Abt Luser: Barmherzigkeit als Grundhaltung des Christen

Abt Columban Luser OSB

St. Pölten, 19.11.2016 (dsp) „Die Barmherzigkeit muss zu einer Grundhaltung des Christen werden, der die ganze Existenz durchformt.“ Das betonte Abt Columban Luser bei der letzten Katechese zum „Jahr der Barmherzigkeit“ in der St. Pöltner Franziskanerkirche. Der Abt des Benediktinerstifts Göttweig sprach im sechsten Vortrag der von Bischof Klaus Küng initiierten Reihe zum Thema „Wie gehst Du mit mir um? Codex der Nächstenliebe?“ über das 3., 5. und 6. Werk der geistigen Barmherzigkeit (Trauernde trösten, Lästige geduldig ertragen, denen, die uns beleidigen, gern verzeihen).

Die „Pforten der Barmherzigkeit“ würden mit dem Ende des Heilgen Jahres zwar geschlossen, „aber nicht das, was an Wirklichkeit mit dem Begriff Barmherzigkeit gemeint ist“, sagte Luser. „Nach einem Jahr intensiver Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit Barmherzigkeit sind wir dafür mehr sensibilisiert – und das sollte auch in der Art und Weise sichtbar und spürbar werden, wie wir über andere reden, wie wir über sie denken, wie wir mit ihnen umgehen.“ Dahinter stehe ein Imperativ Jesu: „Seid barmherzig, wie es auch eure Vater ist!“ (Lk 6,36). Das sei keine bloße Empfehlung, nicht nur ein Ratschlag, sondern ein Auftrag, ein Befehl: „Da steht dahinter ein Rufzeichen!“

Trost spenden durch Zuhören

Im Leben des Menschen gebe es viele Momente, die tiefe Trauer auslösen und tiefes inneres Leid verursachen, sagte der Göttweiger Abt. Trauernde trösten bedeute, sich „behutsam an das Innerste des Menschen herantasten“, der sich in einer Trauersituation befindet, und diesem Menschen in seiner Isolation beizustehen und aus der Isolation herauszuholen. Der erfahrbare Trost könne viele Formen annehmen, die wichtigste Bezeugung von Empathie sei jedoch das Zuhören. Vielleicht sei es auch möglich, ein hilfreiches Wort zu sprechen, das jedoch nicht Vertröstung sein dürfe, sondern Hoffnung spenden solle.

Geduld als Zeichen von Stärke

Beim „geduldigen Ertragen Lästiger“ brauche es den Geist der Unterscheidung, wie Luser ausführte. Einerseits heiße solchen Menschen barmherzig zu begegnen nicht, „sich alles und jedes passiv gefallen zu lassen“. Auch das Ziehen klarer Grenzen könne oft ein Akt der Barmherzigkeit sein. Andererseits wollen Lästige häufig „einfach nur wahrgenommen, ernst genommen werden, wertgeschätzt und angenommen“. In jedem Fall sei hier Geduld gefragt. Geduld sei „ein Zeichen und Ausdruck von Stärke“, so Abt Columban, „die Lästigen geben uns Gelegenheit, in der Geduld zu reifen“. Hilfreich sei auch immer, die Lästigen still zu segnen.

Verzeihen hat keine Grenze

„Was kränkt, macht krank“, sagte Luser, deswegen sei es „alles andere als leicht“, Beleidigungen zu verzeihen. Dennoch sei die Botschaft Jesu ganz klar: Beim Verzeihen dürfe es keine Grenze geben. Die Vergebungsbitte im Vaterunser bedeute: „Wer nicht schon längst seinen Mitmenschen die Verfehlungen vergeben hat, braucht bei Gott erst gar nicht anzuklopfen, weil das die Voraussetzung dafür ist, bei Gott Vergebung zu finden.“ Um aus der Tiefe des Herzens verzeihen zu können, brauche es „innere Freiheit und innere Größe“, die beide nur durch den Heiligen Geist möglich seien, der „immer zur Versöhnung motiviert“. Luser: „Verzeihen befreit aus dem Gefängnis und dem Teufelskreis von Rache und Vergeltung und eröffnet einen neuen Lebens-Raum.“