Islam und Christentum: Gemeinsamkeiten in der Schöpfungsverantwortung

Dr. Fatima Ursula Kowanda-Yassin, Univ.-Prof. Dr. Michael Rosenberger

St. Pölten, 22.03.2014 (dsp) Gemeinsamkeiten in der Sicht der Schöpfungsverantwortung konnten bei einem christlich-muslimischen Abend und Studientag im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten festgestellt werden. Sowohl das Christentum als auch der Islam sehen die Schöpfung als von Gott bzw. Allah dem Menschen übergeben, welcher in der Folge eine Verantwortung gegenüber den Mitmenschen, den Tieren und der Natur trägt.

Schöpfungsverantwortung sei ein zentrales Thema des Islams, wie die muslimische Referentin Fatima Ursula Kowanda-Yassin sagte. Respekt vor der Schöpfung bedeute Respekt vor dem Schöpfer. Der Mensch sei durch seinen freien Willen verantwortlich für seine Umgebung. Schöpfungsverantwortung bedeute somit Verantwortung zu tragen gegenüber den Mitmenschen, den Tieren und der Natur.

„Der Mensch wird zum Khalifat Allahs bestimmt“, erklärte die muslimische Theologin und Gefängnis-Seelsorgerin. Dies bedeute für den Menschen, Verantwortung für die Schöpfung zu tragen und sie zu bewahren, „denn sie ist amānah, ein anvertrautes Gut“. Gleichzeitig sei das „Khalifat“ eine „Prüfung, ob der Mensch seiner Aufgabe gerecht wird“. Er sei dazu aufgerufen, Frieden unter den Menschen zu stiften und für Gerechtigkeit zu sorgen; dies wirke sich auf alle Lebewesen und die ganze Schöpfung aus, so Kowanda-Yassin.

„Gottesdienst ist, dem Leben dienen und es schützen“

Von der Sintfluterzählung ging Michael Rosenberger, Professor für Moraltheologie an der Katholischen Theologischen Privatuniversität Linz, aus: Die Flut sei ein Bild für die menschliche Gewalt, die steige und alles Leben zu ersticken drohe. Noah habe diese Gefahr erkannt und eine „Arche“ gebaut, die ein Symbol für die Schicksalsgemeinschaft aller Lebewesen auf Erden sei („Wir sitzen alle in einem Boot!“): Der Mensch werde ohne nichtmenschliche Lebewesen nicht überleben können, so Rosenberger.
Die in der Bibel angegebenen Maße der Arche seien Vielfache der Abmessungen des Jerusalemer Tempels. Dies bedeutet, so Rosenberger, dass die Arche „eine Art Urheiligtum“ bedeute. Ursprünglicher Gottesdienst bedeute daher „dem Leben zu dienen und es zu schützen“.

Die „Gottesebenbildlichkeit“ des Menschen sei eine „Beziehungsaussage“, wie Rosenberger ausführte. Der Mensch sei dadruch „wie eine lebendige Götterstatue – Bild Gottes – und vermittle“ göttliche Lebenskraft“. Er habe dadurch „Vollmacht im Namen Gottes“, trage daher jedoch auch Verantwortung: In der Stellvertreterrolle für Gott sei der Mensch „in der Verantwortung, das Rechte in der Schöpfung umzusetzen“.

Nach Rosenberger bedeute der Schöpfungsauftrag – die Übergabe der Erde an den Menschen – die „Inbesitznahme des Hauses als Verwalter“. In der wörtlichen Übersetzung heiße es nämlich nicht: „Macht euch die Erde untertan“, sondern: „Macht die Erde untertan“. Das an dieser Stelle verwendete hebräische Wort kabash bezeichne die „Inbesitznahme eines Lehens, indem der Fuß auf die Erde gesetzt wird“. Die Schöpfung sei daher „eine Leihgabe, die wir zurückgeben müssen“, wie Rosenberger betonte.

Der christlich-muslimische Studientag wurde vom Diözesankomitee Weltreligionen, von der Fortbildung Religion der Kirchlich Pädagogischen Hochschule Wien/Krems, vom Katholischen AkademikerInnenverband sowie vom Bildungshaus St. Hippolyt veranstaltet.