Augsburg war ein "ökumenischer Meilenstein"

Die Unterzeichnung der gemeinsamen Erklärung der katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes zur Rechtfertigungslehre vor fünf Jahren "war ökumenisch so etwas wie ein Meilenstein", sagte der Wiener Weihbischof Dr. Helmut Krätzl bei einem ökumenischen Studientag am 6. November 2004 in St. Pölten. Die am Reformationstag des Jahres 1999 in Augsburg erfolgte Unterzeichnung sei "ein wirklich berührendes Erlebnis" gewesen und "ein Zeichen spirituell gewachsener Einheit", sagte der in der Österreichischen Bischofskonferenz für die Ökumene zuständige Referatsbischof.
"Dieses Ereignis war ganz neu, weil wir eine Ebene des Gesprächs gefunden haben", stellte der Bischof fest. Der Lutherische Weltbund sei mit allen seinen Mitgliedskirchen um Konsens bemüht gewesen. So wurde in der Frage der Rechtfertigung ein Grundkonsens erreicht. Gleichzeitig seien Randfragen geblieben, "die aber nicht kirchentrennend sein müssen". Der damals beschrittene Weg sei "auch die Richtung, in die wir weiter gehen müssen".

Die Frage des heutigen Menschen nach Gott
Die Grundfrage des Menschen sei heute eine ganz andere geworden als zur Zeit der Reformation. Während für Martin Luther die Suche nach einem gnädigen Gott eine existenzielle Frage gewesen sei, stelle sich der Mensch heute eine ganz andere Frage. "Gibt es überhaupt einen gnädigen Gott? Müsste nicht er sich rechtfertigen?" Diese Frage werde auch in der Literatur der letzten dreißig Jahre ganz häufig gestellt. Demgegenüber gebe es kaum ein Sündenbewusstsein.
Die Gottesfrage heute lautet: "Braucht der moderne Mensch Gott?" - angesichts der großen Säkularisierung einerseits und eines "Megatrends der Spiritualität", der freilich an den institutionalisierten Kirche vorbeigeht, hob Weihbischof Krätzl die Aktualität der Fragestellung hervor. Es gebe heute "so etwas wie einen Verdacht gegen alle drei monotheistischen Religionen" bei "maßgeblichen Leuten", die es an der Zeit fänden, den Monotheismus hinter sich zu lassen, weil er in sich intolerant und friedensunfähig sei. Religion kenne schon wegen ihrer Glaubensinhalte den Kompromiss nicht und müsse sich aus der Politik heraushalten.
Zum "Widerstand gegen das Christliche in der EU-Verfassung" stellte Krätzl wörtlich fest: "Es geht darum, ob die christlichen Werte glaubwürdig eingebracht werden und so, dass sie auch die Nichtchristen verstehen."

Heute über die Sünde reden
Unter Hinweis auf die großen Terrorakte der vergangenen Jahre und Terrordrohungen stellte Krätzl fest, dass "das moralisch Böse noch nie so bedrohend wie heute" war, aber gleichzeitig werde "die persönliche Schuld eher verharmlost" und auf Milieu, Veranlagung und äußere Umstände zurückgeführt. Zugleich litten viele Menschen unter Schuldgefühlen.
"Die Beichte ist in eine Krise geraten, weil die Lehre von der Schuld verzerrt wurde", sagte der Wiener Weihbischof angesichts der Tatsache, dass Beichtstühle oft leer stehen, während bei Psychiatern großer Andrang herrsche.
"Der Normalzustand des Katholiken war, dass er nicht im Stand der Gnade war", merkte Krätzl zu einer überholten Auffassung an. In früheren Beichtspiegeln wurden soziale Fehler kaum genannt, sie führten aber oft zu Skrupolosität und Sündenangst einerseits oder einer streng legalistischen Haltung andererseits. Nötig sei eine "neue Überlegung, was Sünde ist", wies Krätzl auf die katholische Lehre hin, dass der Sünder gerechtfertigt ist, aber die Konkupiszenz ("Begierlichkeit") bleibt.

Verlust der Geschichtlichkeit
In seinem Referat ging Bischof Krätzl auch auf den Verlust der Geschichtlichkeit ein. Eine "Verleugnung der geschichtlichen Herkunft im Positiven wie im Negativen" habe eine fehlende Geborgenheit zur Folge. Diese äußere sich unter anderem in der Sprachlosigkeit in Partnerschaften, in fortschreitender Isolation oder in der "Flucht in sehr enge tragende Gemeinschaften". Krätzl ortete in diesem Punkt ein Versagen der großen Kirchen, "die tragende Kraft des Glaubens zu vermitteln". Dahinter stehe die Grundfrage: "Wem verdankt sich der Mensch?"

Kirche muss Gott erfahrbar werden lassen
Dieses so wichtige Dokument von Augsburg sei jedoch auf beiden Seiten viel zu wenig rezipiert worden, resümierte der Bischof. Die theologische Auseinandersetzung sei notwendig, es sei aber auch notwendig, "Antwort zu geben auf die Fragen der Menschen heute". "Wir sind der Gesellschaft schuldig, neu über Gott zu reden. Die Kirche darf ihre ureigenste Aufgabe nicht vergessen, der Welt die Kunde von Gott zu bringen", so Krätzl. Dieser Gott sei "nicht abstrakt zu verkünden, er muss erfahrbar werden innerhalb der Kirchen, untereinander, im Umgang mit der Schöpfung". Jesus zeige uns in besonderer Weise das Antlitz Gottes. Für die Propheten sei "wahrer Gottesdienst immer gepaart mit dem Dienst am Menschen", sagte Krätzl zur gegenwärtigen Aufgabe der Kirchen.

An dem Studientag nahmen Vertreter der im Arbeitskreis Ökumene mitwirkenden Kirchen teil. In der Diskussionsphase nahm das Thema Beichte und Rechtfertigung breiten Raum ein. Den Abschluss der Veranstaltung im Florian-Zimmel-Saal der Katholischen Aktion in St. Pölten bildete ein ökumenisches Abendgebet.

Leopold Schlager