Arm und reich in Österreich

Für eine weltweite Verantwortung der Christen gegen jegliche Art von Armut sprach sich die Passauer Pastoraltheologin Dr. Martha Zechmeister beim Studientag "Reich und arm in Österreich" im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten aus. Caritaspräsident Küberl die Einführung einer auf Rechtsanspruch begründeten bedarfsorientierten Existenzsicherung vor, um Armut in Österreich wirksam zu bekämpfen. In ihren Ausführungen wandte sie sich gegen jenen Dualismus, der das Heil nur jenseitig sieht und die Verhältnisse in dieser Welt damit relativiere. "Damit geht unsere Botschaft verloren", betonte sie. Die Religion werde damit zum bloßen Überbau bestehender Verhältnisse. Dass sich Christen nicht ihrer Verantwortung berauben und den Mund verbieten lassen dürfen, wies sie mit Bezug zur jüdischen Gottestradition hin. "Wer in der konkreten Begegnung mit dem Hungernden nicht handfest zupackt, hat bereits Nein zu Jesus und seiner Botschaft gesagt". Gotteserkenntnis sei keineswegs nur eine Erkenntnis von Theologen oder eine spirituelle Erfahrung, sondern entstehe aus dem Tun, jenen Recht zu tun, die Unrecht erleiden.
In ihren Ausführungen verwies die Pastoraltheologin auf den Theologen Dietrich Bonhoeffer, der unter dem NS-Regime vehement dafür eingetreten sei: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen", habe er damals in einem Brief geschrieben. Zechmeister ortet auch für heute ein Versagen der Christen, wenn an den Südgrenzen Europas "wieder Zäune und Mauern gegen Menschen" aufgebaut werden. "Außerhalb der Armen gibt es kein Heil". Mit diesen Satz von Jon Sobrino aus San Salvador unterstrich Zechmeister, dass das Evangelium "zuerst für die Ausgeschlossenen und Armen" da sei. Wenn man die Welt des Überflusses sich selbst überlasse, bringe sie mehr Unheil als Heil, sagte sie. Vor allem gehe die Menschlichkeit verloren. Die Welt der Armen erscheine vielen von außen negativ. Von innen gesehen, sei sie aber voller Leben und baue an einer "Kultur der Solidarität von Menschen, die sich in ihrer Gleichheit anerkennen".
Dem Reichtum müsse man eine "Zivilisation der Genügsamkeit" entgegensetzen, wies sie auf die Gedanken Jon Sabrinos hin. Nur so könne das Wachsen der Solidarität des Teilens zum Fundament einer neuen Humanität werden. Diese Zivilisation komme aber wesentlich aus der Welt der Armen. Auf die konkrete Situation des wirtschaftlichen Denken angesprochen, sagte sie: "Wenn die Ökonomie nicht radikal umdenkt und sich an den wirklichen Bedürfnissen statt an den aufoktroyierten Wünschen der Menschen orientiert, ist dies der Suicid der Menschheit".

Caritas: Ausweg Existenzsicherung

In einem weiteren Vortrag ortet Caritas-Präsident Franz Küberl die Ursachen der steigenden Armut in Österreich in einem politischen Strategiewandel der Innenpolitik, der mit den Sparpaketen vor mehr als zehn Jahren begonnen habe. Während in den ersten fünf Jahrzehnten nach dem Krieg das Wirtschaftswachstum auch einen Ausbau des Sozialsystems nach sich gezogen habe und Armut damit relativ gering gehalten wurde, werde "seit zehn Jahren der Zugang der Menschen zu den Sozialleistungen permanent verknappt", so der Caritas-Präsident. Das führe zu einer steigenden Zahl von Menschen in verfestigter Armut, wovon derzeit etwa 460.000 betroffen seien. Über 1.040.00 stünden in permanenter Armutsgefahr.
Um Armut in Österreich wirksam zu bekämpfen, schlägt Küberl die Einführung einer auf Rechtsanspruch begründeten bedarfsorientierten Existenzsicherung vor. Diese soll vom Arbeitsmarktservice administriert werden, um sie gleichzeitig mit effizienter Arbeitsvermittlung begleiten zu können.
Weiters fordert Küberl massive Initiativen im Bildungsbereich, in der sozialen Wohnungssicherung und in der Gesundheitsabsicherung, weil "Armut und Krankheit schon immer Zwillinge gewesen sind". Zur Finanzierung dieser Maßnahmen schlägt er eine Verlagerung des Steueraufkommens aus dem Arbeitseinkommensbereich in Richtung der stärkeren Besteuerung der Erträge aus Vermögen vor.

Arbeitskreise

In sieben Arbeitskreise befassten sich die rund 130 teilnehmer an dem Studientag mit den Fragen Kinder- und Jugendarmut, Armut in kinderreichen Familien, Migranten, Langzeitarbeitslose, Randgruppen und Alleinerzieher.

Podiumsdiskussion zum Abschluss
Die politische Verantwortung zur Armutsbekämpfung und mögliche Handlungsperspektiven standen auch im Mittelpunkt der Abschlussveranstaltung beim Studientag "Reich und Arm in Österreich?".
Am Podium diskutierten St. Pöltens Caritasdirektor Fritz Schuhböck, der Vizepräsident der Wirtschaftskammer NÖ, Christian Moser, der Vizepräsident der Arbeiterkammer NÖ, Peter Stattmann, sowie die Fundamentaltheologin Martha Zechmeister.