Katholische Jungschar St. Pölten bei großer KZ-Mauthausen-Gedenkfeier

Mauthausen, 11.05.2015 (dsp/KAP) Mit einem ökumenischen Gottesdienst ist am Sonntagvormittag in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen die traditionelle Gedenkfeier eröffnet worden. Daran nahmen auch Vertreter/innen der Katholischen Jungschar St. Pölten teil.

Dem Gottesdienst standen der evangelische Bischof Michael Bünker, Caritas-Präsident Michael Landau und der orthodoxe Metropolit Arsenios (Kardamakis) vor. Das Gedenken gebiete, "die Opfer niemals zu vergessen und niemals einen Schlussstrich zu ziehen", betonte Bischof Bünker in seiner Predigt. Es sei zu begrüßen, "dass auch noch über 90-jährige vor Gericht gestellt werden, gut, wenn wir uns Klarheit verschaffen über die Beteiligung der Menschen damals, oft auch bis in die eigenen Familien hinein".

Heuer jährt sich zum 70. Mal die Befreiung des Konzentrationslagers und seiner Außenlager. Die Überlebenden wurden Anfang Mai 1945 von US-Truppen befreit. Die Botschaft der Freiheit, der Menschenwürde und der Menschenrechte könne und dürfe nicht zum Schweigen gebracht werden, sagte Bischof Bünker in seiner Predigt: "Sie setzt sich durch. Unwiderstehlich. Dafür stehen wir, das ist unser Auftrag."

Gedenken heute bedeute u.a., gegen jede Form von Zwangsarbeit einzutreten, etwa gegen die Zustände in den Textilfabriken Asiens oder die Kinderarbeit in den Ländern des Südens oder den Frauenhandel und die Prostitution in Österreich. Bünker: "Heute heißt das, auch allen Kräften zu widerstehen, die solche steinerne Verhältnisse, Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus in Kauf nehmen oder sogar bewusst herstellen."

Landau:Gewissenserforschung der Kirchen

"Wenn wir heute gemeinsam der Opfer gedenken, werden wir hinzufügen müssen: Auch die Kirchen waren nicht hellhörig genug für die Stimmen der Verzweifelten." Das sagte Caritas-Präsident Michael Landau beim ökumenischen Gottesdienst in der KZ-Gedächtnisstätte Mauthausen. Mauthausen sei möglich gewesen, "weil zu wenige den Mut zum Widerstand hatten, weil auch Christen zugeschaut, zugestimmt, mitgetan haben". Die Kirchen müssten sich an diesem Ort immer wieder neu der Gewissenserforschung stellen, forderte Landau.

Er zitierte den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Dieser habe 70 Jahre nach Auschwitz eingemahnt: "Der Holocaust gehört zur Geschichte des Landes. Ihn zu erinnern bleibt Sache aller Bürgerinnen und Bürger." Und er habe hinzugefügt: "Aus der Erinnerung aber erwächst der Auftrag, Mitmenschlichkeit zu bewahren und die Menschenrechte zu schützen." All das treffe auch für Österreich zu, auf die Generation der Nachgeborenen und ihrer Kinder, so Landau. Er sprach sich gegen jede "Schlussstrichmentalität" aus. Landau: "Was geschehen ist, lässt sich nicht zu den Akten legen. Um der Toten und um der Lebenden willen."

Wörtlich sagte der Caritas-Präsident: "So erinnert uns das alljährliche Gedenken an diesem Ort an das wohl dunkelste Kapitel österreichischer Geschichte. Und es verbindet sich damit die Pflicht zur Reflexion, warum dies alles geschehen konnte, vor allem aber der bleibende Auftrag, den Ruf wachzuhalten: 'Niemals wieder!' und für die Rechte eines jeden Menschen einzutreten - bedingungslos und überall! Es gibt kein Leid in der Welt, das uns gar nichts angeht."

Die Schuld der Damaligen sei den Heutigen nicht anzulasten, führte Landau weiter aus. Es gebe keine kollektive Schuld. Aber die Frage sei zu stellen, wie es um die Verantwortung der Nachgekommenen bestellt sei. Landau: "Wenn wir Zukunft menschlich gestalten möchten, müssen wir den Dialog mit der Vergangenheit am Leben halten."

Vorrang des Menschen

"Verpflichtet uns nicht das Unrecht damals, heute den Vorrang des Menschen umso entschiedener zu betonen?!" fragte der Caritaspräsident: "Es geht um den bedingungslosen Vorrang des Menschen, jedes Menschen, der unendlich mehr ist, als eine kalkulatorische Größe, mehr ist als Produzent und Konsument, mehr ist, als ein Kostenfaktor auf zwei Beinen."

Die reichen Länder seien zudem zu einer Kultur der Solidarität verpflichtet, "auch ganz praktisch, weil Wohlstandsinseln in einem Meer von Armut auf Dauer nicht stabil sind". Das Mittelmeer seilängst zu einem riesigen Friedhof geworden, warnte Landau: "Es ist ein Sterben, das wir beenden können. Wollen wir in einem Europa leben, in dem wir zwar Banken retten, bei Menschen aber viel weniger Mut, Geschwindigkeit und Entschiedenheit an den Tag legen - auf dem Meer und in den Herkunftsländern selbst, wo Hilfe zwar beginnen muss, aber niemals enden darf?" Niemals vergessen heiße deshalb auch, heute gegen Unrecht einzutreten.

22.000 Teilnehmer

Mehr als 22.000 Menschen, darunter Überlebende des Konzentrationslagers sowie zahlreiche Politiker aus dem In- und Ausland nahmen an der Gedenk- und Befreiungsfeier am Sonntag in Mauthausen teil. Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich, warnte, dass Intoleranz und Diskriminierung sowohl in Österreich als auch weltweit immer noch ein Thema seien. Umso wichtiger sei es, "sich vor Augen zu halten, zu welchen Konsequenzen diese Haltung vor 70 Jahren geführt hat: nämlich zur Vernichtung von Millionen Menschenleben und zu einem entwürdigenden Umgang mit Menschen."

Anlässlich des 70-Jahre-Jubiläums wurde der Gedenkzug über den Appellplatz dieses Jahr von internationalen Chören - aus Österreich, Italien, Deutschland, Russland, Tschechien und Frankreich sowie der Militärmusik Oberösterreich - begleitet. Neben den Begrüßungsworten von Willi Mernyi, dem Vorsitzenden des Mauthausen Komitees Österreich, rezitierten während des Gedenkzuges die Schauspielerinnen Konstanze Breitebner und Mercedes Echerer Texte von ehemaligen KZ-Häftlingen während des Gedenkzuges.

Angeführt wurde der Gedenkzug von Überlebenden, die im KZ Mauthausen und in den Außenlagern gefangen gehalten wurden und den Grausamkeiten des NS-Regimes ausgesetzt waren. Zahlreiche hochrangige staatliche Vertreter aus dem In- und Ausland gedachten ebenfalls der Befreiung vor 70 Jahren; darunter Bundespräsident Heinz Fischer, Nationalratspräsidentin Doris Bures, Bundeskanzler Werner Faymann, Vizekanzler Reinhold Mitterlehner, der Ministerpräsident der Tschechischen Republik, Bohuslav Sobotka, die Präsidentin des griechischen Parlaments, Zoi Konstantopoulou, oder der Präsident der Belgischen Abgeordnetenkammer, Siegfried Bracke.

Jahresthema 2015: Steinbruch und Zwangsarbeit

Seit 2006 widmen sich die Gedenk- und Befreiungsfeiern jedes Jahr einem speziellen Thema, das in Beziehung zur Geschichte des KZ Mauthausen bzw. zur NS-Vergangenheit Österreichs steht. Heuer lautete das Motto "Steinbruch und Zwangsarbeit".

Wörtlich hieß es dazu vom Mauthausen-Komitee: "2015 gedenken wir denjenigen, die im Steinbruch von Mauthausen gezwungen waren, oft bis zur tödlichen Erschöpfung Zwangsarbeit zu verrichten." Besonders berüchtigt sei die Strafkompanie des Steinbruchs gewesen. Die Häftlinge mussten ca. 50 Kilogramm schwere Granitsteine über die sogenannte "Todesstiege" ins Lager hinauf tragen. Kein Einziger habe die Zuweisung in die Strafkompanie überlebt. "Der Unmenschlichkeit von damals gedenken wir am besten, indem wir die Unmenschlichkeit von heute bekämpfen!", so MKÖ-Vorsitzende Willi Mernyi.

Organisiert wurde die Gedenk- und Befreiungsfeier vom Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) in enger Zusammenarbeit mit der Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen (ÖLM) und dem Comité International de Mauthausen (CIM).