Trotz Priestermangel - „Die Kirche wird in den Dörfern lebendig bleiben“

Trotz Priestermangel - „Die Kirche wird in den Dörfern lebendig bleiben“

Wieselburg, 24.04.2014 (dsp) Die Kirche ist und bleibt ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor in den ländlichen Regionen. Das betonten Politiker und Kirchenvertreter beim „Landgespräch 2014“ des „Forum Land“ zum Thema „Die Kirchen im Dorf lassen – Gemeinden ohne Priester was tun?“ in der landwirtschaftlichen Fachschule Francisco Josephinum in Wieselburg.

Sepp Winklmayr, Direktor der Pastoralen Dienste der Diözese St. Pölten konnte zwar nicht nachvollziehen, dass kürzlich von „Kahlschlag“ bei den Pfarren in einer Tageszeitung getitelt wurde. Aber auch er verweist darauf, dass nur mehr ein Viertel der Pfarren in seiner Diözese einen eigenen Pfarrer haben, die anderen Pfarrer haben zwei oder mehr Pfarren. Darunter seien freilich Pfarren mit nur wenigen hundert Einwohnern. Winklmayr stellte demgegenüber fest: Es gebe eine neue Form der pfarrübergreifenden Zusammenarbeit und ein erstaunliches Engagement der Laien. 58.000 Katholiken würden sich ehrenamtlich engagieren. Das sei eine Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils (1963-65), das vom Gedanken „Die Kirche erwacht in den Seelen der Getauften“ geprägt sei und frischen Wind gebracht habe. Nach Papst Paul VI. habe es zwar wieder Angst vor neuen Entwicklungen gegeben, aber angesichts der vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Kooperationen brauche man keine Angst um die Zukunft der Kirche haben. Es hänge zunehmend von den einzelnen Christen ab, Zeugnis abzulegen und mitzuwirken. Winklmayr wies weiters darauf hin, dass die Pfarren seit über einem Jahrtausend wichtige gesellschaftliche Strukturen in das Land brachten und auch Stürme aushielten. Entscheidend für die Kirche sei es, glaubwürdig zu sein. Das lebe Papst Franziskus vor.

Die Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung der Diözese St. Pölten und aktive Pfarrgemeinderätin, Anna Rosenberger, betonte bei der Diskussion, dass die Kirche eigentlich eine von Männern geleitete “Frauenkirche” sei und auch in den Pfarren großteils von Frauen lebendig und aktiv mitgetragen und gestaltet werde. Auf Grund der Gleichheit der Geschlechter (Gen. 1) und gemäß den Leitlinien der Katholischen Frauenbewegung Österreichs erwarte sie einen Zugang der Frauen zu allen Diensten der Kirche. Frauen sollten auch in unserer Diözese vermehrt Leitungsaufgaben wahrnehmen. Männer sollten gemeinsam mit Frauen die Kirche leiten und leben. Ihre Pfarre Oed sei es gewohnt, sich einen Pfarrer mit der Nachbarpfarre Zeillern “teilen zu müssen”. Daher gebe es ein Team von ausgebildeten Wortgottesfeierleiter/innen, die gemeinsam mit dem Pastoralassistenten versuchen, die Zukunft schon jetzt einzuüben und zu organisieren.

Die Pfarre bzw. die Kirche im Dorf sei so etwas wie Heimat und Heimat sei dort, wo Menschen sich angesprochen und aufgenommen fühlen. Rosenberger: „Wesentliche Aufgabe der Kirche – und das sind wir alle – ist es, ein Gefühl der Heimat zu geben und als glaubhafte Christinnen und Christen durch unser Leben zu gehen.“

Alle Getauften sind für die Kirche verantwortlich

In der Erzdiözese Wien gebe es bereits viele wichtige Ämter, die von Frauen geleitet werden, sagte der Wiener Neustädter Dompropst Msgr. Karl Pichelbauer. Etwa die Leitung der Finanzkammer, des Pastoralamtes oder des Schulamtes. Er könne sich – wenn dies behutsam an der Basis gut vorbereitet werde – zunächst einen Zugang der Frauen zum Diakonat sowie Änderungen der Zulassungsbedingungen beim Priesteramt vorstellen. Laut seiner Einschätzung – und das sei schon ein Fortschritt – werde derzeit in Rom über alles diskutiert.

Die vieldiskutierte Strukturreform in der Erzdiözese sei schwierig, weil die Vikariate Stadt Wien, Weinviertel und Industrieviertel grundverschieden seien. So gebe es in der Bundeshauptstadt Bezirke mit nur mehr einem geringen Katholikenanteil aber großen Kirchen und andererseits hätten Tausende Christen anderer Konfessionen keine eigenen Kirchengebäude. Im Weinviertel wiederum gebe es Ortschaften mit 200 Einwohnern, wo keine Priester mehr hingesendet werden können. Aber auch er sieht eine verstärkte Form der pfarrübergreifenden Zusammenarbeit. Der Dompropst erinnert daran, dass „wir alle durch die Taufe verantwortlich sind für die Kirche und alle teilhaben am gemeinsamen Priestertum Jesu Christi“. Vielen sei bewusst, dass sie als Getaufte etwas beizutragen hätten. Er appelliert, Leute zum kirchlichen Engagement zu begeistern und anzureden. Denn Kirche würde immer im Dorf bleiben, „wenn sie nahe bei den Menschen ist und ihnen hilft“.

Nationalrat Georg Strasser, Bürgermeister der Waldviertler Gemeinde Nöchling, würdigte die Leistungen der Kirche in den Dörfern. Sie lehre die Nächstenliebe und den Aufruf, sich um andere Menschen zu kümmern. Es brauche sowohl in den Pfarren als auch in den Gemeinden Personen, die leiten, Verantwortung übernehmen und Diskussionsprozesse in Gang setzen. Es gelte weiters, bei vielen Arbeiten und Aufgaben einen langen Atem zu haben anstatt nur kurzfristige Kritik etwa im Internet zu üben. Aus Strassers Sicht seien die Rituale und Symbole eine Stärke der Kirche. Dies zeigten etwa die Begräbnisse. Freilich müssten die Rituale wieder verstärkt erklärt werden

Auch Johannes Zuser, Bürgermeister von Hürm, lobte die Mitarbeit von Laienchristen. Es freue ihn, dass die Pfarre ständig an der Attraktivität der Gottesdienste arbeite. Aus seiner Sicht sei es freilich notwendig, dass der Pfarrer im Ort wohne. Für die Menschen wäre das Wohlfühlen ein wichtiger Faktor.

Einig waren sich die Diskutanten und das Publium: Die Kirche sei wichtig für das gesellschaftliche Leben in den Dörfern und werde auch künftig in den Orten lebendig bleiben. Tenor war außerdem der Wunsch nach Weiterentwicklungen in der Kirche.

Die Diskussion wurde von Nationalratsabgeordneten und Obmann „Kultur in den Dörfern, Johann Höfinger, geleitet. Das „Forum Land“ ist eine überparteiliche Initiative des Niederösterreichischen Bauernbundes.

Foto: Johannes Zuser, Nationalrat und Obmann „Kultur in den Dörfern, Mitorganisatorin Christine Meister (NÖ-Bauernbund), Nationalrat Georg Strasser, Bürgermeister der Waldviertler Gemeinde Nöchling; Nationalrat und Obmann „Kultur in den Dörfern, Johann Höfinger, Wiener Neustädter Dompropst Msgr. Karl Pichelbauer, Anna Rosenberger, Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung der Diözese St. Pölten, Prof. Paul Gruber, Forum Land, Sepp Winklmayr, Direktor der Pastoralen Dienste der Diözese St. Pölten.