Papst mahnt in der Türkei zur Einhaltung der Religionsfreiheit

Papst Franziskus hat in der Türkei zur Achtung der Religions- und Meinungsfreiheit aufgerufen. Muslime und Christen müssten gleiche Rechte und Pflichten haben, sagte er bei einer Rede vor Präsident Recep Tayyip Erdogan und den Spitzen der türkischen Regierung in Ankara. Er sei gekommen, um den respektvollen Dialog seiner Vorgänger fortzusetzen.

"Wir haben einen Dialog nötig, der die Kenntnis der vielen Dinge vertieft, die uns verbinden, und sie abwägend zur Geltung bringt, der uns zugleich auch erlaubt, mit weisem und gelassenem Gemüt die Unterschiede zu bedenken, um auch aus ihnen Lehren zu ziehen", so Franziskus.

Die Türkei bezeichnete er als eine natürliche Brücke zwischen Asien und Europa und zwischen zwei Kulturen. Als Heimat des Apostels Paulus, Ort von sieben Konzilien und der Legende nach auch zeitweiliger Wohnort Marias, der Mutter Jesu, sei dieses Land jedem Christen teuer.

Eine wichtige Rolle spielt die Türkei aus Sicht des Papstes für die Lösung der Konflikte im Nahen Osten, der seit vielen Jahren von Bruderkriegen heimgesucht werde. "Ihre Entscheidungen und ihr Beispiel besitzen ein besonderes Gewicht", sagte er. Besonders in Syrien und im Irak seien ganze ethnische Gruppen, Christen und Jesiden terroristischer Gewalt und Verfolgung ausgesetzt. "Wir dürfen uns nicht mit einer Fortsetzung der Konflikte abfinden, als ob nicht eine Änderung zum Besseren dieser Situation möglich wäre", betonte Franziskus. Er dankte der Türkei, dass sie eine große Zahl von Flüchtlingen "hochherzig aufgenommen" habe. Die internationale Gemeinschaft habe die Pflicht, dem Land bei der Bewältigung des Flüchtlingsstroms zu helfen.

Für eine Lösung der Konflikte im Nahen Osten dürfe man nicht allein auf militärische Mittel setzen, sagte er weiter. Um Fanatismus und Fundamentalismus zu bekämpfen, brauche es interreligiösen und interkulturellen Dialog und die Solidarität aller Glaubenden. Basis sind nach seinen Worten auch hierbei der Respekt vor dem menschlichen Leben und die Religionsfreiheit.

Erdogan beklagt Islamophobie

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat in seiner Rede nach der Begegnung eine wachsende Islam-Feindlichkeit im Westen beklagt. Die Islamophobie, die eine Verbindung zwischen Islam und Gewalt herstellen wolle, breite sich rasch aus, sagte Erdogan. Er hoffe, dass von seinem Gespräch mit dem Papst ein Signal des Friedens für die ganze islamische und christliche Welt ausgehen werde. Rassismus, Diskriminierung und Hassverbrechen müssten gemeinsam bekämpft werden. Der Papstbesuch solle der Beginn einer neuen Ära der Zusammenarbeit sein.

Erdogan bekräftigte auch seine Kritik an der Haltung des Westens im Syrien-Konflikt. Während alles über die Terrormiliz "Islamischer Staat" rede, unternehme niemand etwas gegen das syrische Regime von Präsident Baschar al-Assad, das den in den vergangenen Jahren des Bürgerkriegs den Tod von 300.000 Menschen verschuldet habe. In Syrien herrsche ein "Staatsterror".

Gleichzeitig verlieh er der Hoffnung Ausdruck, dass von seinem Gespräch mit dem Papst ein Signal des Friedens für die ganze islamische und christliche Welt ausgehen werde. Rassismus, Diskriminierung und Hassverbrechen müssten gemeinsam bekämpft werden, sagte Erdogan am Freitag nach einem Treffen mit Papst Franziskus in Ankara. Der Papstbesuch solle der Beginn einer neuen Ära der Zusammenarbeit sein.

Franziskus komme in einem für die Länder der Region und ihre Religionen sehr schwierigen Moment, so Erdogan. Die Religionen müssten enger zusammenarbeiten, um die schweren Konflikte im Nahen Osten zu lösen. Er stimme den meisten Positionen von Franziskus zu, sagte der Präsident.

Kranzniederlegung am Atatürk-Grab

Zum Auftakt seines Türkei-Besuchs hatte Papst Franziskus am Freitag das Mausoleum des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk (1881-1938) besucht. Nachdem er kurz vor 12.00 Uhr Mitteleuropäischer Zeit in Ankara gelandet war und von einem Vertreter der Regierung sowie weiteren Repräsentanten aus Politik und Religionen willkommen geheißen wurde, legte er am Grab Atatürks legte er einen Kranz in den Landesfarben Rot und Weiß nieder. Anschließend trug sich Franziskus in das Goldene Buch der Türkei ein.

Wie der türkische Nachrichtensender NTV meldet, schrieb der Papst ins Gästebuch, die Türkei sei eine "natürliche Brücke zwischen den Kontinenten". Er wünsche sich, dass das mehrheitlich muslimische, aber westlich verfasste Gastland nicht nur als eine geografische Brücke fungiere, sondern auch ein Klima für den Dialog schaffe.

Begleitet wurde Franziskus vom früheren Europaminister und amtierenden Außenminister Mevlüt Cavusoglu, der ihn auch am Flughafen empfangen hatte. Der Besuch an dem Mausoleum ist traditionell die erste Station von Staatsgästen der Türkei.

Erdogan empfing Papst in Ankara

Unmittelbar im Anschluss war Papst Franziskus von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in Ankara empfangen worden. Es war dies die erste Begegnung des katholischen Kirchenoberhaupts mit dem islamischen Politiker. Nach der protokollarischen Begrüßung kamen die beiden zu einer privaten Unterredung zusammen.

Franziskus ist der erste Staatsgast im neuen Präsidentenpalast. Die Anlage mit rund 1.000 Räumen wird nicht zuletzt wegen der Baukosten von rund einer halben Milliarde Euro kritisiert. Zudem erklärte das oberste Verwaltungsgericht den Bau für illegal, weil er in einem Naturschutzgebiet errichtet wurde.

Die türkische Architektenkammer hatte den Papst im Vorfeld aufgerufen, auf einen Besuch in dem Palast zu verzichten. Vatikansprecher Federico Lombardi wies diesen Wunsch jedoch zurück: "Wie jeder höfliche Mensch" gehe der Papst "dorthin, wohin er eingeladen wurde".

Dem Zeremoniell für Staatsbesuche entsprechend wurde Franziskus von einer Kavallerie-Abteilung des türkischen Militärs zum Präsidentensitz geleitet. Die ersten Reiter trugen die türkische Fahne und die Vatikanflagge als Standarten voran. Erdogan erwartete den Papst an der Toreinfahrt.

Nach dem Abschreiten der Ehrenformation im Palasthof hatte der Papst die Soldaten protokollgemäß auf Türkisch mit "Seid gegrüßt, Soldaten" zu grüßen. Er konnte sich dabei aber ein freundliches Lachen nicht verkneifen. Erdogan und Franziskus zeigten sich beim Händedruck zum Fototermin entspannt und freundlich.

Erstmals im VW unterwegs

Bei seiner Reise am Freitag wurde Papst Franziskus in einem schwarzen VW Passat chauffiert. Es war dies das erste Mal, dass das Kirchenoberhaupt bei einer Auslandsreise eine Mittelklasse-Limousine aus Wolfsburg nutzte. Bisher bestand Franziskus stets erfolgreich auf ungepanzerte Kleinwägen oder Fahrzeuge der unteren Mittelklasse, bevorzugt aus nationaler Produktion.

Das türkische Protokollamt hatte dagegen Sicherheitsbedenken geltend gemacht. In der Türkei kommen für hochrangige Politiker Limousinen der gehobenen Mittelklasse und Oberklasse von Mercedes und Audi als Dienstfahrzeuge zum Einsatz, aber auch der Passat von Volkswagen. Anders als sonst bei päpstlichen Auslandsreisen trug der Wagen von Franziskus in Ankara nicht das Vatikan-Kennzeichen "SCV 1"; das Nummernschild ist schwarz abgeklebt.

Eine ungewöhnliche Rolle kommt während des dreitägigen Papstbesuchs der türkischen Theater- und Filmschauspielerin Serra Yilmaz zu: Die 60-Jährige agiert als Übersetzerin für den Pontifex, wie die Zeitung "Hürriyet" in ihrer Onlineausgabe am Freitag meldete. Yilmaz, die Italienisch und Französisch beherrscht, arbeitet auch als freie Dolmetscherin. Sie hatte bereits beim Besuch von Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. im Jahr 2006 übersetzt.

Lob an Türkei für Flüchtlingsaufnahme

Von Rom nach Ankara gereist war der Papst am Freitagmorgen an Bord eines Airbus, der nach dem jüdisch-italienischen Schriftsteller Umberto Saba (1883-1957) benannt ist. Die gleiche Maschine der italienischen Fluggesellschaft Alitalia hatte Franziskus bereits am Dienstag nach Straßburg gebracht. Zwischenzeitlich war sie nur von Rom-Ciampino nach Fiumicino überführt worden.

Während des Fluges dankte Papst Franziskus vor Journalisten der Türkei für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak. Das Land helfe an seinen Grenzen vielen von ihnen. "Danke für diesen Dienst", sagte er. Bei dem dreitägigen Türkeibesuch mit Stationen in Ankara und Istanbul ist im Papst-Programm zwar offiziell keine Begegnung mit Flüchtlingen vorgesehen, dennoch gibt es auf Franziskus' Wunsch zwei Momente mit Beteiligung von aus Syrien und dem Irak vertriebenen Christen.

So werden am Samstag mehrere Flüchtlingskinder beim Gottesdienst mit dem Papst in der Istanbuler Heilig-Geist-Kathedrale teilnehmen - gemeinsam mit Diplomaten und hohen kirchlichen Würdenträgern. Sie stammen aus der an das katholische Kirchengebäude angeschlossene Don Bosco-Schule, teilte das Hilfswerk "Jugend Eine Welt" am Freitag mit. Persönlich begrüßen will Papst Franziskus die jungen Flüchtlinge aus dem Irak und Syrien dann vor seiner Heimreise am Sonntag.

Die in der Heilig-Geist-Gemeinde stationierte Flüchtlingshilfe der Salesianer kümmert sich schon seit den ersten Golfkriegen um Schutzsuchende aus den südlichen Nachbarstaaten der Türkei und ist heute "wichtiger denn je", wie der hier tätige Salesianerbruder Andreas Calleja erklärte. In dem seit 1983 bestehenden Istanbuler Jugend- und Schulzentrum des Ordens, das von "Jugend Eine Welt" unterstützt wird, gibt es unter den 600 derzeit betreuten Kindern und Jugendlichen 320 Flüchtlinge, die meisten von ihnen aus dem Irak und aus Syrien. In der Türkei halten sich gegenwärtig nach Angaben der Regierung rund 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien auf.

"Die meisten Flüchtlinge bei uns wollen nicht in der Türkei bleiben, sondern in die USA oder nach Kanada weiterreisen", so der aus Spanien stammende Ordensmann. Seitens der Salesianer Don Boscos wird der Unterricht deshalb in Englisch angeboten. Zudem werden zahlreiche Initiativen gesetzt, um den Kindern zu helfen, den Schrecken der Flucht zu vergessen, u.a. mit Tanz und Musik.

Papstreise soll Mut machen

Der Papst wolle mit seiner Reise auch den bedrängten Christen im Nahen Osten Mut machen, sagte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin im Vorfeld. Gesprächsthemen dürften die Konflikte in den Nachbarländern Syrien und Irak sein, ebenso die Situation der Christen und anderer Minderheiten, die vor der Terrormiliz "Islamischer Staat" geflohen sind. Es wird erwartet, dass auch die schwierige Lage der Christen in der Türkei zur Sprache kommt.

Eigentlicher Anlass der sechsten Auslandsreise von Franziskus ist eine ökumenische Begegnung mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. am Wochenende in Istanbul. Am Samstag besucht das Katholikenoberhaupt die Blaue Moschee. Es ist das erste Mal, dass Franziskus als Papst ein islamisches Gotteshaus betritt.

(KAP)