Ökumene: Kirchenexperten wollen weiteren Ausbau des Hospiz- und Palliativwesens

St. Pölten, 16.11.2014 (dsp) Die Kirchen sollten sich gemeinsam für den weiteren Ausbau des Hospiz- und Palliativwesens einsetzen. Das war Tenor des ökumenischen Studientages „Zeit zum Leben – Zeit zum Sterben“ im St. Pöltner Bildungshaus St. Hippolyt. Aus Sicht von katholischen, orthodoxen und evangelischen Experten wäre eine öffentlich finanzierte flächendeckende Hospiz- und Palliativversorgung notwendig. Gleichzeitig gebe es innerhalb der Kirchen eine große Hochachtung vor dem ehrenamtlichen Engagement im Hospizbereich. Ein weiteres Resümee war: Jeder und jede solle sich persönlich überlegen: Wie will ich sterben, wie soll mein Ende aussehen? Von der persönlichen Vorbereitung des Sterbeprozesses würde viel abhängen.

Katholisch: Leben ist "heilig"

Hintergrund des Studientages war, dass rund 60 Prozent der Österreich die Möglichkeit aktiver Sterbehilfe wünschen und sie wollen menschenwürdig sterben. Veranstalter waren der Ökumenische Arbeitskreis NÖ-West und der Katholische AkademikerInnenverband der Diözese St. Pölten.

Aus christlicher Sicht sei das Leben ein „Geschenk“, erklärte der katholische Moraltheologe Univ.-Prof. DDr. Walter Schaupp und Mitglied in der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt. Leben sei denn auch in all seinen Phasen Partizipation am Leben Gottes, weil es von Gott ist. Bereits unter dem Pontifikat von Papst Pius XII. sei die Überzeugung aufgetaucht, dass wir angesichts des Todes nicht verpflichtet seien, „außergewöhnliche Mittel“ anzuwenden. Das heißt, Ärzte seien nur zum Gebrauch der üblichen Mittel, die keine außergewöhnliche Belastung für einen selbst oder andere mit sich bringen, verpflichtet. In der Kongregation für die Glaubenslehre von 1980 ist dann von „verhältnismäßigen“ und „unverhältnismäßigen“ Mitteln die Rede. 

Nach katholischer Lehre sei niemand zur Erhaltung des Lebens um jeden Preis verpflichtet. Katholische Position sei weiters, dass das Ertragen vermeidbarer oder bekämpfbarer Schmerzen nie verpflichtend gemacht worden seien.

In der Kirchengeschichte habe es eine durchgängige Ablehnung der direkten Tötung gegeben – auch in Form der Selbsttötung. Moraltheologischer Grundsatz sei, die direkte Tötung unschuldigen Lebens sei immer verboten. Begründet wird dies, dass Gott alleiniger „Herr“ des Lebens sei und der Mensch nur „Nutznießer“. Das Leben sei im Sinne einer prinzipiellen Unantastbarkeit „heilig“. Weiters wäre das Leben das fundamentalste Gut und erste Grundlage für die Entfaltung der Person in Freiheit. In der derzeitigen Diskussion stehe vor allem der assistierte Suizid im Zentrum, gerade auch aufgrund „spektakulärer Fälle“. Der „Wende“ im pastoralen Umgang mit Suizidanten entspreche von Seiten Roms kein grundsätzliches Umdenken. Selbsttötung bleibe „Sünde“, nur anerkenne Rom die mangelnden Freiheitsspielraum. Also: Suizid ist Ausdruck oder Endpunkt einer Krankheit. Das derzeitige Hauptargument gegen die Forderung nach gesetzlicher Freigabe von Sterbehilfe sei, dass sonst ein Druck für Arme, Alte und Kranke entstünde, der durch Zulassung entstünde. Eine Freigabe entspreche einer Entsolidarisierung mit diesen Gruppen. Durch eine Freigabe werde eine Autonomie nicht gefördert, sondern vielmehr untergraben. In Rom gebe es jedenfalls die Angst, dass es zu einem „Dammbruch“ kommen könnte, der bei der systematischen Tötung von Komatösen endet. Viele Moraltheologen seien aber laut Schaupp der Meinung, dass in bestimmten Fällen eine Ernährung eingestellt und eine Beatmung abgebrochen werden dürfe.

In der katholischen Position werde die objektive sittliche Norm, die der Mensch mittels seiner Vernunft erkenne könne betont. Demgegenüber gebe es ein geringeres Gewicht für das individuelle Gewissen und damit wenig Spielraum für eine „kreative Freiheit“. Weiters gebe es in diesen ethischen Fragen eher Vertrauen die auf philosophisch-ethische Vernunft statt auf unmittelbare biblische Begründungen. Es könne kritisiert werden, das es beim Katholischen übertriebenen Erkenntnisoptimismus gebe, wo man immer ganz genau wüsste, was falsch und richtig sei. Da könne das Gespür für Situationen fehlen, die nicht wirklich moralisch eindeutig auflösbar seien. Allerdings sei die Einheitlichkeit der Positionierungen über das zentrale Lehramt eine Stärke des Katholischen. So spreche man leichter mit einer Stimme.

Evangelische Position: Leben ist Geschenk Gottes

Auch der renommierte evangelische Experte Dr. Dieter Heidtmann von der deutschen Evangelischen Akademie Bad Boll betonte, dass der Ausgangspunkt der evangelischen Position das Leben als Geschenk darstelle, das der Mensch von Gott erhalten habe. Mit diesem Geschenk sei auch eine besondere Verantwortung für das empfangene Leben verbunden. Weiteres wesentliches Merkmal menschlichen Lebens, das im Gedanken der Gottesebenbildlichkeit enthalten sei, sei die grundlegende Würde des menschlichen Lebens. Diese liege im grundlegenden Beziehungscharakter des menschlichen Lebens und sei nicht von besonderen Kompetenzen oder Eigenschaften abhängig. Daher sei es vor Schaden, Verletzung und Zerstörung zu schützen und daraus folge die grundlegende Verantwortung, sich um die Mitmenschen zu kümmern. Nach evangelischem Verständnis sei der Abbruch oder die Vorenthaltung einer lebensverlängernden Behandlung unter Umständen nicht nur erlaubt, sondern sie können als Bestandteil richtiger Pflege und des Mitgefühls für einen schwer- und unheilbar oder sterbenskranken Patienten sogar geboten sein. Es gebe keine ethische Verpflichtung, das Leben künstlich zu verlängern. 

Ethische Kriterien würden nicht nur für Entscheidungen gelten, sondern auch für den Prozess, durch den solche Entscheidungen am Lebensende getroffen werden. Hier gelte es zwischen dem Willen des Patienten, soweit er noch artikulierbar ist, den Anliegen der Familienmitglieder, Verwandten und Freunde, aber auch des medizinischen Fachpersonals Entscheidungen zu treffen. Der Palliativmedizin komme dabei eine entscheidende Bedeutung zu.

Die Beihilfe zur Selbsttötung und die Tötung auf Verlangen sind aus Sicht der evangelischen Kirche höchst problematisch, weil sie im Widerspruch zum Verständnis des Lebens als Gabe und zur Pflicht, Leben zu schützen stehen. Die Hinweise auf die Autonomie des Menschen und die Sorge um sein Wohlergehen seien keine ethische Rechtfertigung für die Tötung auf Verlangen. Eine Tötung auf Verlangen widerspreche der christlichen Überzeugung, dass die Würde menschlichen Lebens nicht auf der Fähigkeit zu unabhängiger Selbstbestimmung beruhe, sondern auf der schöpferischen und rechtfertigenden Liebe, die die Menschen von Gott in Christus empfangen haben.

Was Heidtmann von Krankenhausseelsorgern und Hospizmitarbeitern wisse, sei, dass nicht eine übermäßige medizinische Versorgung oder die Verlängerung des Leidens das herausragende gesellschaftliche Problem im Umgang mit dem Sterben sei, sondern die Einsamkeit der Sterbenden und die Hilflosigkeit der ihnen nahe stehenden Menschen.

Der evangelische Experte warnte – wie auch seine Kollegen – vor dem zunehmenden politischen Druck in Europa, die Kosten für die Behandlung und palliative Versorgung am Lebensende zu senken. Manche europäische Regierungen würden dafür plädieren, dass die Menschen doch wieder zuhause sterben sollten. Nicht aus medizinischen Gründen oder aus Mitgefühl, sondern aus ökonomischer Berechnung.

Altsein als „Stärke“ in der orthodoxen Kirche

Der orthodoxe Vertreter Univ.-Doz. DDDr. Alexander Lapin sagte, dass die Kirche des Ostens das Altsein als „Stärke“ sehen würde. Den orthodoxen Kirchen ginge es grundsätzlich nicht so sehr um Positionspapiere, sondern um die Motivation und Begleitung des Einzelnen. „Die Orthodoxie nimmt an Anteil an der Entwicklung des Einzelnen“, so der orthodoxe Militärseelsorger und Leiter des Labors im Sophienspital. Daher gebe es zu diesen komplexen Themen auch nicht immer ausgefeilte Stellungnahmen. Man gehe nicht von der Frage nach erlaubt oder nicht erlaubt aus, sondern von den Fragen Sünde und Verantwortung. Sünde sei eine Übertretung des Gewissenskonfliktes. Lapin lehne es jedenfalls ab, beim Thema Sterbehilfe nach Ressourcen zu fragen. Die Frage „Was kostet das?“ sei schlimm. Orthodoxe Christen hätten sich immer um Kranke und Sterbende gekümmert und Spitäler errichtet. Tradition in der orthodoxen seien hohe medizinische Standards, die auf die Kirchenväter sowie auf antike Werte zurückgingen, wie etwa die des Arztes Hippokrates. Wichtig wären daher in derartigen ethischen Fragen Kriterien wie Autonomie, Gerechtigkeit oder Wohlbefinden.

Foto: Alexander Lapin (orthodox), Elisabeth Haas (Caritas-Hospizdienst), Dieter Heidtmann (evangelisch), Walter Schaupp (katholisch)