Kirchliche Bibliotheken sind zunehmend "Begegnungsorte"

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Herzogenburg, 23.5.2017 (dsp/KAP) Das kirchliche Bibliothekswesen befindet sich derzeit in einem großen Wandel: Mit der Digitalisierung seit den 90er-Jahren seien viele neue Netzwerke und Projekte entstanden und man besinne sich heute "weniger auf die Bücher und mehr auf die Begegnung", berichtete Reinhard Ehgartner vom Österreichischen Bibliothekswerk im Stift Herzogenburg, wo am Montag der Auftakt der bis Mittwoch dauernden Jahrestagung der kirchlichen Bibliothekare Österreichs stattfand.

Österreich verfügt über eine riesige Zahl kirchlicher Bibliotheken: 235 von ihnen - angefangen von kleinen Pfarr- und Klosterbibliotheken bis hin zu den großen Bibliotheken in Stiften oder Hochschulen - sind in kirchlicher Trägerschaft, 419 weitere werden in Kooperationen wie etwa zwischen Pfarren und Gemeinden geführt. Von den insgesamt rund 1.500 öffentlichen Bibliotheken haben somit rund die Hälfte einen katholischen Träger oder Mitträger, umriss Ehgartner die Dimensionen.

Über 8.000 ehrenamtliche Mitarbeiter seien österreichweit in den Kirchenbibliotheken unterstützend tätig, sagte Ehgartner. In den letzten Jahren seien infolge der neuen Erfordernisse viele junge Leute dazugekommen, Netzwerke und Projekte wie etwa das Innsbrucker "Innsbook" seien entstanden und statt um Einzelpersonen gehe es nun um Leitungsteams. Statt um Bücher gehe es immer mehr um Begegnung, um "das Medium Mensch" sowie um das Sprechen über Bücher. Kinder seien - anders als früher - zur wichtigen Zielgruppe geworden, denn: "Das Heranführen an den sozialintegrativen Bereich der Bibliothek ist sehr positiv für ihre Entwicklung."

Die Digitalisierung führe auch zu einem "konstanten Anschwillen der Wissensflut", so die Diagnose von Marcus Stark von der Diözesanbibliothek Köln. Damit verändere sich das Gesicht der Büchereinen ungemein: Seien sie früher vor allem Sammlungen gewesen, könne man sich heute im Zeitalter der "Hybridbibliothek" sogar künftige "Bibliotheken ohne Bestände" vorstellen. In "Digital Collections" werde vor allem versucht, Sinnzusammenhänge herzustellen. Prognosen zufolge würden bald nur mehr Bibliotheken mit Alleinstellungsmerkmalen einer Sammlung überleben, wobei kirchliche Bibliotheken ebendiese Merkmale sehr wohl hätten - und sich durch sie von universalwissenschaftlichen Großbibliotheken unterscheiden würden, so der Experte.

"Das Buch zu bewahren und die Lektüre und ihre Verbreitung zu fördern ist für die Kirche eine Aktivität, die ihrem Missionsauftrag sehr nahe kommt oder gar eins damit ist", fasste Karin Schamberger von der Stiftsbibliothek Admont zusammen. Sammlungen seien die Stärken von kirchlichen Bibliotheken, die durch diese Eigenschaft "immer etwas Neues auf den Markt werfen können". Für viele Probleme habe sich die Kooperation mit dem Staat als gute Lösung erwiesen.

Digitalisierung steht im Zentrum zahlreicher aktueller Projekte der Kirchenbibliotheken, wurde bei der Jahrestagung sichtbar. So sammelt etwa Stift Heiligenkreuz im Projekt "Grauware" Kleinschriften, die auf Anfragen von Außen durch ehrenamtliche Mitarbeiterinnen eingescannt und verschickt werden. Eine zentrale Stelle soll die Datensätze künftig bewerten und in ein System einpflegen, berichtete Bibliothekar P. Florian Mayrhofer. Das dreijährige "Erasmus+"-Projekt "Digital Editing of Medieval Manuscripts" im Stift Klosterneuburg hingegen vermittelt Studenten das digitale Editieren von mittelalterlichen Texten.

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