Kirche bunt: Interview mit Emmaus-Gründer Karl Rottenschlager

Neues Buch von Karl Rottenschlager lädt mit "Mutmachergeschichten" zum Wagnis einer Weggemeinschaft mit Ausgegrenzten ein © Diözese St. Pölten

Neues Buch von Emmaus-Gründer Karl Rottenschlager lädt mit "Mutmachergeschichten" zum Wagnis einer Weggemeinschaft mit Ausgegrenzten ein

St. Pölten, 26.02.2021 (dsp/mb) "Menschen, die niemand mehr braucht, brauchen Orte, die ihnen Heimat geben": Das unterstreicht beim Interview mit der "Kirche bunt" Emmausgemeinschaft-Gründer Karl Rottenschlager (74). Ziel der von ihm gegründete Obdachlosen-Einrichtung sei es, ein "Willkommen" zu vermitteln, denn: "Der Hunger nach Liebe ist groß, doch Gesellschaft und Wirtschaft sind gnadenlos", so der Sozialarbeiter und Autor des heute Freitag erschienenen Buches "Hassen oder vergeben? Bausteine für eine geeinte Welt".

Seit Jahrzehnten setzt sich Rottenschlager für Menschen am Rand der Gesellschaft ein. Ursprünglich wollte er Afrika-Missionar werden, dann kamen aber Gesundheitsprobleme dazwischen. Als er hörte, dass für das Gefängnis Stein ein Sozialarbeiter gesucht wurde und niemand sich meldete, "wusste ich, dass mich Gott ruft. Ich habe erkannt: Für diese Menschen da zu sein - das ist mein Afrika", berichtete er. Geholt worden sei er unter dann, wenn es einen Suizidversuch gab oder wenn sich ein Gefangener selbst verletzt hatte, was damals in den 1970ern fast täglich vorkam. Rottenschlager selbst verstand diese Vorfälle immer als Hilfeschrei "Ich kann nicht mehr". Immer mehr habe er in den Gefangenen das Gesicht Jesu erkannt, den er in diesen Menschen lieben sollte.

Der immer stärker werdende Wunsch, sein Leben mit den Menschen am Rand zu teilen, brachte Rottenschlager 1982 zur Gründung der Emmausgemeinschaft für Obdachlose mit einem Heim für diese in der Herzogenburgerstraße in St. Pölten. Die gemeinsam mit der diözesanen Caritas entstandene Einrichtung war die erste ihrer Art in Niederösterreich. Ein "fast verrücktes Vertrauen in Gottes Regie" habe ihm geholfen, trotz anfänglichen Widerstands aus der Bevölkerung und fehlender Subventionen zu Beginn weiterzumachen, So Rottenschlager.

Prinzipien der Arbeit der Emmausgemeinschaft seien bis heute "Liebe und Kompetenz", erklärt der Gründer immer wieder gerne. "Gewissenhafte und solide Arbeit" der Mitarbeiter sei nötig, um die etwa bei Alkohol- und Drogenproblemen nötige Hilfe geben zu können. Wichtig sei auch die Präsenz, das "Dasein wie bei einer Mutter": 

Mittlerweile ist die Emmausgemeinschaft auf vier Wohnheime, drei Notschlafstellen, zwei Tageszentren und vier Betriebe für einen leichteren Einstieg in den Berufsalltag angewachsen, zudem gründete Rottenschlager auch einen eigenen Sozialmarkt. Befürchtungen der Anrainer, die Nachbarschaft zu ehemaligen Häftlingen und Suchtkranken könnte gefährlich werden, bewahrheiten sich nicht. Ganz im Gegenteil: "Erst vor wenigen Jahren hat mir der Polizeidirektor von St. Pölten gesagt: Wenn es euch nicht gäbe, dann wäre die Rückfallsquote in der Landeshauptstadt viel höher", so Rottenschlager. 

Sein Buch "Hassen oder vergeben?" entstand dank Corona, erklärte Rottenschlager. Ihm sei es dabei darum gegangen, durch "Mutmachergeschichten" aufzuzeigen, dass Gott nicht nur im Gelingen, sondern auch im Scheitern am Werk sei. Prominente "Überwinder von Hass" kommen zu Wort, dazu ermuntert der Autor zum Wagnis einer Weggemeinschaft mit Ausgegrenzten, zu gewaltfreier Konfliktlösung und Versöhnung sowie zu universeller Geschwisterlichkeit. 

Buchinfo: Karl Rottenschlager, "Hassen oder vergeben? Bausteine für eine geeinte Welt". 410 Seiten, Euro 17,66; ISBN 978-3200071179