Papst gedenkt der 500 vor Lesbos ertrunkenen Flüchtlinge

Papst Franziskus, Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel und Erzbischof Hieronymos II. von Athen wollen am Samstag in einem Schiff vor der Küste von Lesbos der ca. 500 in der Ägäis ertrunkenen Flüchtlinge gedenken.

Laut OIM (International Organization for Migration) starben allein in diesem Jahr bereits 375 Menschen beim Versuch, die griechschen Inseln Lesbos, Samos, Chios und Kos zu erreichen. Der griechische katholische Bischof Frangiskos Papamanolis warnte unterdessen vor wachsender Aggression gegen Flüchtlinge. 

Mit der symbolischen Geste im Meer wollen Papst, Patriarch und Erzbischof am Gewissen der Welt rütteln. Erstinitiator des ökumenischen Gedenkens ist dabei Erzbischof Hieronymos II. 

Laut griechischen Medien schickte der 78-jährige Primas der orthodoxen Kirche Griechenlands im März mit Billigung seines Leitungsgremiums Briefe an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, den Weltkirchenrat in Genf und einzelne Religionsführer. Ziel war, die Bewältigung der Flüchtlingskrise anzuschieben.

Wenige Tage später signalisierte der Nuntius in Athen die Bereitschaft des Papstes, eine der betroffenen Inseln zu besuchen. Zunächst war ein Aufnahmelager in Samos im Gespräch, dann fiel die Entscheidung für das symbolkräftigere Lesbos. 

Bislang schaffte es erst ein Papst der Neuzeit, seinen Fuß auf griechischen Boden zu setzen, nämlich Johannes Paul II. Er kam im Mai 2001 und verband die Athen-Visite mit einer Vergebungsbitte für die Taten der Kreuzfahrer. Weiterhin bestehen allerdings ökumenische Klippen. Wie stark die Vorbehalte sind, zeigte eine Einlassung des Bischofs von Kalavrita, Ambrosios. Er sprach von einem "tückischen Dolchstoß" in den Rücken des orthodoxen Heimatlandes. Wenn der Papst helfen wolle, solle er doch mit dem Geld des Vatikan in Italien ein anständiges Aufnahmelager für die Flüchtlinge von Idomeni einrichten, so Ambrosios.

Dass solche Reaktionen kommen würden, war für die Kirchenleitung in Athen absehbar. Von vornherein sollte daher Patriarch Bartholomaios I. mit ins Boot, der als Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie auf Augenhöhe mit dem Papst steht. Beide sind Religionsführer von globalem Einfluss und mit politischem Profil. Papst und Patriarch kombinieren so aus Sicht des Athener Primas ihr Gewicht, wenn es um eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft zur Lösung der Flüchtlingskrise und für den Schutz von Christen im Nahen Osten geht.

Hinzu kommt ein innerorthodoxer Aspekt, weil Lesbos einerseits auf griechischem Staatsgebiet liegt, andererseits aber dem Patriarchat von Konstantinopel untersteht. Dass Hieronymos II. und Bartholomaios I. Seite an Seite für Flüchtlinge eintreten, soll laut einer Mitteilung des Patriarchats auch ein Signal der Einheit innerhalb der orthodoxen Kirche senden.

Politisch setzt der Auftritt auf Lesbos Bartholomaios I. in eine zwiespältige Lage: Er reist als zuständiger Oberhirte dorthin, aber die fast unausweichliche Kritik am Rückführungsabkommen der EU und der Türkei droht das Verhältnis zwischen seiner Kirche und der Regierung in Ankara weiter zu belasten. Der Eindruck eines direkten Affronts wird zumindest abgeschwächt, wenn Bartholomaios I. bei dieser Aktion den Papst an seiner Seite hat.

Auch die griechische Führung tritt als Akteur bei dem Treffen in Lesbos auf. Nach protokollarischen Gepflogenheiten war es Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos, der die beiden Kirchenführer offiziell einlud. Die Bühne von Lesbos wird indessen Ministerpräsident Alexis Tsipras für seine Anliegen nutzen wollen. Tsipras' Büro wies bereits auf die Solidaritätsbekundungen des Papstes für das wirtschaftlich gebeutelte griechische Volk hin. Die Regierung betrachte Franziskus und Bartholomaios I. als "wertvolle Unterstützer und Freunde im Kampf um Erleichterung für die Flüchtlinge".

Bischofskonferenz: Lage ist nicht mehr friedlich 

Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Griechenlands, Bischof Franghiskos Papamanolis, äußerte sich unterdessen am Donnerstag besorgt über das schwierige Verhältnis griechischer Küstenbewohner zu ankommenden Flüchtlingen. "Die Lage ist nicht mehr friedlich. Ich weiß nicht, wie sich das entwickeln wird", sagte Papamanolis im Interview mit der Vatikanzeitung "Osservatore Romano" (14. April). Das Verhalten der Griechen gegenüber den Flüchtlingen habe sich nach dem EU-Abkommen mit der Türkei im März gewandelt.

"Das Schlimme ist, dass die Bewohner angefangen haben, Waffen zu kaufen", so Papamanolis. Im Fernsehen habe ein Jagdausstatter erzählt, er habe in einem Monat mehr Gewehre verkauft als sonst in einem Jahr.

Papamanolis berichtete, dadurch würden die Flüchtlinge jetzt als "Sträflinge" angesehen. Viele von ihnen wollten nicht in die Türkei und widersetzten sich. Für die griechische Bevölkerung spitze sich die Lage auch weiter zu, weil Touristen wegen der Flüchtlinge ihre Reisen stornierten. "Auf den griechischen Inseln Kos, Samos, Chios und Lesbos, die nahe der türkischen Küste liegen, hatten wir im September mehr Flüchtlinge als Einwohner."

Der Bischof erklärte, er könne die Situation aller Beteiligten nachvollziehen. Die Flüchtlinge hielten die unmenschlichen Bedingungen in den Auffanglagern nicht aus, die Bevölkerung fürchte gewaltsame Übergriffe oder Geschäftsplünderungen durch Flüchtlinge, besonders bei Lebensmitteln. Die griechische Regierung habe aufgrund der Finanzkrise kein Geld, die nötigen Maßnahmen zu finanzieren.

Papamanolis lobte zugleich die Arbeit der Regierung bei der Einrichtung von Aufnahmezentren. Ebenso hätten mehrere Hilfsorganisationen - besonders die Caritas Hellas - die Flüchtlinge etwa mit Zelten und Kleidung unterstützt. Auch sehr viele Griechen hätten die Flüchtlinge mit "karitativen Gefühlen" empfangen. "Jeder war bereit, zu tun, was er konnte." Inzwischen aber wachse die Verbitterung der Bevölkerung.

(KAP, 16.04.2016)