Beichte ohne Gott ?

Nicht das Bedürfnis zu beichten sei zurückgegangen, sondern der Ort von Beichte habe gewechselt: Tagebücher, Wirtshaus oder Fernsehshows wären heute die Plätze, wo Bekenntnisse abgelegt würden. Mit dem fehlenden Bezug zu Gott ginge aber der Horizont der Gnade verloren, so Prof. Dr. Alois Gurndin von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen am Montag Vormittag bei seinem ersten Vortrag anlässlich der Priesterstudientagung der Diözese St. Pölten im Bildungshaus St. Hippolyt. Die Tagung von 9. bis 11. Februar steht heuer unter dem Thema "Vergeben und Versöhnung". Prof. Gurndin ging einleitend auf die "Macht der Sprache" ein und unterschied dabei zwischen dem wirkmächtigen Wort Gottes ("Der Herr sprach und schon geschah es", Ps 33) und der Wirkmächtigkeit menschlicher Worte: Sprache gelte als "begriffliche Bewältigung von Wirklichkeit". Umgekehrt werde was sprachlich nicht bewältigt werde auch in Wirklichkeit nicht bewältigt. Aus-Sprache von Schuld sei Vorraussetzung für deren Bewältigung.
 
"Sich los-sprechen und lossprechen lassen"

Verdrängung von Schuld könne zu körperlicher Krankheit führen, auch Depression könne durch schuldhaftes Verhalten ausgelöst werden, sagte Prof. Gurndin. "Versteckte und verkapselte Schuld zerstört das menschliche Leben von innen heraus", so der Theologe. Schuld werde man los, indem man sich "los-spricht" und "lossprechen lässt". Aus dem biblischen Verständnis geschehe die Vergebung der Sünden von Gott her, sagte der Universitätsprofessor.
 
"Das ganze Leben hinhalten"

Bei der Beichte gehe es nicht nur darum, die Sünden zu bekennen, sondern das ganze Leben hinzuhalten mit seinem Anteil an Schuld. Dabei solle bewusst der eigene Anteil an Schuld ansprochen werden: "Wer sich seinem Schatten stellt, wird illusionsärmer, verständnisvoller", sagte Prof. Gurndin.
 
"Seelsorger sollen bei Gottsuche hilfreich sein"

Aufgabe des Seelsorgers wäre es, anderen bei ihrem Prozess der Gottsuche hilfreich zu sein. Er müsse auf das für Beichtgespräche notwendige Vertrauen achten. Wichtig wäre eine "Atmosphäre der Echtheit, der Empathie und der warmherzigen Wahrnehmung". Der Seelsorger solle den Beichtenden entdecken lassen, was ihn blockiert und lähmt, so Gurndin. Wenn es Leute gäbe, die sagten, "Das kann ich dem gestressten Pfarrer gar nicht antun, um ein Gespräch nachzufragen", so zeige dies Irrwege in der Seelsorge auf. Besonders wichtig wäre für die Priester eine Schulung in der Gesprächsführung, meinte der Theologe: "Mindestrüstzeug ist die Sensibilität eines Durchschnittssozialarbeiters, damit wir die Leute nicht an Sozialarbeiter und Psychologen verlieren."

Zweiter Referent bei der Studientagung ist Prof. Dr. Thomas Söding von der Bergischen Universität Wuppertal/Münster, der am Montag Nachmittag zum Thema "Den Gefangenen die Freilassung verkünden (Lk 4,18) - Das Evangelium Jesu von der Rettung der Verlorenen" sprach. Die dreitägige Zusammenkunft geht am Mittwoch mit einem gemeinsamen Gottesdienst der Teilnehmer zu Ende.