Betriebsseelsorger Franz Sieder - ein Leben für die Verkündigung des Evangeliums in der Arbeitswelt

Franz Sieder

Amstetten-Gaming, 24.08.2016 (dsp) „Franz Sieder ist Kaplan und Anwalt für die Würde eines jeden Menschen“, betonte der St. Pöltner Weihbischof Anton Leichtfried anlässlich der Pensions-Feier für den 77-jährigen Betriebsseelsorger. Die Diözese St. Pölten könne dankbar und stolz auf einen Priester sein, der sich so tatkräftig für die Anliegen, Sorgen und Nöte der Arbeiterschaft einsetze. Er sei gerade dort viel unterwegs, wo die Kirche sehr wenig präsent sei und somit ein wichtiger Türöffner und Brückenbauer. Bei einem Festakt in Gaming wurde Sieder in den Ruhestand verabschiedet, 40 Jahre übte er die Funktion als Betriebsseelsorger aus.

Der niederösterreichische Präsident der Arbeiterkammer, Markus Wieser, würdigt ebenfalls den Einsatz Sieders für andere: etwa in den Fragen der Verteilung oder der Gerechtigkeit. Er schätze seine Kumpelhaftigkeit und Kollegialität. Viele weitere Bekannte und Wegbegleiter aus Kirche und Gewerkschaft würdigten den „roten Kaplan“, wie er manchmal genannt wird, ebenfalls. Weggefährten beschreiben sein Wirken als „ein Leben für die Verkündungen des Evangeliums in der Arbeitswelt“. Er gilt als größer Aussöhner zwischen Arbeitswelt, Sozialdemokratie und Kirche. Friede ist ihm ein zentrales Bedürfnis, dies predigt er etwa bei den jährlichen Friedensgottesdiensten im Wiener Stephansdom.

Durch Handeln zum Glauben führen

Der Amstettner erzählt, wie fasziniert er von den französischen Arbeiterpriestern gewesen sei. Davon habe es zeitweise über 1000 gegeben. Sie wollten die Botschaft des Evangeliums nicht durch durch Worte, sondern durch Handeln zu den Arbeiter/innen bringen. Gerade Arbeiterpriester müssten glaubwürdig sein, so Sieder. Man habe die Themen nicht so sehr diskutiert, sondern sei vielmehr vom Alltagsleben ausgegangen und habe praktisch gewirkt. Besonders inspirierend sei dabei der belgische Kardinal Joseph Leon Kardinal Cardijn (gest. 1967) gewesen. Er erinnert an einen Spruch Cardijns: „ Jeder junge Arbeiter ist mehr wert als alles Gold der Erde!“ Sieder arbeitete selbst auch in zahlreichen Betrieben mit: in einer Wäscherei, bei den Böhlerwerken oder in einem großen Hendl-Betrieb.

Zentrales „Herzensanliegen“ Sieders sei in seiner Verkündigung der Einsatz für Gerechtigkeit gewesen. Mit Papst Franziskus habe er jetzt eine große Frage, weil er das lebe und dazu aufrufe an die Ränder der Gesellschaft hinauszugehen. Er wünsche sich, dass die Anliegen der Arbeitswelt noch stärker in der Pastoral zum Tragen komme.

Rote Vespa, Legende, Unikat

Priester Franz Sieder aus Amstetten gilt im Mostviertel und darüber hinaus schon ein wenig als lebende Legende - ua. kennt man den Priester überall, weil er eine spezielle Erscheinung hat: lange weiße Haare und rotes Moped-Vespa. Er ist kompromisslos für die Armen und für die Unterdrückten da, gilt in politischen Fragen als streitbar und ist wahrscheinlich einer der letzten Arbeiterpriester. Berühmt sind seine handgeschriebenen Plakate, die er immer wieder am Amstettner Bahnhof platziert und auf denen er sich kein Blatt vorm Mund nimmt. Viele Passanten lesen die sozialkritischen Botschaften Sieders dort, er gilt als Unikat. Ein großes Publikum erreichte er immer wieder mit seinen wirtschafts-, gesellschaftspolitischen und ethischen Veranstaltungen.

Der 77-Jährige hielt unzählige Predigten und Reden zu sozialer Gerechtigkeit aus der Sicht des christlichen Glaubens. Einige davon sind in den zwei Büchern „Gegen den Strom“ gesammelt. Legendär ist auch sein Einsatz für den arbeitsfreien Sonntag. Im Mostviertel ist der Geistliche weit durch sein Wirken als „Aushilfspriester“ für Gottesdienste bekannt.

Sieder kam 1938 in Obergrafendorf zur Welt, studierte Theologie in St. Pölten und empfing am 29. Juni 1962 die Priesterweihe. Nach dreijähriger Kaplanstätigkeit in der Pfarre Amstetten-St. Stephan war er von 1965 bis 1976 freigestellter Kaplan für die Katholische Arbeiterjugend, seit 1976 wirkt er als Betriebsseelsorger für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer des Mostviertels. Als überzeugter Pazifist war Sieder maßgeblich am Aufbau von Pax Christi Österreich und Pax Christi der Diözese St. Pölten beteiligt, seit 1989 ist er Geistlicher Assistent von Pax Christi Österreich. Weiters betätigt er sich seit 20 Jahren im Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialismus (ACUS). Jahrelang war er auch Krankenhausseelsorger und engagiert sich seit einigen Jahren als Geistlicher Assistent für die Katholische Arbeiterbewegung Niederösterreich.