Papst fordert Vergebung zwischen Katholiken und Protestanten

Bei seinem Besuch in der deutschsprachigen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Rom hat Papst Franziskus Katholiken und Protestanten zur gegenseitigen Vergebung aufgerufen. Trotz gleicher Taufe sei es in der Vergangenheit immer wieder zu grausamen Verfolgungen zwischen den Konfessionen gekommen, bis hin zur Verbrennung von Menschen, sagte er.

Die Spaltung der christlichen Kirche sei ein Skandal, für den katholische und evangelische Christen Gott um Verzeihung bitten müssten.

Franziskus beantwortete zu Beginn einige Fragen von Gemeindemitgliedern, darunter auch diejenige nach der Teilnahme am Abendmahl der anderen Konfession in konfessionsverbindenden Ehen. Es stehe nicht in seiner Macht, Katholiken die gemeinsame Kommunion mit Protestanten zu erlauben, so Franziskus. Doch gebe es nur einen Gott, eine Taufe und einen Glauben, zitierte er den Apostel Paulus. Er könne nicht sagen, ob der Empfang der Hostie "Ziel des Weges oder Wegzehrung" sei. Der Papst riet den Betreffenden, im Gebet für sich zu entscheiden, wie das Abendmahl für sie persönlich eine Stärkung auf dem gemeinsamen Glaubensweg sein könne. "Sprecht mit dem Herrn und geht weiter", sagte er. Das Leben sei größer als die Theologie.

Die Konfessionen rief er auf, die Ökumene im gemeinsamen Dienst für Arme und Bedürftige weiter voranzubringen. Die Kirchen hätten die Wahl, ob sie dienen oder bedient werden wollten. Er bat Gott, den getrennten Konfessionen auf dem Weg zur vollen Einheit beizustehen. Anschließend folgte ein ökumenisches Gebet. 

Es war Franziskus' erster Besuch bei einer lutherischen Gemeinde. Vor der Christuskirche hatte ihn am Nachmittag Pfarrer Jens-Martin Kruse begrüßt. In dem vollbesetzten Gotteshaus bereiteten ihm die Pfarreimitglieder, darunter viele Familien mit Kindern, mit Orgelspiel und lang anhaltendem Applaus einen warmen Empfang. Anwesend war auch die deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan. Der Papst wurde unter anderem begleitet vom emeritierten Präsidenten des päpstlichen Einheitsrats, Kardinal Walter Kasper, und dem jetzigen Amtsinhaber, Kardinal Kurt Koch. Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. war in der Gemeinde 2010 zu Gast, Johannes Paul II. anlässlich des 500. Geburtsjahrs Martin Luthers 1983.

Bei der Dialogrunde zu Beginn des gut einstündigen Besuchs fragte ein neunjähriger Junge den Gast unter dem Gelächter der Anwesenden, was ihm als Papst am meisten Spaß mache. Er sei am liebsten Hirte, antwortete ihm Franziskus. Die tröstende Begegnung mit Armen, Kranken oder Häftlingen fülle ihn aus. Weniger liegen ihm nach seinen Worten jedoch trockene Arbeit und protokollarische Empfänge.

Als Geschenk erhielt Franziskus von der Gemeinde einen typisch deutschen Adventskranz mit dicken roten Kerzen und Bändern. Seinerseits hatte der Papst für die Gemeinde einen Abendmahlskelch im Gepäck.

Die Evangelisch-Lutherische Gemeinde in der italienischen Hauptstadt zählt rund 500 Mitglieder in Rom und Umgebung. Die Christuskirche wurde 1922 eingeweiht und entstand auf Veranlassung des deutschen Kaisers Wilhelm II.

Im Juni hatte Franziskus in Turin als erster Papst ein Gotteshaus der protestantischen Waldenser betreten und dort um Vergebung für die Unterdrückung der Glaubensgemeinschaft durch die Kirche erbeten. Einen Monat später war er zu einem Privatbesuch in die Pfingstkirchler-Gemeinde eines befreundeten Pfarrers im süditalienischen Caserta gereist.

(KAP, 16.11.2015)