Emmaus-Gründer Karl Rottenschlager wird 70

Karl Rottenschlager

St. Pölten, 01.12.2016 (dsp) Bei seiner Pensionierungsfeier vor zwei Jahren wurde Karl Rottenschlager „unser Heiliger“ genannt, viele Menschen verdanken ihm ein neues Leben. Der Gründer der St. Pöltner Emmaus-Gemeinschaft feiert am 2. Dezember seinen 70. Geburtstag. „Wir sind die Lobby derer, die keine Lobby haben“ und „Es gibt keinen hoffnungslosen Fall“ waren nicht nur Motto, sondern Lebenseinstellung und Auftrag für den bescheidenen Jubilar.

Die Emmausgemeinschaft St. Pölten wurde 1982 vom Theologen und Sozialarbeiter Rottenschlager mit der Intention gegründet, ein Auffangnetz für Haftentlassene zu schaffen. Heute bietet die Emmausgemeinschaft St. Pölten Einrichtungen für Menschen in Krisensituationen in den Bereichen Wohnen, Arbeit und gesellschaftliche Integration an. Gast-Freundschaft, die niemanden ausschließt. Die Bezeichnung der Emmaus-Klienten als "Gäste" ist Ausdruck der Wertschätzung. Allen Religionen gemeinsam ist die Überzeugung, dass Gott selbst in jedem Menschen zu uns kommt. Daher ist jede/r bei Emmaus willkommen.

Rottenschlager baute seine Arbeit und Leitung auf zwei Prinzipien auf: Liebe und Kompetenz. Liebe als Grundhaltung, das heißt als vorurteilsfreie Annahme jedes Hilfesuchenden und Professionalität in allen Arbeitsbereichen. Leitung verstand er als Dienst: „Wer unter Euch der Erste sein will, sei der Diener aller.“ (Matthäus-Evangelium 20)

Rottenschlager wünsche sich, dass in Emmaus jeder Gast, jede/r Klient/in, jede/r Patient/in die Erfahrung macht: Ich werde geliebt, ich werde radikal angenommen – wie auch immer die Vorgeschichte ausschaut. Diese Grunderfahrung wirke Wunder, ermögliche heilsame Beziehungen und fördere Heilungsprozesse. Liebe allein könne die Welt heilen.

Nach Jahren als Sozialarbeiter in der Justizanstalt Stein erkannte er, dass jede Entlassungsvorbereitung ohne Nachbetreuung meist ineffizient ist. Zwei Drittel der jährlich 11.000 Haftentlassenen hatte damals weder Arbeit noch Quartier. Nach anfänglichen Schwierigkeiten konnte das Emmaus-Experiment gestartet werden. Ziel war es, jedem Hilfesuchenden, der als Gast aufgenommen wird, Arbeit, Wohnung und Hoffnung zu vermitteln. Das Gefängnis sei nicht selten eine „Schule des Hasses“, doch die Gefangenen bräuchten eine „Schule der Liebe“. Darum seien Betreuungsangebote des modernen Strafvollzuges sowie Nachsorge-Einrichtungen überaus wichtig. Nur so könne Wiedereingliederung gelingen.

Prägend seien für ihn die ersten Lebensjahre auf einem Mostviertler Bauernhof gewesen. In seiner Großfamilie seien auch der Briefträger, der Rauchfangkehrer, der Elekrtiker, stets zur Jause eingeladen gewesen. Der Satz der Großmutter „Ruckt´s zuwa!“ sei ihm unvergesslich geblieben. Damit habe sie allen Besuchern signalisiert: „Du bist willkommen!“ Selbst Bettler bekamen ihr Brot und Notquartier im Heustadl. Weiters hätten ihn in seiner Gymnasialzeit die Vorträge von Missionaren und Entwicklungshelfer tief beeindruckt, die teils Lepra-Kranke pflegten, bis sie selber starben.

Einrichtungen von „Emmaus“ sind u.a. drei Wohnheime, ein Frauen-Wohnheim, eine Notschlafstelle, die Jugend-Notschlafstelle COMePASS, ein Tageszentrum für Obdachlose, Jugendbetreuung und Jugendsuchtberatung sowie zahlreiche Ausbildungs- und Qualifikationsprogramme wie AusbildungsFit und WorkOut oder die CityFarm.

Steckbrief - Karl „Charly“ Rottenschlager:
geb. am 2.12.1946 in Steyr, OÖ, aufgewachsen in Behamberg und Seitenstetten (Bezirk Amstetten)
Studium: Theologie und Sozialarbeit
Lebensmotto: „Es geht nicht darum, dass wir große Dinge tun, sondern die kleinen Dinge mit großer Liebe (Mutter Teresa)
Hobbys: Musik, Wandern, Schwimmen

Näheres zu Emmaus

Emmaus – Synonym für Hoffnung
Der Name "Emmausgemeinschaft" findet seinen Ursprung in der Bibel. Der Evangelist Lukas berichtet von zwei Jüngern, zu denen sich auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus ein Mann gesellt. Die Jünger sind verzweifelt, weil Jesus am Kreuz hingerichtet wurde. Der Mann macht ihnen wieder Mut. Als sie schließlich gemeinsam zu Tisch sitzen, erkennen sie den auferstandenen Jesus am Brechen des Brotes. Es ist das Symbol dafür, dass Christus für die Menschen sein Leben hingegeben hat – es mit uns teilen will - und es heute immer noch tut. In der Eucharistiefeier – jeden Dienstag wird bei Emmaus in der Hauskapelle des Wohnheimes Herzogenburger Straße die Hl. Messe gefeiert – ist Jesus durch seinen Leib und sein Blut gegenwärtig. Sein Gebot „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“ ist Aufforderung an jeden einzelnen Menschen, es ihm gleich zu tun – nicht nur in der Eucharistiefeier, auch im Alltagsleben. Wenn Menschen in seinem Namen „das Brot brechen“, also das Leben, das jedem Menschen von Gott geschenkt wurde, mit anderen teilen (finanziell, materiell, in der Begegnung, im Gebet), dann wird Seine Gegenwart offenbar, wie das auch bei den Jüngern von Emmaus geschehen ist, die Christus in der Tischgemeinschaft am Brechen des Brotes erkannten.

Als Ausdruck der Weggemeinschaft mit Ausgegrenzten möchte Emmaus auch Tischgemeinschaft leben. Die MitarbeiterInnen bedienen bei Tisch jene, die in oft ausweglosen Situationen als Gäste zu Emmaus kommen. Die gemeinsamen Mahlzeiten sind als kleines Fest gedacht, wo alle an einem Tisch Platz haben – auch die Ungeliebten unserer Gesellschaft. Aus diesem Verständnis heraus ist auch das Emmaus-Logo zu erklären. Es zeigt zwei Brot brechende Hände – ein Symbol für das Teilen bzw. die Nächstenliebe – Herausforderung, Auftrag und Programm der Emmausgemeinschaft.

Arbeit – Wohnung – Hoffnung
Das Leben in der Emmausgemeinschaft ist geprägt von einem miteinander und voneinander Lernen, von Gästen wie von MitarbeiterInnen. Möglich wird das durch kleine familienähnliche Wohn-, Betriebs- und Freizeitgemeinschaften. Gäste, die nach Heim-, Gefängnis- oder Psychiatrieaufenthalten zu Emmaus kommen, haben meist schon viel Leid erfahren aber auch weitergegeben. Bei Emmaus können sie ankommen und zur Ruhe kommen, erfahren Anerkennung, Respekt und Wertschätzung.

Ca. 320 Personen in Betreuung
In den Bereichen Arbeit (Transitarbeit und Arbeitstherapie), Jugend (Jugendnotschlafstelle COMePASS, Jugendsuchtberatung) und Wohnen (Notschlafstellen, Wohnhäuser) betreut Emmaus derzeit ca. 320 Personen täglich. Die Emmaus-Gäste werden entweder über andere Einrichtungen zu Emmaus vermittelt (AMS, Jugendberatungsstellen, Justizanstalten etc.) oder nehmen direkt Kontakt mit einer Einrichtung auf (z.B. Obdachlose in den Wohnheimen). Zur Zeit beschäftigt Emmaus ein Team von ca. 140 Angestellten (SozialarbeiterInnen, SozialpädagogInnen, ErgotherapeutInnen, Verwaltungskräfte). Zusätzlich sind derzeit 30 Zivildienstplätze genehmigt. Ca. 120 Ehrenamtliche unterstützen die Arbeit von Emmaus.

Infos: www.emmaus.at