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St. Pölten: Irakischer Patriarch Sako berichtete über dramatische Situation der Christen im Mittleren Osten

St. Pölten, 24.11.2015 (dsp) Der irakische chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael I. Sako kam am Montag zu einem Besuch nach St. Pölten. Unmittelbarer Anlass seines Besuchs ist ein Workshop zum Thema "Das kulturelle Erbe des Nahen Ostens - Aktuelle Bedrohungen und Szenarien für den Schutz in Zukunft" im Rahmen der Tagung des Internationalen Zentrums für Archivforschung (ICARUS), die auf Einladung des Diözesanarchivs St. Pölten stattfindet. Sako hielt am Montagabend im St. Pöltner bischöflichen Sommerrefektorium einen Vortrag über die Situation der Christen und ihres kulturellen Erbes im Irak und die Situation der Christen im Mittleren Osten.

Verfolgung sei in mehreren Staaten des Nahen Ostens zu einem gängigen Phänomen geworden, religiöse Minderheiten würden per Verfassung, Gesetz und durch die Behören diskriminiert, so Patriarch Sako. Das Hauptproblem ist aber der Islamische Staat. Diese Extremisten würden alles attackieren, was nicht in ihre Version des Islam passe. Der politische Islam würde nach Macht streben und würde versuchen, einen islamischen Staat zu etablieren – nach dem Vorbild  des 7. Jahrhunderts. Die Gedanken vieler Christen würden sich darum drehen: weg vom Status einer geschützten Minderheit, hin zu Bürgern mit vollen Rechten.

Die aktuelle Situation sei aber auch eine Folge der Verfehlungen des Westens mit fehlgeleiteter Einmischung sowie den Waffenverkäufen. Die Frage sei, ob es eine Zukunft für Christen im Mittleren Osten geben könne. Er sage ja, wenn es Frieden gebe und die Regierungen alle Menschen gleich behandeln. Dafür solle auch die internationale Gemeinschaft sorgen und dies kontrollieren. Demokratie komme nicht einfach dadurch, dass man einen Diktator durch Demokratie ersetzt. Beispiele wie im Irak, Syrien und Lybien würden dies zeigen, wo Konfusion und Anarchie herrschen.

Es brauche universale Werte wie den Wert des Lebens, der Menschenwürde und Zivilgesellschaft – dahin müssten die Menschen bewegt werden. Die Staatengemeinschaft dürfe jedenfalls nicht wegschauen und müsse die Sicherheit jener Christen gewährleisten, die sich entscheiden zu bleiben. Die einzige Chance für eine bessere Zukunft sei aus seiner Sicht die Trennung von Religion und Staat. „Wir müssen den Knoten der Verbindung zwischen Religion und Staat lösen“, so der Patrirach.

Der St. Pöltner Bischof Klaus Küng würdigte die Bedeutung der ICARUS-Veranstaltung und dankte Patriarch Sako sowie dessen Weihbischof Shlemon Warduni für ihren Einsatz.

Präsident von ICARUS ist der Leiter des Diözesanarchivs St. Pölten, Thomas Aigner. Er sagte, die kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak brächten das in frühchristliche Zeiten zurückreichende kostbare kulturelle Erbe der orientalischen Christen und damit die Wurzeln der gesamten Christenheit in höchste Gefahr. Er sicherte Patriarch Sako Solidarität und Kooperation zu.

Zu diesem kulturellen Erbe gehörten auch die historischen Archivbestände. "Wir haben das Glück, mit ICARUS über ein jahrelang gewachsenes, weltumspannendes Netzwerk zu verfügen. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, all unsere Kräfte und unsere Expertise zu bündeln, um unseren Kollegen in der Krisenregion bestmöglich zur Seite zu stehen", so Aigner. Besonders wichtig seien in diesem Zusammenhang die Digitalisierungsprojekte, die den Inhalt kostbarer Dokumente vor kriegerischen Auseinandersetzungen und dem barbarischen Zugriff von Terroristen retten können.

An der Tagung im Bildungshaus St. Hippolyt nehmen 70 Expertinnen und Experten aus 30 Ländern teil, darunter der in der Patriarchalkurie in Bagdad tätige chaldäische Bischof Shlemon Warduni, der irakische Dominikaner P. Mikhael Nadschib und der Archäologe Prof. Andreas Schmidt-Colinet von der Universität Wien. Dieser hatte 30 Jahre lang in dem vor kurzem von der Terrormiliz IS zum Teil in die Luft gesprengten UNESCO-Weltkulturerbe Palmyra geforscht.

Zwar gebe es bereits zahlreiche Aktivitäten zur Sicherung der gefährdeten Kulturgüter, so Prof. Schmidt-Colinet "Pro Oriente" gegenüber. Diese Aktivitäten seien "sicher gut gemeint", jedoch häufig wenig nachhaltig. "Im Moment passieren vor allem Schnellschussaktionen, die mehr oder weniger sinnvoll parallel nebeneinander laufen", so der Archäologe.

Zu Beginn der Tagung gab er in einem Vortrag einen Überblick über die aktuelle Situation der Archivbestände im Irak, die momentan - wie alle Kulturgüter - extrem gefährdet sind. Der systematische Raub und Verkauf von Kulturgütern rangiert mittlerweile an dritter Stelle nach dem Waffen- und Drogenhandel in der internationalen Kriminalstatistik.

Dominikaner rettete Mossuler Manuskripte

P. Mikhael Nadschib hat unter Einsatz seines Lebens unzählige historische Dokumente und Manuskripte auf der Flucht vor den IS-Terroristen von Mossul nach Erbil in Sicherheit gebracht. Der Dominikaner hatte jedoch bereits zuvor mit der digitalen Archivierung von Manuskripten begonnen. "Die Hälfte der Originale existiert heute nicht mehr", so Nadschib. Die Dominikaner im nördlichen Mesopotamien hatten sich schon seit 25 Jahren neben der Seelsorge auf die Digitalisierung und Archivierung wertvoller historischer Dokumente spezialisiert.

ICARUS-Mitglied Istvan Kenyeres vom Budapester Stadtarchiv berichtet in St. Pölten von einer Hilfsaktion für ukrainische Archive. Patricia Engel, Leiterin des "European Research Centre for Book and Paper Conservation-Restoration" an der Donau-Universität Krems, spricht über ihr geplantes Vorhaben "Restauratoren ohne Grenzen". "Ähnlich dem weltumspannenden Netzwerk 'Ärzte ohne Grenzen' möchte ich in St. Pölten einen Verein zur Rettung von Büchern in Not, egal wo diese sind, gründen", erklärte Engel ihre Idee.

Das ICARUS-Netzwerk umfasst aktuell mehr als 170 Archive und wissenschaftliche Institute aus mehr als 30 europäischen und amerikanischen Staaten. ICARUS ist auch das Dach von drei digitalen Plattformen: "Matricula" ein serviceorientiertes Online-Portal für Kirchenmatriken auf einer grenz- und konfessionsübergreifenden Grundlage, "Monasterium", ein virtuelles Urkundenarchiv mit mehr als 400.000 mittelalterlichen und neuzeitlichen Urkunden aus rund 60 Institutionen in zehn europäischen Ländern, "Topothek", ein regionalhistorisches Nachschlagewerk bestehend aus Fotos und Ansichtskarten.

Foto mit Thomas Aigner vom Diözesanarchiv, Bagdader Weihbischof Shlemon Warduni, Bischof Klaus Küng und chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael I. Sako