Papst Franziskus: Die wahre Macht liegt im Dienen

Papst Franziskus: Die wahre Macht liegt im Dienen

St. Pölten, 14.03.2014 (dsp) Das Programm von Papst Franziskus liege mit der Namensnennung auf der Hand: „Vergiss die Armen nicht.“ Das erklärte Prof. Hubert Gaisbauer, langjährige ORF-Religionsabteilungsleiter, bei seinem Vortrag „Ein Jahr Papst Franziskus - der Name ist ein Programm“ im St. Pöltner Bildungshaus St. Hippolyt. Franziskus mache vor allem klar, wie er die Rolle des Papstes sieht: „Die wahre Macht liegt im Dienen. Der Papst muss allen dienen, besonders den ganz Armen, Schwachen und Geringen“, sagte Franziskus. Zwei Dinge, die laut Franziskus heute am meisten benötigt werden würden: „Barmherzigkeit, nochmals Barmherzigkeit und Mut. Mut, die Schönheit des Evangeliums zu überbringen und zuzulassen, dass der Heilige Geist den Rest macht.“

Gaisbauer zählt weitere auf: das Wohnen von Franziskus im vatikanischen Gästehaus, Umarmung statt Kuss auf den Fischering, „Berühungstouren“ in der Menge oder das eher bescheiden anmutende Dienstauto. Nicht selten ist er auch Telefonseelsorger und tröstet Menschen. Neu seien auch die Interwiews in säkularen statt nur in vatikanischen Medien. Herausragende Gesten wären weiters sein Besuch auf Lampedusa gewesen, wo er auf das tragische Schicksal der Bootsflüchltinge hingewiesen hat oder seine Reise nach Brasilien, wo er Obdachlose zum Altar holte. In Rio de Janeiro rief er den Jugendlichen beim Weltjugendtag zu: „Bringt Bewegung rein!“

Der langjährige Religionsjournalist meint, „die Sprache von Bergoglio/Franziskus ist nicht geschliffen oder elegant, sie ist anschaulich alltäglich, kommt eher von der Straße als vom Schreibtisch. Sie ist direkt. Auch in den 'offiziellen' Texten.“ Damit ziehe er sich freilich den Vorwurf zu, „er verwässere die Lehre. Wenn er etwa öfters sinngemäß betont, Christsein sei kein Einhalten von Regeln oder Fürwahrhalten von Sätzen.“ Das alles komme erst nach der Begegnung mit Christu und dem Nächsten in lebendiger Gegenwart.

Medienprofis würden seinen spontanen Umgang mit der Presse unkoordiniert nennen, so Gaisbauer. Auch könne man hören: „Der Worte und Gesten sind genug, wann beginnt der Papst wirklich wichtige Dinge zu tun.“ Viele würden meinen zu wissen, was der Papst zu tun hätte. Das aber wäre nicht Franziskus, wenn er „neuer Besen“ spielen sollte – zupackend und absolutistisch. Beim Thema wiederverheiratete Geschiedene etwa arbeite er nicht autokratisch, sondern behutsam und vornehm: So habe er Kardinal Walter Kasper beauftragt - „dessen versöhnliche Position zu der Problematik der wiederverheirateten Geschiedenen er natürlich kannte - mit einem das Thema vorbereitenden Referat vor dem Konsistorium, das heftige Diskussionen auslöst, und lobt es am nächsten Tag ostentativ vor allen Kardinälen.“ Mit der Neubesetzung des vatikanischen Staatssekretariats mit Kardinal Pietro Parolin habe es bereits eine „klare und richtungsweisende Entscheidung“ gegeben.
„Und sonst?“ fragt Gaisbauer: „Gut, er hat Kommissionen eingerichtet, den 8er Rat der Kardinäle, die Kommission zur Kontrolle der Vatikanbank und eine Kommission zur wirtschaftlichen Verwaltung des Heiligen Stuhles. Er ernennt aber nicht Einzelpersonen, sondern Gremien. Das Strukturelle, sagt er von sich, sei nicht seine Stärke, deshalb. Und das Kollegiale, wenn es wirklich kollegial ist, schätzt er sowieso.“

Und die Zukunft?

Im Bereich der Familie würden von der Kirche große Neuerungen erwartet. Er selbst habe über die Geschiedenen gesagt: Man sollte sie nicht verurteilen, sondern ihnen helfen. Auch bei der Ökumene stehe einiges bevor: Gaisbauer verweist etwa auf die Papst-Reise im Mai ins Heilige Land gemeinsam mit Patriarch Bartholomaios. Franziskus meinte zum Thema Ökumene: „Die Trennung ist nicht hinnehmbar.“ Er habe betont, wie wichtig ihm der ökumenische Dialog sei. Der langjährige Kirchenbeobachter zum Verhältnis Ortskirche- und Weltkirche: „Man rechnet damit, dass Franziskus den Ortskirchen mehr Souveränität und Freiheiten einräumt, wenn nicht gar aufträgt. Auf die nationalen Bischofskonferenzen, die kirchenrechtlich bisher keine Rolle spielen, kommen damit wohl mehr Rechte und Pflichten zu.“

Der Papst spreche desweiteren eine Reform der Strukturen an, die es brauche für eine pastorale und missionarische Neuausrichtung. Er nehme auch eine Reform des Papsttums nicht aus, die mehr den „gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung entspricht“. Und das Plädoyer für offene Kirchen im wahren und im übertragenen Sinn: „Auch die Türen der Sakramente dürfen nicht aus irgend einem beliebigen Grund geschlossen werden.“ Die Eucharistie sei nicht eine Belohnung für die Braven, „sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen.“

Zum Thema Frauen in der Kirche, sieht Gaisbauer bei Franziskus Folgendes: „Man muss die Vorstellung der Frau in der Kirche vertiefen. Man muss noch mehr über eine gründliche Theologie der Frau arbeiten. Doch unter Punkt 104 heißt es im Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium klipp und klar: 'Frauenpriestertum ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht'. Das haben wir schon einmal gehört. Aber weiter im Text: 'Tatsächlich ist eine Frau, Maria, bedeutender als die Bischöfe.' Erlauben Sie, Bruder Papst, auch alle anderen Frauen?“ Gaisbauer dazu: „Zölibat, Weiheamt für Frauen, wahrscheinlich auch viri probati: hier ist von uns – auch in Hinblick auf Papst Franziskus – also noch viel Geduld verlangt.“