Bischof Küng: Familien stärken

In einem Interview in den aktuellen Niederösterreichischen Nachrichten (NÖN) spricht sich Diözesanbischof DDr. Klaus Küng für eine deutliche finanzielle Unterstützung der Familie aus. Die Frage der Bevölkerungsentwicklung sei eine der größten Herausforderungen für Europa, meint der Bischof. Es fehle an Kindern. Das Interview im Original:

NÖN: Herr Diözesanbischof, bei Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, Sie müssen jetzt einmal mit dem 1 x 1 beginnen, logische Schritte setzen, die man nicht überspringen kann. Was waren das für logische Schritte?
Küng:Für mich war eine intensive Kontaktaufnahme wichtig. Ich hatte im Verlauf des vergangenen Jahres in fast allen Dekanaten Begegnungen mit den Priestern, Diakonen und Pastoralassistenten sowie mit allen hauptberuflich Tätigen. Das war - so glaube ich - sehr nützlich. Und ich habe auch begonnen, mit den Religionslehrern Gespräche zu führen. Es wurden auch gewisse erste Personalentscheidungen getroffen. Das sind Teile dieses 1 x 1.

NÖN: Sie haben soeben die Personalentscheidungen angesprochen. Jene Entscheidungen, die für die Öffentlichkeit am augenscheinlichsten und auffälligsten waren, betrafen die Personen Küchl, Rothe und jetzt in St. Pölten auch den Dompfarrer Reisenhofer. Wie geht es da weiter?
Küng:Das mit dem Dompfarrer muss man abgekoppelt sehen. Der nimmt eine Auszeit, die ich gerne akzeptiere. Und ich hoffe, dass er danach zurückkommt in eine neue Pfarre. Was die übrigen Personen betrifft: Hier gibt es zivile Prozesse, die in der ersten Instanz beendet wurden, aber noch nicht rechtskräftig sind. Die notwendigen Schritte sind von mir gesetzt worden, um eine Klärung herbeizuführen. Das dauert seine Zeit.

NÖN: Eine weitere Personalentscheidung steht bevor, nämlich die Ernennung eines Weihbischofs. Gibt es in dieser Angelegenheit schon Konkretes?
Küng:Das ist eine Entscheidung, die vom Heiligen Vater abhängt. Ob das sehr bald oder etwas später sein wird, wird man sehen.

NÖN: In die Zeit Ihrer ersten Monate in St. Pölten fällt auch ein deutlicher Rückgang bei den Kirchenaustritten. Ist das ein österreichweites Phänomen oder hat das auch mit dem 1 x 1 zu tun?
Küng:Wir sind unterwegs zu einem Christ-sein, das in unserer Gesellschaft nur mit eigener persönlicher Überzeugung gelebt werden kann. Das ist ein hoher Anspruch, das birgt aber auch große Chancen in sich. Denn ich denke, dass ein überzeugtes Christsein ausstrahlt: Wir müssen dem Pluralismus der Gesellschaft, der auch in Niederösterreich im städtischen Bereich bemerkbar ist, wirksam begegnen. Das ist eine neue Situation. Und wir müssen hier auch jenen, die schon die Hilfe des Glaubens erkannt haben, entsprechende Hilfen zukommen lassen. Jene, die jetzt ihren Kirchenbeitrag zahlen, aber den Glauben überhaupt nicht praktizieren, geraten sehr leicht in den Zweifel: Soll ich der Kirche weiter angehören oder nicht?

NÖN: Wie viel hat dazu beigetragen, dass das Bild der Kirche nach außen hin trotz allem in den letzten eineinhalb Jahren zumindest personell friktionsfreier geworden ist?
Küng:Ich sehe weltweit eine sehr interessante und faszinierende Entwicklung. Die Feierlichkeiten im Zusammenhang mit dem Begräbnis von Johannes Paul II. und die Wahl von Benedikt XVI. haben das sehr deutlich gemacht - vier Millionen Personen, die nach Rom gegangen sind. Das ist einfach ein Phänomen, das man nicht so leicht erklären kann. Auch der Weltjugendtag in Köln ist ein Hinweis auf etwas, das im Gange ist und was mir persönlich Hoffnung gibt.

NÖN: Sie sind im Rahmen der Bischofskonferenz für Ehe und Familie, Bioethik und Fragen des Lebensschutzes tätig. Schmerzt Sie der Trend nicht, dass die Eheschließungen zurückgehen und dass der Trend zur Lebensgemeinschaft in verschiedenen Formen oder ein Trend zum Singledasein besteht?
Küng: Mir scheint die demografische Frage eine der größten Fragen für ganz Europa zu sein. Es fehlen Kinder. Und auch die Situation vieler Kinder und Jugendlicher ist gerade dann, wenn die Eltern auseinander gegangen sind, eine sehr schmerzhafte. Das hinterlässt tiefe Wunden in der ganzen Gesellschaft. Ich sehe darin eine ganz große Herausforderung auch für die Kirche. Wir beschäftigen uns im Rahmen der Bischofskonferenz sehr intensiv mit der Frage: Wie können wir die Ehevorbereitung verbessern? Was können wir tun, um die jungen Familien zu stärken? Wie können wir jene ansprechen, die sich nicht entschließen können zur Bindung?

NÖN: Sie haben vor kurzem gemeint, dem Staat müsse es ein großes Anliegen sein, die Rahmenbedingungen für die Familien zu verbessern. Ist das Kritik an der Politik? Und, wenn ja, wo sehen Sie die Grenzen der kirchlichen Einmischung in politische Themen?
Küng:Ich glaube, wir müssen hier die Stimme erheben zum Wohle der Menschen. Wir müssen mit einer gewissen Beharrlichkeit und Klarheit für die Kinder eintreten, für die Zuwendung an die Familie. Wir wissen heute besser denn je, wie wichtig die ersten Jahre im Leben eines Kindes sind. Dass Solidarität und Verantwortung und all die Dinge, die notwendig sind für eine gesunde Entwicklung der Gesellschaft, in der Familie begründet sind. Ich glaube, dass einfach die Entscheidungsfreiheit ermöglicht werden muss - ohne große materielle Nachteile. Wir sollten uns deshalb auch die Honorierung der Erziehungstätigkeit als eine sehr qualifizierte Arbeit überlegen.

NÖN: Denken Sie diesbezüglich an ein Einkommenssystem für erziehende Mütter?
Küng:Ich denke, dass man in diese Richtung überlegen muss, dass die Erziehung der Kinder vergütet wird. So, dass eine echte Förderung stattfindet. Ich denke auch, dass man über die Erfahrungen anderer Länder nachdenken muss. In Frankreich z. B. wird ab dem dritten Kind gezielt gefördert. Ich halte das für eine gute Erkenntnis. Das betrifft auch die Wohnpolitik. Man hat in den letzten Jahren immer eher kleine Wohnungen gefördert, und das zum Nachteil der Familie.

NÖN: Sie haben für ein Familienwahlrecht plädiert - eine halbe Stimme zusätzlich pro Kind wäre für Sie demnach vorstellbar. Haben Sie schon mit Politikern über dieses Thema gesprochen?
Küng:Das Thema wird bis jetzt nur vereinzelt aufgegriffen. Ich habe mich schon mehrmals im Laufe der letzten zehn Jahre in die Diskussion eingebracht und ich bin nicht alleine damit. Ich glaube, man sollte das weiter verfolgen. Die Familie hat wenig Stimme in der Öffentlichkeit. Und das wird mit dem Stärkerwerden der Alterspyramide noch extremer. Da muss man Wege finden, um hier auch der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen. Das ist ein Gebot der Stunde, um gesunde Entwicklungen herbeizuführen.

NÖN: Benedikt XVI. hat gefordert, dass sich christliche Politiker mehr zu Wort melden. Ist das in Österreich zum Thema Familie der Fall?
Küng:Ich sehe da schon tatsächlich wichtige Themen, die für jeden christlichen Politiker ein Anliegen sein müssen. Ich würde mir da schon wünschen, dass wir alle Mut fassen, entschlossen die Bedürfnisse der Familie auf der Grundlage der Ehe zu vertreten.

NÖN: Wie sehen Sie generell den Dialog zwischen Staat und Kirche?
Küng:Ich stoße gerade hier in Niederösterreich auf ein gutes Klima und auf eine große Offenheit, was die Landesregierung betrifft. Und auch in der Stadt St. Pölten.

NÖN: Papst Benedikt XVI. hat beim jüngsten Ad-limina-Besuch der österreichischen Bischöfe in Rom gesagt, es sei Pflicht der Bischöfe, zu gebotener Stunde die Dinge in aller Sachlichkeit und ohne Schönfärberei beim Namen zu nennen. Sind die Aussagen des Salzburger Weihbischofs Laun die Folge dieser Aussage? Er sieht ja mittelfristig die Gefahr, dass der Stephansdom zur Moschee werden könnte.
Küng: Die konkrete Auseinandersetzung direkt damit in Verbindung zu bringen, scheint mir ein bisschen künstlich zu sein. Ich glaube, dass Weihbischof Laun schon wichtige Anliegen aufzeigt. Ich sage immer: Meine Sorge ist nicht der Islam, sondern meine Sorge ist die Lauheit der Christen. Dass die oft innerlich so weich geworden sind, dass so ein Wachkoma entsteht. Die Frage Lebensschutz (Laun fordert vom Staat ein Verbot der Abtreibung, Anm.), die er auch betont hat, ist natürlich ein Riesenthema. Das Leben des Menschen ist von Anfang an von der Empfängnis bis zu seinem natürlichen Tod etwas Heiliges.