"Wir brauchen Arbeitsbedingungen, die Kinder bejahen"

In Österreich gibt es nach wie vor enormen Aufholbedarf bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das war der Tenor des 19. Hildegard Burjan-Gesprächs in Wien. "Wir brauchen Arbeitsbedingungen, die Kinder bejahen", brachte der Familien- und Sozialrechtsexperte Prof. Wolfgang Mazal die Forderungen auf den Punkt. Reproduktion werde in der Gesellschaft aber vornehmlich als Problem gesehen.


Der Leiter des Instituts für Familienforschung an der Universität Wien hielt ein Impulsreferat und diskutierte im Anschluss mit Aktion Leben-Generalsekretärin Martina Kronthaler, der Journalistin Gudula Walterskirchen und Paul Friedrich Mensdorff-Pouilly vom Projekt Familienlotse. Mazal sprach von einer "Trias der Familienpolitik": Familien bräuchten Zeit, Geld und Infrastruktur. Die Politik befasse sich vornehmlich mit Fragen der Familienbeihilfe und der Kinderbetreuungseinrichtungen, weniger jedoch mit dem Faktor Zeit, der jedoch für Familien sehr wesentlich sei. Dabei sei vor allem Verlässlichkeit im Zeitmanagement für Familien wichtig. Unter Arbeitszeitflexibilisierung werde aber oft vor allem Flexibilität für das Unternehmen verstanden.

"Wie ich es mache, ist es falsch"

Der Sozialexperte ortete großen finanziellen Druck bei vielen Familien. Die Förderung von Familien dürfe nicht noch weiter zurückfallen, forderte Mazal. Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie müsse auch ein Männer- und gesamtgesellschaftliches Thema werden. Um eine Gesellschaft zu gestalten, "die Ja zum Leben sagt", sei aber nicht nur der Staat gefordert, sondern es brauche auch Menschen, die Verantwortung übernehmen, die sich den Fragen stellen und sie beantworten.

Dem hielt die Journalistin Gudula Walterskirchen entgegen, dass Familien gerade in der schwierigen Phase mit kleinen Kindern kaum Zeit und Kraft hätten, sich auch noch für ihre Rechte einzusetzen. Sie seien sich selbst überlassen. Die Journalistin zeigte sich skeptisch ob eines gleichrangigen Nebeneinanders von Familie und Beruf. Mazal brachte demgegenüber Skandinavien als Beispiel für eine "Kultur der Vereinbarkeit" ins Spiel.

"Immer weniger junge Menschen trauen sich Kinder zu", sagte Martina Kronthaler, Generalsekretärin der Aktion Leben. Die Mütter würden oft als Hauptverantwortliche für die Familie gesehen, Eltern sollten aber gleich verantwortlich sein.

Nach den Worten Walterskirchens sind auch junge Väter oft sehr motiviert. Doch ein Mann, der sich um seine Kinder kümmern will, verliere gewöhnlich im beruflichen Konkurrenzkampf. Auch wenn eine Frau ihr Kind unter zwei Jahren in eine Kinderkrippe gebe, könne sie nur wenig Akzeptanz erfahren, kritisierte die Journalistin. Doch gleichermaßen sei nicht akzeptiert, "dass man mit Kind daheim bleibt", ergänzte Professor Mazal: "Wie ich es mache, ist es falsch."

Arbeit braucht Kindergarten braucht Arbeit

Frauen würden oft schon in der Schwangerschaft alleine gelassen, beklagte Kronthaler. Vor allem bei schlecht bezahlen und gesundheitlich fragwürdigen Arbeitsstellen sei ein vorzeitiger Mutterschutz wichtig, entstünden doch finanzielle Nachteile manchmal schon während der Schwangerschaft. Vor allem für Alleinerziehende sei es schwierig, nach der Geburt wieder arbeiten zu gehen, da es "wenige qualitätsvolle Kinderbetreuungsplätze" gebe, so Kronthaler. Außerdem sei es problematisch, dass die Bedingung für einen Arbeitsplatz oft ein Kindergartenplatz sei, für diesen brauche man aber wiederum einen Arbeitsplatz.

Paul Friedrich Mensdorff-Pouilly vom Projekte Familienlotse berichtete über seine persönlichen Erfahrungen. Sowohl er als auch seine Frau seien berufstätig gewesen, als ihre Tochter an Krebs erkrankte. Seine schwangere Frau stieg aus dem Arbeitsleben aus. "Das Zeitmanagement war ein Wahnsinn", so Mensdorff-Pouilly. Am Anfang habe er von Seiten des Arbeitgebers viel Empathie erfahren, doch im Alltag spürte er oft den Wettbewerb. Dann sei seine Loyalität auf die Probe gestellt worden. Schließlich wurde er gekündigt. "Wenn man sich für die Familie voll einsetzt, wird man schwach. Und Schwache sind Opfer", erklärte er.

Gesellschaftsfrage statt Einzelfall

Dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch schon bei der seligen Hildegard Burjan (1883-1933) ein großes Thema gewesen war, verdeutlichten Prof. Ingeborg Schödl, Leiterin des Hildegard Burjan Forums, und Sr. Karin Weiler von der Caritas Socialis. Zu Burjans Zeit sei es noch sehr ungewöhnlich gewesen, dass eine Frau überhaupt berufstätig ist und sich politisch engagiert, so Weiler am Rande der Podiumsdiskussion gegenüber "Kathpress". Burjan habe sich genauso um den Haushalt gekümmert wie auch sich politisch engagiert, gerade auch für die Themen von Frauen.

Burjan habe Verantwortung übernommen und zugleich auch gemerkt, dass sie nicht alle Fragen gut lösen konnte. Ein Stück weit sei sie auch gescheitert. Doch allein der Versuch, Verantwortung zu übernehmen, sei wichtig, betonte Weiler. Hildegard Burjan habe begriffen, dass es in der Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht um Einzelfälle gehe, sondern "dass es eine gesellschaftliche Frage ist, die auch politisch zu lösen ist", so Weiler.

Sabina Dirnberger, in den Einrichtungen der Caritas Socialis in leitender Funktion tätig, berichtete gegenüber "Kathpress", wie man sich im in den CS-Einrichtungen um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bemühe: "Auf der Station wird ausgemacht, wie man die Arbeitszeiten so legen kann, dass sich alles ausgeht und es trotzdem möglich ist, mit dem anderen im Team zu arbeiten", so Dirnberger. Diese Vereinbarkeit habe über das Leitbild Einzug gefunden: "Initiativ und offen zu führen ist ein Grundsatz, den wir uns zu Herzen nehmen und den wir tagtäglich umsetzen."

Das 19. Hildegard Burjan-Gespräch stand unter dem Motto "Hindernisparcours oder Paarlauf? Wirtschaft und Familie im Spannungsfeld". Veranstalter waren die Caritas Socialis Schwesterngemeinschaft, das Hildegard Burjan Forum und die Bezirksvorstehung Hietzing.

Hildegard Burjan wurde am 30. Jänner 1883 in Görlitz a. d. Neiße als zweite Tochter einer liberalen jüdischen Familie geboren. Nach einer schweren Erkrankung fand sie zum katholischen Glauben. Mit ihrem Gatten Alexander übersiedelte sie 1909 nach Wien und begann sich hier intensiv für Randgruppen der Gesellschaft zu engagieren. 1919 zog sie als erste christlich-soziale Abgeordnete in das Parlament der Ersten Republik Österreich ein. Als verheirate Frau und Mutter gründete sie die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis, deren Vorsteherin sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1933 blieb. Sie wurde 2012 selig gesprochen. (Infos: www.cs.or.at)