gar nicht so sehr auf die Zahl an. Wenn diese Einheit da ist, dann ist Christus da. Dann wird er gegenwärtig in verschiedener Weise.

Es ist eine Einheit, die grundlegend ist für die Sendung der Kirche. Denn Christus wird so überall gegenwärtig, auch durch Euch Firmlinge, wenn ihr getauft seid - bei der Taufe wird man schon das erste Mal gesalbt - dann gefirmt, bestärkt durch den Heiligen Geist Zeugnis ablegt für Christus in euren Familien, in eurer Arbeit.
Freilich setzt das, dieses gesalbt sein, diese Verbundenheit mit dem Herrn, aber auch ein persönliches, sowie gemeinsames Streben voraus, entsprechend der Gesinnung des Herrn zu leben, bemüht zu sein, die Regungen des Heiligen Geistes zu empfangen, um seinen Spuren zu folgen, um irgendwo Werkzeug seiner Liebe zu werden, seiner Erlösung.
Die Chancen für ein fruchtbares Wirken stehen heute nicht schlecht. Wenn wir persönlich und gemeinsam um diese Einheit mit Christus und um die Einheit untereinander bemüht sind, dann dürfen wir davon überzeugt sein, dass sehr vieles im Sinne einer echten Neuevangelisierung der Gesellschaft erreicht werden kann, dass sich das Licht von neuem ausbreitet, ansteckt, in Brand setzt, zu einer Veränderung führt, sodass christliche Familien entstehen, auch Menschen wirklich ihre Berufung wahrnehmen und daher sich auch einsetzen an dem Ort, an den sie die Vorsehung Gottes und die eigene Entscheidung gestellt hat, sodass sozusagen durch sie dieses Licht auch zu anderen gelangt.

Wer Augen hat und sie öffnet, kann erkennen, dass in der Tat etwas im Gange ist - es ist eigentlich immer etwas im Gang, seit der Menschwerdung des Herrn, so wird es sein bis ans Ende der Zeit - aber in unserer Zeit scheint mir etwas besonders bemerkbar zu sein: Wenn man zum Beispiel hört, dass am vergangenen Sonntag, am Palmsonntag, am Petersplatz hunderttausend Jugendliche versammelt waren, zusammen mit dem Heiligen Vater, darunter eine große Gruppe aus Deutschland, dann ist das eines der vielen Zeichen, die wir in den vergangenen Jahren miterleben, wahrnehmen durften.

Es gibt die Sehnsucht bei vielen, es gibt die Suche bei vielen. Es gibt auch bei vielen schon so etwas wie einen echten Aufbruch. Aber gilt es auch für unsere Diözese? Ist da schon so etwas bemerkbar? Ich denke, ja! Vor einigen Tagen sagte mit jemand: Die Zeit ist reif, es sind nicht wenige, die echt Verlangen danach haben, auch zu erfahren, wie man christlich leben kann. Und vielleicht werden sie sagen: Na gut, so viele sind es auch wieder nicht. -Es kommt auch nicht auf die Zahl an!

Freilich, es ist auch eine Frage, die wir im Herzen tragen: Was können wir tun, wie können wir es erreichen, wie können wir das anfangen, dass es von neuem zu einer Belebung des Leibes Christi kommt? Im Evangelium lasen wir einmal mehr: Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Das ist sicher eine der Vorbedingungen, vielleicht überhaupt die erste Vorbedingung: Diesen Wunsch haben, das Antlitz Jesu zu suchen. Auf ihn zu schauen, den Blick auf ihn zu richten, um die Verlebendigung der Teilhabe an seiner Salbung bitten, als Getaufte, als Gefirmte, als Priester, als Bischof.

Vieles kann sich verändern, auch in einem kleineren Umfeld. Wenn einer aufsteht, der verstanden hat, oder wenn eine aufsteht, die verstanden hat, wenn die Flamme irgendwo sich entzündet - wir wissen das, man kann das geradezu beobachten, wie viel von der Initiative eines Einzelnen oft abhängt. Es ist notwendig für uns alle, Talente zu suchen, Talente zu wecken, den Heiligen Geist zu bitten, damit wir es erkennen und damit dort es auf geht, ohne das eigene Talent zu vergraben, das wir empfangen haben.

Jeder Mensch hat Möglichkeiten, wirksam zu sein, wirksam zu werden, wenn er die Verbundenheit mit Christus sucht, pflegt und wenn er dementsprechend auch bemüht ist. Das gilt auch für jemanden, der krank ist, jemand, der in manchem vielleicht behindert ist. Wer ist nicht in irgendeinem Bereich behindert? - Oder wenn jemand schon alt ist, oder älter ist. Jeder kann mit tun, beginnen mit dem Gebet, mit dem Opfer, mit diesem Brennen im Herzen, mit dieser Sehnsucht, dass andere auch den Weg finden.

Bedenken wir auch: Die Chrisammesse steht in engem Zusammenhang mit dem Geheimnis der Erlösung. In der zweiten Lesung aus der geheimen Offenbarung hörten wir einmal mehr die Worte: Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut. Es muss unser Verlangen sein, dass wir diese Erlösung empfangen, dass sie an uns persönlich wirksam wird, dass den Menschen unserer Umgebung - allen Menschen - die Erlösung gebracht wird: Heilung, Hilfe vom Herrn, jenes Erwachen des Lebens, das nicht bloß irgendwo ein Frühling ist, sondern der Frühling des ewigen Lebens, das tatsächlich eine Welt zu verändern vermag.
Es genügt dabei nicht, dass wir sein heiliges Leiden und Sterben am Kreuz betrachten, so als wären wir nur Zuschauer, so als wären wir einfach irgendwie Mitfeiernde, vor denen jedes Jahr in der Karwoche sozusagen sich ein Ritus vollzieht. Wir müssen unsere Herzen öffnen, offen sein für den Anruf Gottes, ihn, der uns erlöst, mit unseren Schwierigkeiten und Schwächen suchen, mit dem Verlangen dass unser Taufkleid rein gewaschen wird in seinem Blut.

Mein Rat ist der Rat von immer. Der gilt für uns alle. Ich beginne beim Bischof, Priester, Diakone, Jung und Alt: Gehen wir zu Christus. Empfangen wir konkret das Sakrament der Versöhnung - mit diesem Verlangen eben nach Verbundenheit mit ihm, mit diesem Verlangen nach Reinigung, nach Heilung. Wir fühlen uns danach wohler. Auch das wissen wir wohl alle. Der Friede des Herzens ist eine der Grundvoraussetzungen dafür, dass wir unter Anführungszeichen "im Schwung" sind, dass wir auch fähig sind, irgendwo die Welt "in Brand zu stecken". Unsere ganze Wirksamkeit, unsere Freude, unser Optimismus - der so wichtige - entspringen aus einer lebendigen, oft erneuerten Verbundenheit mit Christus, mit Gott, die möglich ist, auch wenn wir schwach sind, die möglich ist, auch wenn wir viele Dummheiten begangen haben, oder oft eben nicht dem entsprechen, was eigentlich von uns erwartet wird.

Wir können Ihn suchen. Aus seinen Striemen wird uns Heil. Und wir müssen den Anderen Mut machen, damit auch sie den Weg finden, diesen Weg, der froh macht, diesen Weg, der von neuem auch den Mut weckt, und Bewegung bringt ins eigene Leben. Nicht im Sinne von Aktivismus, sondern im Sinne von Streben: nach Verbesserung des Lebens. Nur so bringt die Salbung, die wir empfangen haben, Früchte, Früchte eines Lebens, das mit Gott verbunden ist.

Schließlich scheint mir auch die Bitte wichtig, die im Tagesgebet der Chrisammesse ausgesprochen ist. Dort hieß es: Hilf uns, in der Welt Zeugen der Erlösung zu sein. Liebe Brüder und Schwestern! Ich habe den Eindruck, dass wir das viel zu wenig tun. Vielleicht haben wir auch selber zu wenig die Erfahrung. Ich weis es nicht. Aber wir müssen den Menschen sagen, wie er hilft - Christus, dass er hilft, dass es jedem Menschen zugänglich ist, ganz gleich, was passiert, dass er jedem sozusagen immer wieder auf die Beine hilft, dass er von jeder Krankheit zu heilen vermag und dass es sich lohnt, das Leben auf ihn auszurichten, weil dies froh macht, weil dies dem Leben einen Sinn gibt, weil dies dazu führt, dass das Leben fruchtbar wird.

Und wir müssen schon auch - Priester, der Bischof und die Diakone - die muss man auch immer erwähnen, die haben genau so eine wichtige Aufgabe - und dann aber auch die Eltern, und alle, jeder Christ ist auch irgendwie angesprochen, aber wir schon besonders: wir müssen liebevoll, aber auch mutig, direkt und aufrichtig, den Menschen die Wahrheit verkünden, und zwar die ganze Wahrheit: Alle Gebote Gottes, ohne irgendeines auszulassen. Auch wenn diese Wahrheit manchmal aneckt. Wir schulden dies Christus, wir schulden dies den Menschen. Dafür hat uns Gott erwählt und bestellt. Und wir sollen Zeugen für die Erlösung sein. Denn er heilt und er hilft - auch das zu erfüllen, was Gott von uns erwartet.

Wir hörten schließlich auch die Worte: Ja, Amen! Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott der Herr, der ist, der war und der kommt.
Ich wünsche ihnen allen gesegnete Kartage mit der Erfahrung Seiner Nähe. Die Erneuerung durch das Miterleben seines Lebens und Sterbens am Kreuz und die innere Verlebendigung durch seine Auferstehung. Möge er uns alle an sich ziehen und zum Einsatz im Reiche Gottes fähig machen. Die Fürsprache Mariens wird uns ganz gewiss beistehen.

Amen.