Franziskus: Kritik am Kapitalismus ist keine linke Ideologie

Papst Franziskus hat seine Kritik am Kapitalismus verteidigt. Der Appell gegen ein Wirtschaftssystem, das die weltweite Armut verfestige, sei keine linke Ideologie, sondern stamme aus dem Evangelium, sagte er in einem am Sonntag in der italienischen Tageszeitung "La Stampa" vorab veröffentlichten Interview.

"Würde ich einige Stellen aus den Predigten der frühen Kirchenväter aus dem zweiten und dritten Jahrhundert über den Umgang mit den Armen wiederholen, würde mancher mir vorwerfen, meine Predigt sei marxistisch", so Franziskus. "Heute zählen die Märkte mehr als der Mensch: Es ist eine kranke Wirtschaft."

Es gehe nicht darum, die Reichen anzuklagen, sondern die Anbetung des Reichtums, "jenen Götzendienst, der gefühllos macht für den Schrei der Armen". Nach Franziskus' Worten gibt es kein unbeschränktes Recht darauf, mehr zu besitzen als für den eigenen Bedarf notwendig, solange anderen das Nötigste zum Leben fehlt. Dies habe nichts mit "Pauperismus" zu tun, der die Armut aller fordert. Es sei vielmehr eine Kernforderung der Botschaft Jesu.

Die Forderung nach gerechterer Güterverteilung ist nach den Worten des Papstes keine Erfindung des Kommunismus und sollte nicht ideologisiert werden. "Wenn die Kirche dazu einlädt, das zu überwinden, was ich als 'Globalisierung der Gleichgültigkeit' bezeichnet habe, dann ist sie weit entfernt von irgendeinem politischen Interesse", so Franziskus. Bereits seine Vorgänger hätten im 20. Jahrhundert verstärkt die Solidarität mit den Armen eingefordert und die Herrschaft des Geldes verurteilt. "Je mehr Zeit vergeht, desto mehr zeigt die Erfahrung, dass sie Recht hatten." Die Märkte und Finanzspekulationen dürften keine uneingeschränkte Autonomie genießen, mahnte der Papst. Zwar habe die Globalisierung

Franziskus wandte sich erneut gegen eine "Wegwerfkultur", in der Abtreibung, die Abschiebung alter Menschen und die Perspektivenlosigkeit vieler Jugendlicher zum Alltag gehörten. "Lasst uns das beenden." Die menschenfeindlichen Verhältnisse der Gegenwart seien keinesfalls unumkehrbar. Davor dürfe man nicht resignieren.

Das Interview stammt aus dem Buch "Papst Franziskus. Diese Wirtschaft tötet", das am Dienstag auf Italienisch erscheint. Darin analysieren die Vatikan-Journalisten Andrea Tornielli und Giacomo Galeazzi die Reden, Dokumente und Interviews von Franziskus zu Armut und sozialen Themen. Der Untertitel nimmt eine Formulierung aus Franziskus' Lehrschreiben "Evangelii gaudium" auf. Wiederholt hatten Kritiker dem Papst vorgeworfen, er unterstütze mit seiner Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem marxistische Positionen.

(KAP)