Armut ist weiblich

Äußerst dramatisch sehen Caritasdirektor Mag. Friedrich Schuhböck und der Bürgermeister der Stadt St. Pölten, Mag. Matthias Stadler die zunehmende Armut bei Frauen. Dies erklärten Sie bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in St. Pölten. "Wer sich nicht mehr das Neueste leisten kann, wird sehr leicht zum Außenseiter gestempelt", erklärt Caritasdirektor Schuhböck. Diese soziale Isolierung sei für die meisten weitaus schlimmer als der Verzicht auf gewisse Konsumgüter. Darunter leiden vor allem Frauen mit kleinen Kindern, kann auch die SOS-Beraterin der Caritas, Barbara Elmer aus ihrer Praxis bestätigen. Jahr für Jahr klopfen über 1220 Personen aus dem Raum St. Pölten bei ihr an und suchen um Hilfe. 22 Prozent von ihnen sind alleinerziehende Frauen. "In einem Jahr sind die Hilfesuchenden um 20 Prozent gestiegen", unterstreicht sie die Dramatik. "Wir helfen bei der Existenzsicherung so gut es geht und müssen oft an andere Stellen weiter verweisen".

Sozialausgaben steigen

Bürgermeister Mag. Stadler kann dem nur beipflichten und auf eine ebenso hohe Steigerung bei den Sozialhilfeempfängern hinweisen. War die Steigerung im vergangenen Jahr noch 15 Prozent, so ist sie dieses Jahr bereits auf über 20 Prozent gestiegen. "Unsere Budgetansätze im Sozialbereich sind nicht nur ausgeschöpft, sondern schon überzogen", sagt er und unterstreicht, dass es sich "in über 90 Prozent der Fälle um Frauen handelt", wenn es um Not und Armut geht.

Armutsfalle: neue Arbeitsverhältnisse

Der Leiter des Sozialamtes des Magistrats St. Pölten, Helmut Neidl, wies auf die gute Kooperation zwischen Caritas und Stadt hin und sieht als Ursache für die zunehmende Armut vor allem die atypischen Arbeitsverhältnisse wie Kurzarbeit, Leiharbeit oder gewisse Werkverträge, durch die Personen und Familien an die unterste Grenze der Existenz gelangen und von dort leicht in die Armut abrutschen. Derzeit fallen in St. Pölten bereits über 200 Personen unter die ständige Sozialbetreuung, sagte er.

Netz an Sozialeinrichtungen

Positiv sieht Bürgermeister Stadler einzig das immer größer werdende Netz an Sozialeinrichtungen in der Stadt, sei es durch die Emmausgemeinschaft mit ihren verschiedenen Einrichtungen, von der Anlaufstelle "Kalvarienberg" bis zur Jugend-Notschlafstelle "Jump", durch das Frauenhaus oder auch die Caritas.
Dennoch werde damit die Armut nicht eingebremst, bedauert er. "Wir müssen auch gesellschaftspolitisch reagieren, um diese Entwicklung in den Griff zu bekommen" meint er. "Diese Frage müsse eigentlich auch den Österreichkonvent beschäftigen", meint er.

Grundsicherung

Auch die Caritas verlange immer wieder entsprechende neue Strukturen und gesetzliche Rahmenbedingungen, sagt Caritasdirektor Schuhböck und betont, dass auf Dauer eine Grundsicherung gefordert sei. Sozialamtsleiter Neidl: "Sozialeinrichtungen müssen sich immer wieder gesellschaftskritisch äußern und dürfen nicht zu Systemerhaltern werden".