Vandalismus: „Geist der Handreichung“ gefragt

Tagungsleiter Doz. Dr. Friedrich Schipper, 2. Präsident des NÖ Landtages Mag. Johann Heuras, Prof. Dr. Rotraud Perner, NÖ Landespolizeidirektor HR Dr. Franz Prucher, bischöflicher Medienreferent Dr. Eduard Habsburg-Lothringen

St. Pölten, 06.05.2014 (dsp) „Er hat sich entschuldigt, und beide haben wir geweint.“ Das berichtete Josef Oberleitner von der Pfarre Weinburg im Rahmen einer Orientierungsveranstaltung der Diözese St. Pölten zum Thema „Kirchlicher Kulturgüterschutz und neuer Vandalismus“ von der Begegnung mit einem der Jugendlichen, die eine Waldkapelle zerstört hatten. Damit zeigte er auch den praktizierten „Geist der Handreichung“ auf, der von Experten dieser Tagung als notwendige Reaktion genannt wurde.

Die Tagung im Bildungshaus St. Hippolyt – von Friedrich Schipper vom Referat für Kommunikation der Diözese organisiert – zeigte die Tatbestände aber auch die unterschiedlichen Ursachen von Vandalismus und Eigentumsdelikten gegen kirchliche Objekte auf und versuchte Lösungsstrategien auf psychologischer, soziologischer und gesellschaftlicher Ebene aufzuzeigen. Anlass der Orientierungsveranstaltung war das zuletzt vermehrte Auftreten von Vandalismusakten in Kirchen, Kapellen und auf Friedhöfen im Gebiet der Diözese. Die Veranstaltung bekam durch die jüngsten Vorfälle in Wien (Karlskirche) und Vorarlberg zusätzliche Aktualität.

Der Vandalismus an Kirchen und kirchlichen Kulturgütern sei kein Problem allein der Kirche, sondern „geht uns alle an“, schrieb Bischof Klaus Küng in einem Grußwort zu der Veranstaltung. Es brauche daher dringend tragfähige und gleichermaßen mit Politik, Polizei und der Gesellschaft zu entwickelnde Konzepte zum Schutz von kirchlichen Kulturgütern sowie zur Prävention.
Lob sprach Küng in seinem Grußwort der Polizei aus, die durch den NÖ Landespolizeidirektor Franz Prucher vertreten war, die die jüngsten Vorfälle aufklären und eine Jugendgruppe ausforschen konnte, die sich zu den Taten bekannte. Dennoch müsse tiefer gefragt werden: „Wir sollten uns darüber Gedanken machen, was es über eine Gesellschaft aussagt, wenn jugendliche Mitglieder ihre Zerstörungslust ausgerechnet an friedlichen, religiösen Orten und an Friedhöfen und Toten auslassen.“ Jeder müsse sich etwa fragen, wie er dazu beitragen könne, „dass so etwas Selbstverständliches wie die Totenruhe auch in Zukunft mehr respektiert wird“, so Küng.

Das Land Niederösterreich habe großes Interesse daran, Antworten auf die Fragen nach den tiefer liegenden Ursachen für den Vandalismus zu finden, betonte der 2. Präsident des NÖ Landtages Johann Heuras in Vertretung von Landeshauptmann Erwin Pröll. Vandalismus habe, so Heuras, mit einem Feindbild zu tun: „Man will einem Feind etwas zerstören.“ Die schwierige Frage sei jedoch, wer dieser Feind sei: „Das System, die Politik? Und bei der Zerstörung kirchlicher Objekte: die Kultur, die Kirche, Gott?“ Es müsse die Frage gestellt werden, „von wem sich diese Menschen im Stich gelassen fühlen“.

Betroffenheit und Entsetzen in den Pfarren

Die Betroffenheit und das „Entsetzen“ über die Vandalismusakte sprachen Vertreter der u.a. betroffenen Pfarren Weinburg, Traismauer und Pyhra aus.
„Seit 128 Jahren wird die Waldkapelle täglich von Menschen besucht, um zu beten“, so Oberleitner aus Weinburg. Ihn habe besonders betroffen gemacht, dass es sich bei den Tätern um Jugendliche handelte. Zu den nicht nur positiven Reaktionen auf die Versöhnungsgeste gegenüber einem der Täter sagte Oberleitner: „Wann hat ihn das letzte Mal jemand umarmt? Wann hat jemand mit ihm gesprochen? Wir müssen diesen Jugendlichen eine Chance geben und ihnen den Weg weisen.“ So habe der eine Jugendliche bereits beim Wiederaufbau der zerstörten Kapelle mitgeholfen.

„Wer keinen Respekt vor dem Tod hat, hat auch keinen vor den Menschen“, schilderte Pfarrer Josef Seeanner die Stimmung in seiner Gemeinde Traismauer, wo ein Friedhof verwüstet wurde. Die Menschen hätten in den Vandalenakten nicht nur Fadesse von Jugendlichen und „Wohlstandsverwahrlosung“ sondern „Hass“ gesehen.
Anna Moderbacher betreut die zerstörte Kapelle in Hinterholz, Pfarre Pyhra: „Wir hatten gedacht, bei uns ist noch die heile Welt.“ Einer der Täter, ein HTL-Schüler, konnte keinen Grund für die Zerstörung nennen, habe sich jedoch bereits entschuldigt und ebenfalls Wiedergutmachung angeboten.

„Zuerst brannten Häuser, dann Menschen – so weit darf es nicht kommen“

Diesen „Geist der Handreichung“ als wichtigste Maßnahme zur Prävention empfahl die Juristin und Psychotherapeutin Rotraud Perner von der Aktion „Halt! Gewalt!“ des Landes NÖ. Es sei ein „neuer Geist notwendig, aufzupassen auf das, was uns wertvoll ist, worauf wir stolz sind, auch wenn wir nicht dasselbe Glaubensbekenntnis teilen“. In unserer Gesellschaft sei es „cool“ geworden, lächerlich zu machen, was anderen wertvoll ist. Jugendliche testeten ihre Grenze aus, seien aber letztlich auf der Suche nach Beziehung, so Perner. Gerade deswegen müssten „klare Grenzen gezogen“ werden. Perner wörtlich: „Denken wir 80 Jahre zurück: Zuerst brannten Bücher, dann Häuser und dann Menschen. So weit darf es nicht wieder kommen.“ Religion zu verspotten führe genau in die Richtung, Menschen abzuwerten.

Den „irrationalen antireligiösen Affekt“ als Grund für viele Angriffe erläuterte der Neurowissenschaftler und Psychiater Raphael Bonelli von der Sigmund-Freud-Universität. Dieser Affekt sei etwas anderes als Kirchenkritik und „nicht rational begründbar“. Als Folge einer „narzisstischen Kränkung“ sei die Reaktion auf Religion und religiöse Menschen „Entrüstung“ bis „Aggression“.

Sozialwissenschaftler Gerhard Bonelli von der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Pölten betonte, dass die jüngsten Vandalsimusakte „nicht generalisiert“ werden dürften und „keinen gesellschaftlichen Trend“ darstellten. Er stellte jedoch fest, dass „die Schwelle, die Beißhemmung niedriger geworden“ sei. Bonelli kritisierte, dass es „kaum eine öffentliche Reaktion“ auf die Vandalismusakte gegen kirchliche Objekte gegeben habe und stellte die rhetorische Frage, wie die Öffentlichkeit wohl reagiert hätte, wären die betroffenen Objekte Moscheen oder Synagogen gewesen. Es gelte, „andere mehr in die Pflicht zu nehmen, dass die Schranken wieder angehoben werden“, so Bonelli. Die derzeitige „Ich-AG“ müsse wieder ihren Weg zu einer Wertegemeinschaft finden.

Inventarisierung mit guten Fotos notwendig

Eine wichtige Prävention gegen jede Art von Zerstörung kirchlicher Objekte und Diebstahl von Kunstgegenständen sei „die Anwesenheit und hohe Frequenz von Besuchern“ in den Kirchen und Kapellen, wie Diözesankonservator Wolfgang Huber betonte. Da dies heute nicht mehr überall möglich sei, sollten die Pfarren die aktuelle Situatioon und das vorhandene Gefahrenpotenzial analysieren und gemeinsam mit den zuständigen Sicherheitsstellen und dem Diözesanbauamt entsprechende Maßnahmen zur Prävention einleiten. Darunter fallen die mechanische Sicherung einzelner Objekte aber auch Videoüberwachung und Alarmanlagen.
Diözesankonservator Huber und Anita Gach, Leiterin der Abteilung Kulturgüterkriminalität, empfahlen beide den Pfarren und allen kirchlichen Einrichtungen eine lückenlose Inventarisierung des Bestandes „mit guten Fotos und genauer Beschreibung“. Dies sei nicht nur eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Fahndung, sondern diene auch dem Eigentümernachweis.

Veranstaltet wurde die Tagung im St. Pöltner Bildungshaus St. Hippolyt von der Diözese St. Pölten gemeinsam mit dem Österreichischen Nationalkomitee Blue Shield, der Aktion „Halt! Gewalt!“ des Landes Niederösterreich, der Landespolizeidirektion, dem Kompetenzzentrum für kulturelles Erbe und Kulturgüterschutz der Universität Wien, dem Zentrum für Risiko- und Krisenmanagement an der Universität für Bodenkultur Wien sowie dem Kulturgüterschutz-Panel an der Sicherheitsakademie Wien.

Foto: Tagungsleiter Doz. Dr. Friedrich Schipper, 2. Präsident des NÖ Landtages Mag. Johann Heuras, Prof. Dr. Rotraud Perner, NÖ Landespolizeidirektor HR Dr. Franz Prucher, bischöflicher Medienreferent Dr. Eduard Habsburg-Lothringen

weitere Fotos - Die Veranstaltung auf YouTube