Schwester Gertrud feierte 100. Geburtstag

Schwester Gertrud erzählt

Ein Leben in Zufriedenheit, mit Liebe im Herzen

St. Pölten, 27.5.2022 (dsp/mb) Am 21. Mai 1922 erblickte Angela Kiesenhofer in Lasberg im Bezirk Freistadt im oberösterreichischen Mühlviertel als drittes Kind der Familie Kiesenhofer das Licht der Welt. Am vergangenen Samstag, dem 21. Mai 2022 feierte Schwester Gertrud, wie sie mit Ordensnamen heißt, ihren 100. Geburtstag.

Als Angela geboren wurde, war erst vor drei Jahren der Erste Weltkrieg beendet. So zog die Familie nach St. Martin im Ybbsfelde in Niederösterreich. Das Leben war karg, aber die Eltern schenkten ihren drei Mädchen Liebe und Geborgenheit. Sie arbeiteten hart, die Mutter in der kleinen Landwirtschaft, der Vater als Huf-, Wagen- und Zeugschmied.

Drei Stunden marschierten Angela und ihre Schwestern jeden Tag zur Schule und wieder heim. Für den noch längeren Weg zur Hauptschule in Ybbs bekam Angela ein Fahrrad. Allerdings überschwemmte die Donau oft den Weg und im Winter machten ihn Schnee und Eis unpassierbar. „Manches Mal konnte ich mit dem Fahrrad gar nicht fahren und musste bei den Schulschwestern nächtigen. Da habe ich sie kennengelernt und meine Berufung gespürt. Berufung spürt man einfach.“, so heute Schwester Gertrud über ihre Kindheit.

Angela Kiesenhofer war 15 Jahre alt und Kandidatin im Mutterhaus der Schulschwestern in Judenau und im ersten Jahr der Lehrerinnenausbildung, als die Nationalsozialisten im März 1938 die Macht in Österreich übernehmen. Die Schule wurde geschlossen und die Schwestern mussten das Schloss räumen, alle Kandidatinnen wurden nach Hause geschickt: „Die Schwestern sind alle in die Filiale in Amstetten gezogen, aber ab diesem Zeitpunkt war alles verboten. Im letzten Kriegsjahr wurde die Filiale bombardiert, den Schwestern ist nichts passiert – sie waren gerade in der Kirche zum Gebet.“

Für Angela Kiesenhofer beginnt nun eine unstete Zeit. Auf Vermittlung der Schwestern arbeitete sie bei einer Familie eines Mannes, der im KZ Dachau gefangen ist. Er war Direktor der damaligen Irrenanstalt in Ybbs. Mit seiner Frau und den Kindern ging Angela nach Wien und blieb fast zwei Jahre.
Als sie glaubte, keine Ordensfrau mehr werden zu können, meldete sie sich für den Schulhelferlehrgang in Graz an. Doch der Traum als Lehrerin arbeiten zu können, platzte. Sie wurde erst als Servierkraft dienstverpflichtet, anschließend in der Nähe von Znaim in eine Landwirtschaft. Ihren „Kriegshilfsdienst“ versah sie im Lazarett: „Man konnte wählen zwischen Straßenbahnfahren in Wien, Lazarett und Fabrikarbeit. Ich hab mir das Lazarett ausgesucht. Wenn die verwundeten Soldaten gekommen sind, ist mir fast schlecht geworden.“ So wurde sie in den Lazaretten Wien und Ybbs bald als Schreibkraft eingesetzt, weil sie bei den Schwestern Maschinschreiben und Stenografie gelernt hatte.

Als die Front von Osten näher rückte, wurde das Ybbser Lazarett nach Bayern verlegt. Angela Kiesenhofer kam dort zur Musterungskommission: „Da haben sie die jungen Buben und die alten Männer noch gemustert. Ostern 1945 bin ich nach Hause gefahren und nicht mehr nach Bayern zurückgefahren. Es hat sich niemand mehr darum gekümmert, weil es Drüber und Drunter gegangen ist. Im Mai war dann der Friedensschluss.“

Noch im Jahr 1945 trat Angela Kiesenhofer bei den Schulschwestern vom Dritten Orden des Hl. Franziskus in Amstetten ein. Nach einer Typhuserkrankung begann sie bei den Englischen Fräulein in Krems die Lehrerinnenausbildung. Nach der Matura wurde sie eingekleidet und ein Jahr später legte sie die ewige Profess ab. Ab jetzt heißt sie Schwester Gertrud.

Schwester Gertrud unterrichtete in den Volksschulen im Mutterhaus ihres Ordens und in Marbach, bis sie nach Hollabrunn versetzt wurde. Hier betreuten die Schwestern rund 150 Kinder und Jugendliche, die nicht bei ihren Familien leben konnten. Zum Heim gehörte auch eine Schule und ein Mutter-Kind-Haus für Mädchen mit Kindern oder schwangere Jugendliche. 37 Jahre lebte und arbeitete Schwester Gertrud in Hollabrunn, ab dem Jahr 1974 leitete sie sogar Schule und Heim: „Es war schwere Arbeit. Die Mädchen waren milieugeschädigte, verhaltensauffällige Kinder. Aber es war eine schöne Arbeit, weil ich helfen konnte. Mit vielen bin ich heute noch in Verbindung.“

Ihren Ruhestand verbringt Schwester Gertrud in der Ordensfiliale in St. Pölten, in der sich auch die Paramentik - Kirchenausstattung – befindet. Heute hilft sie beim Handarbeiten, wo sie kann: „Ich bin noch fest dabei. Es ist für mich wie Therapie. Sonst rostet man, wenn man nichts macht.“

Anspruchslosigkeit und Zufriedenheit nennt Schwester Gertraud Kiesenhofer als wichtige Zutaten für ein gutes Leben. In 100 Jahren hat sie gelernt, was wirklich zählt im Leben: „Es kommt auf die Liebe an, dass ich ein Herz habe für leidende Menschen, hilfsbereit bin und nicht den Kopf hängen lasse.“