Papst: Hunger trotz genügender Ressourcen "größter Skandal"

Beim Eröffnungsgottesdienst der 20. Generalversammlung der Weltcaritas hat Papst Franziskus das geringe Engagement gegen den Hunger angeprangert.Die riesige Zahl von Menschen, die jeden Morgen einzig darauf hofften, "dass sie an diesem Tag genug zu essen haben", und zwar "in einer Welt, in der es Ressourcen genug für alle" gebe, jedoch "fehlenden Willen, sie zu teilen", sei der eigentliche größte Skandal.

Die Caritas müsse im Auftrag der Kirche weltweit die Bevölkerung im Kampf gegen Armut, Hunger, soziale Ungleichheit und Gewalt unterstützen, betonte Franziskus im Petersdom. Die Caritas müsse auch auf das Unrecht hinweisen und "die Mächtigen der Erde daran erinnern, dass sie eines Tages Gottes Gericht unterzogen werden" .

Franziskus erwähnte auch die Menschenrechtsverletzungen durch Kriege und Gewalt. Menschen würden "aus ihren Häusern und aus ihren Kirchen vertrieben, die danach zerstört werden." Er erinnerte die Caritasvertreter der verschiedenen Länder - darunter der Präsident der Caritas Österreich, Michael Landau - an das Mandat Jesu, dass sein Evangelium beim Empfangen und Verkündigen dazu herausfordert, "die Füße und die Wunden der Leidenden zu waschen und ihnen einen Tisch zu bereiten".

"Wer die Mission der Caritas ausführt, der ist nicht ein einfacher Angestellter, sondern er ist ein Zeugnis für Christus. Er ist eine Person, die Christus sucht und die sich von ihm suchen lässt, ein Mensch, der mit dem Geist Christi liebt, dem Geist der Dankbarkeit und der Dienstbereitschaft. Alle unsere Strategien und Plänen werden leer sein, wenn wir nicht diese Liebe in uns aufnehmen", sagte er.

Die 20. Generalversammlung von Caritas Internationalis, die bis Sonntag in Rom läuft, hat das Thema "Eine menschliche Familie, beauftragt zur Bewahrung der Schöpfung". Sie will in den nächsten vier Tagen über Strategien einer nachhaltigen Entwicklung und humanitären Hilfe bis 2019 beraten. Vertreter aus 164 Ländern nehmen teil.

Der Papst schloss seine Ansprache mit dem Hinweise auf den Festtag der Marienerscheinungen von Fatima (13. Mai). Maria sei vor 98 Jahren den Hirtenkindern "in der Cova da Iria erschienen, um den Sieg über das Böse bekannt zu geben", sagte Franziskus: "Mit einer so großen Unterstützung brauchen wir keine Angst davor zu haben, unsere Mission fortsetzen zu können", sagte er.

Gutierrez: "Klares Zeugnis von Papst Franziskus"

Vor der Messe hatte einer der Referenten bei der Caritas-Tagung, der peruanische Befreiungstheologe und Dominikaner-Ordensmann Gustavo Gutierrez, über das Wesen einer "Kirche der Armen" gesprochen. Er stellte auch klar, dass die Glaubenskongregation die Befreiungstheologie nie verurteilte: "In den Medien wird das oft gesagt, aber es stimmt nicht. Es gab einen Dialog zwischen der Glaubenskongregation und den Beteiligten, der zu einigen Zeiten sehr kritisch war, das stimmt. Aber die zentrale Aussage, die bevorzugte Option für die Armen, die 90 Prozent der Befreiungstheologie ausmacht, ist heute Teil der Aussagen der katholischen Kirche etwa in Lateinamerika. Ich glaube, das wird heute noch einmal klarer durch das Zeugnis, das Papst Franziskus gibt."

Gutierrez sieht in den Papstworten von heute keinen radikalen Wandel gegenüber früher, vielmehr würden bestimmte Aussagen heute klarer hervortreten. Die Option für die Armen sei mehr als eine soziale Positionierung, sie sei eine theologische Frage, wie der Papst immer wieder betont habe.

Es handle sich auch nicht um eine Theologie, die er aus einer persönlichen Sicht vertrete, sagte der Dominikaner, sondern "das stammt direkt aus dem Evangelium. Man braucht nur die Bibel aufschlagen, und das Thema der Armen ist da, im Alten wie im Neuen Testament".

Aus Sicht von Gutierrez hat sich die Theologie der Befreiung auch weiterentwickelt. Heute sei sie sehr viel selbstkritischer als früher. Wissenschaftliche Theologie käme erst an zweiter Stelle, was sie zwar nicht zweitrangig mache, aber die Dinge in eine andere Perspektive rücke. An erster Stelle stehe das Christsein, dann erst die Theologie, auch für ihn persönlich: "Wir haben diesen Dialog gehabt, manchmal war das schwierig, aber niemals, niemals hat es eine Verurteilung gegeben."

(KAP)