Sozialexperte Schenk: "Schmarrn", in Fernstenliebe und Nächstenliebe zu trennen

Sozialexperte Schenk: Schmarrn, in Fernstenliebe und Nächstenliebe zu trennen

Seitensteten, 05.03.2015 (dsp) Der renommierte Sozialexperte und Mitbegründer der österreichischen Armutskonferenz Martin Schenk eröffnete die Veranstaltungsreihe zum Thema „Barmherzigkeit leben“ im Seitenstettner Bildungszentrum St. Benedikt, welche von der Caritas mitorganisiert wird. Jeden Dienstag im März sprechen hochkarätige Referenten zu Barmherzigkeit.

Schenk bot eine neue Sicht auf den barmherzigen Samariter. Die zentrale Geschichte des Helfens, die soziales und humanitäres Engagement in unseren Breiten seit Jahrhunderten legitimiere und motiviere, sei das berühmte Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Der sei „aber kein sich selbst verzehrender Helfertyp, kein ober'gscheiter Gesinnungsakrobat“. Für ihn sei es ganz einfach: „Die Wege mit jemandem, der Hilfe benötigt, haben sich gekreuzt , ich tue das Not-wendende, ich sichere die Rahmenbedingungen, dass es dir wieder besser geht, und ich komme wieder vorbei. Das ist Helfen mit Hirn.“

Und dann die Frage von Jesus an seine Zuhörer und Zuhörerinnen: „Was meint ihr? Wer war dem Überfallenen der Nächste?“ Die Frage sei laut Schenk nicht: An wem soll ich Nächstenliebe üben? Hier finde ein radikaler Perspektivenwechsel statt, breche ein anderer Blick in die Geschichte ein. Nicht der andere sei mein Nächster, „sondern ich bin der Nächste zum anderen“. Die Frage stelle sich aus der Sicht des in Not Geratenen: Wer ist mein Nächster? Mit den Augen des Opfers sehen, mit der Stimme des Überfallenen sprechen, in den Schuhen des in Not geratenen gehen. Das sei helfen auf Augenhöhe.

Wir können uns die Nächsten nicht aussuchen

Der in Not Geratene frage: „Wer ist mein Nächster? Ich bin hungrig, wer ist mir der Nächste? Ich bin fremd, wer ist mein Nächster? Ich bin ohne Wohnung, wer ist mir der Nächste? Ich bin krank, wer ist mein Nächster?“ Nächstenliebe sei nicht die Hilfe für den Nächsten, sondern selbst jemand anderem der Nächste zu werden. Deswegen wäre es auch "ein Schmarrn in Fernstenliebe und Nächstenliebe zu trennen". Wir könnten uns die Nächsten nämlich nicht aussuchen, „weil sie uns aussuchen. Weil wir selbst immer die Nächsten sind, selbst die Nächsten werden können im Ernstfall.“

Das unterscheide sich nun radikal von den selbst ernannten Samaritern eines völkischen Abendlandes, die Opfer bräuchten – Sündenbock-Opfer, um zu sehen und zu handeln. Das unterscheide sich aber auch radikal vom bevormundenden humanitären Gesinnungshandeln, das Opfer brauche – als ständiges Objekt erobernder Fürsorge. Denn das alles verwandle aktive Menschen in immerwährende Opfer, passive Almosenempfänger, sozialpolitisch zu Behandelnde, Zielscheiben von Treffsicherheit, in Objekte öffentlicher Moralisierung, in Gute und Böse, Würdige und Unwürdige. Das sei nicht hilfreich, so Schenk: „So bleiben die, die unter die Räuber gefallenen sind, im Straßengraben liegen.“

Der Mann aus Samaria aber sei auf Augenhöhe in die Knie gegangen, um den Verletzten zu sehen. „Was passiert, wenn man selber zum Nächsten wird? Es zerreißt einem die Eingeweide, so steht`s da, da regt sich`s in der Brust, da brennt das Herz. Wenn die Fähigkeit, sich einzufühlen, sich anrühren zu lassen, solidarisch zu handeln in der Bibel zu Sprache kommt, dann heiße das dort wörtlich, dass „die Gebärmutter sich mächtig regt, bewegt, zerreißt“. Das gelte für Männer und Frauen, das passiere eben auch Männern wie dem Samariter, der den, der unter die Räuber gefallenen war, wieder auf die Füße half. Martin Schenk weiter: „Dann fühlst du mit, dann geht dir etwas nahe, dann spürst du die Welt eines anderen. Das sei Helfen mit Herz.“

Der Samariter habe sich in die Nähe des Elends getraut, aber nicht, um sich schamlos daran zu weiden oder in seinem Mitleid selig zu werden, sondern um so effektiv wie möglich aus ihm herausführen zu können. „Und er arbeitete mit professionellen Dienstleistern - in Gestalt des Gastwirts-  zusammen. Eben Helfen auf Augenhöhe – und das mit Herz und Hirn“, erläutert der Sozialexperte.

Dienstag 10. März 2015, 19:30 Uhr
„Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Verzeihung und Barmherzigkeit im Strafrecht.“
Vortrag und Diskussion mit Univ. Prof. Dr. Alois Birklbauer, Institut für Strafrechtswissenschaft an der JKU Linz

Dienstag 17. März 2015, 19:30 Uhr
„Die Kraft der Barmherzigkeit. Biblische Grundlagen - Chance und Auftrag heute“
Vortrag und Diskussion mit Dr. Magdalena Holztrattner, Theologin, Direktorin der Katholischen Sozialakademie

Dienstag, 24. März 2015, 19:30 Uhr
„Barmherzigkeit leben - Galaabend zur Vorstellung und Würdigung sozialer Organisationen und Projekte in der Region
mit Abt Petrus Pilsinger OSB
Programm:
• Präsentation der einzelnen Organisationen und Projekte
• Musikalische Umrahmung durch SchülerInnen aus dem Stiftsgymnasium Seitenstetten
• Würdigung des ehrenamtlichen Engagements, im Sinne der Werke der Barmherzigkeit durch Abt Petrus Pilsinger OSB
• Agape

Im Rahmen des Galaabends wird der Blick auf die gelebte, konkrete Barmherzigkeit im Mostviertel gerichtet. Dabei werden einige ausgewählte soziale Organisationen, Projekte und Initiativen in den Mittelpunkt des Abends gestellt. An diesem Abend bietet sich allen geladenen Organisationen und Projekten auch die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen und ihre vorwiegend ehrenamtliche Tätigkeit einer breiteren Öffentlichkeit
vorzustellen.

Veranstaltungsreihe „Barmherzigkeit leben. Solidarität, Gerechtigkeit und Nächstenliebe – Herausforderungen im Hier und Jetzt“
BildungsZentrum, St. Benedikt, Promenade 13, 3353 Seitenstetten
Infos: Tel. 07477- 428 85 0, E-Mail: bildungszentrum@st-benedikt.at
Veranstalter: BildungsZentrum, St. Benedikt Seitenstetten und PfarrCaritas der Diözese St. Pölten

Foto: Chrisitan Köstler, Leiter PfarrCaritas der Diözese St. Pölten, St. Benedikt-Bildungshausleiterin Lucia Deinhofer, Referent Martin Schenk, St. Benedikt-Bildungshausleiter Johannes Deinhofer.