Patriarch: Weltgemeinschaft lässt irakische Christen im Stich

Mit Blick auf den Terror der islamistischen IS-Milizen im Nordirak wirft der chaldäische Patriarch Louis Raphael I. Sako der internationalen Staatengemeinschaft Untätigkeit vor. Zugleich kritisierte das Oberhaupt der mit Rom unierten Chaldäer, dass sich muslimische Intellektuelle und Theologen nicht entschieden genug gegen die Extremisten zu Wort meldeten. Ähnlich äußerte sich in Berlin auch der Erzbischof von Mossul, Emil-Shamoun Nona.

"Wir brauchen keine ermüdenden Statements", so Sako in der SZ: "Bis heute gibt es keine auch nur entfernt konkrete und absehbare Lösung für die Probleme, vor denen wir stehen, während nach wie vor dem 'Islamischen Staat' Ströme von Geld, Waffen und Kämpfern zufließen."

Die Christen und Jeziden müssten vor der Vernichtung gerettet werden, so Sako weiter. Diejenigen, die die Region um Mossul nicht verlassen hätten, wollten wieder in ihre Heimat zurückkehren. Dazu bedürfe es eines Zusammengehens der internationalen Gemeinschaft mit der irakischen Zentralregierung in Bagdad und der Regionalregierung in Kurdistan. Solange dies nicht der Fall sei, gehe der Terror der Milizen weiter. "Die nächsten Opfer werden die Muslime sein, die sich nicht dem Diktat der Fundamentalisten beugen."

Distanzierung vom IS nötig

An die führenden Vertreter der Muslime richtete der Patriarch den Appell, sich deutlicher als bisher von den Islamisten zu distanzieren. "Wann endlich werden sie den Fundamentalismus bekämpfen, indem sie das wahre Verständnis von Religion lehren - dass man den anderen als Bruder annimmt und als gleichen Bürger mit gleichen Rechten?"

Mit dem Exodus der seit altersher im Land ansässigen Christen drohe dem Irak ein dauerhafter Verlust eines wichtigen Teils seiner Identität, betonte Sako. Dies habe letzten Ende auch Auswirkungen auf die im Land verbliebenen Muslime.

Zur Situation der Flüchtlinge in den Provinzen Erbil und Dohuk schreibt Sako: "Was ich dort gesehen und gehört habe, ist jenseits der menschlichen Vorstellungskraft." Die Hilfsorganisationen müssten sich jetzt vor allem Gedanken machen, was mit diesen Menschen geschehe, wenn der Winter einsetze.

Von Nachbarn ausgeraubt

In Berlin appellierte unterdessen der chaldäisch-katholische Erzbischof von Mossul, Emil Shamoun Nona, eindringlich um Hilfe für die geflüchteten Christen und Jeziden im Nordirak. Die Situation der Schutzsuchenden sei katastrophal, sagte Nona am Dienstag in der deutschen Hauptstadt.

Tief enttäuscht äußerte er sich über die Muslime. Bislang habe keiner ihrer Führer das äußerst brutale Vorgehen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) öffentlich verurteilt. "Entweder sie haben Angst oder sie akzeptieren das Vorgehen", sagte Nona.

Der Erzbischof hält sich für einige Tage auf Einladung der Caritas in Deutschland auf. In seiner Erzdiözese in der Millionen-Metropole Mossul seien nur noch eine Handvoll Christen übrig geblieben, sagte Nona, der selbst vor dem Terror des IS flüchten musste.

Über eine mögliche Rückkehr der Christen im Falle einer Befreiung der Region vom IS äußerte er sich skeptisch. Mehr als hunderttausend Christen hätten in wenigen Stunden ihre Wohnungen und Häuser verlassen müssen, nur mit dem, was sie am Leib trugen. Dabei seien viele von ihren direkten muslimischen Nachbarn tiefer verletzt worden als von der IS-Miliz, "weil sie die ersten waren, die uns ausgeraubt haben".

Auch der 46-jährige Erzbischof zeigte sich persönlich tief enttäuscht darüber, dass selbst enge "moderate" muslimische Freunde wie Ärzte und Rechtsanwälte jeden Kontakt zu ihm abgebrochen hätten. Viele Christen sähen nach dem Erlebten für sich keine Zukunft mehr in ihrer Heimat. Wenn sich die Lage nicht ändere, stehe die 2.000-jährige Präsenz der Christen in dieser Region vor ihrem Ende.

Flüchtlingsdrama spitzt sich zu

Nona steht der Erzdiözese Mossul seit 2009 vor. Sein Vorgänger wurde 2008 entführt und ermordet. Sein Bischofssitz sei nun das Auto, mit dem er die Flüchtlingscamps besuche. Er könne von den Christen nicht verlangen, dass sie ohne Würde und Perspektive dort blieben. Von den mehr als 100.000 Flüchtlingen seien viele im christlichen Stadtteil von Erbil untergekommen. Derzeit fehle es dort an allem.

Am wichtigsten sei die Versorgung mit Nahrung, Wasser und Unterkünften. Die Menschen campierten auf der Straße oder in Schulgebäuden. In wenigen Tagen beginne aber die Schule, dann müssten sie die Gebäude wieder verlassen. Die Menschen seien tief deprimiert und benötigten neben der materiellen Hilfe auch psychische und spirituelle Betreuung.

IS-Hauptquartier im Diözesanhaus

Nach Auskunft des Erzbischofs wird der IS vom Ausland finanziell und wirtschaftlich unterstützt. Er verlangte eine internationale Isolierung.

Nach seinen Angaben hat der IS sein Hauptquartier am Sitz der Erzdiözese Mossul aufgeschlagen. Die Terrororganisation nutze kirchliche Einrichtungen, um sich vor Bombenangriffen zu schützen. Eine Kirche werde auch als Gefängnis missbraucht.

Nach seiner Erfahrung sind die IS-Kämpfer aus dem europäischen und arabischen Ausland am brutalsten. Sie bildeten mobile Sondereinheiten.

Deutsche Waffen: Misereor skeptisch

Indessen geht in Europa die Diskussion über eine Zurückschlagung des IS durch Unterstützung der kurdischen Armee weiter. Das katholische Hilfswerk Misereor sieht deutsche Waffenlieferungen in den Irak skeptisch. Misereor-Chef Pirmin Spiegel mahnte in einem Gespräch mit der "Aachener Zeitung" (Mittwoch) ein UN-Mandat an, bevor es zu einem militärischen Beitrag kommt. Ein solcher Schritt "brächte eine deutlich größere Legitimation als ein Beschluss der Bundesregierung", sagte Spiegel.

Der Misereor-Hauptgeschäftsführer sprach von einer ambivalenten Situation. "Einerseits gibt es die Regel, dass keine Waffen in Krisengebiete exportiert werden sollen, andererseits sehen wir die Barbarei im Nordirak, die uns zum Handeln bewegen muss." Spiegel bekräftigte die Forderung, 100.000 Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen und das humanitäre Engagement zu verstärken. "Über die Waffendiskussion gerät die Frage, wie wir Flüchtlingen helfen können, in den Hintergrund", kritisiert er.

Bischöfe für Eingreifen gegen IS

Am Montag hatten die deutschen Bischöfe sich unter bestimmten Umständen offen für ein militärisches Eingreifen gegen die Terrorgruppe IS gezeigt. Zugleich betonten sie: "Militärische Maßnahmen, zu denen auch die Lieferung von Waffen an eine im Konflikt befindliche Gruppe gehört, dürfen niemals ein selbstverständliches und unhinterfragtes Mittel der Friedens- und Sicherheitspolitik sein." Solche Maßnahmen könnten aber "in bestimmten Situationen auch nicht ausgeschlossen werden, sofern keine anderen - gewaltfreien oder gewaltärmeren - Handlungsoptionen vorhanden sind, um die Ausrottung ganzer Volksgruppen und massenhafte schwerste Menschenrechtsverletzungen zu verhindern".

(KAP)