Experte: Welt schweigt zu Christenverfolgung

Der Leiter des italienischen Observatoriums für Religionsfreiheit Massimo Introvigne hat das mediale Schweigen zu den Christenverfolgungen in vielen Teilen der Welt kritisiert. Introvigne nimmt bis Freitag an Schweigemärschen von "Christian Solidarity" (CSI-Österreich) und CSI-Diskussionsabenden teil; am Freitag gehen in Wien auch Kardinal Christoph Schönborn und Metropolit Arsenios Kardamakis mit (Treffpunkt Oper 17 Uhr).

Christen seien heutzutage die am meisten in der Welt verfolgte Gruppe, doch werde darüber "am wenigsten gesprochen", so der italienische Soziologe. Er sprach von 105.000 Opfern jährlich. Diese Zahlen würden nicht oft veröffentlicht, "denn sie sind vielen lästig". Über die Mörder spreche man nicht gerne, "denn sie sind mächtig und gefährlich, manche von ihnen verfügen über Nuklearwaffen, andere über Erdöl, andere wiederum kaufen unsere Produkte oder Wertpapiere aus unserer Staatsverschuldung". Vielfach seien muslimische Fundamentalisten die Verfolger; "selbstverständlich sind nicht alle Muslime Fundamentalisten, und nicht alle Fundamentalisten töten Christen, vielleicht beschränken sich einige nur auf deren Diskriminierung", so Introvigne: "Aber die Extremisten des Fundamentalismus morden jährlich Tausende von Christen."

Der Wissenschaftler erinnerte an die jüngsten Massaker in Nigeria: dort habe die fundamental-islamistische Terrorgruppe Boko Haram 10.000 Christen in den letzten zwölf Jahren getötet. Aber auch andere Länder sein betroffen: in Indonesien etwa würden Schüler - vor allem Mädchen - angegriffen und ermordet, nur weil sie eine katholische Schule besuchen. "Und weitere zahlreiche Beispiele könnte man noch hier anführen, von Somalia bis Mali", so Introvigne.

Verfolgerstaaten seien aber auch Nordkorea und China. In China gebe es "trotz rasanter wirtschaftlicher Erfolge keine Religionsfreiheit". Im indischen Bundesstaat Orissa und in Sri Lanka vermischten sich extrem-fundamentalistische Anhänger östlicher Religionen, "die an sich friedlich und tolerant sind", mit politischem Nationalismus, und sie töteten Christen - "ja sie verbrennen sie sogar bei lebendigem Leib".

Introvigne wies aber auch auf die Diskriminierung von Christen in Europa hin: "Es gibt zahlreiche Fälle von kultureller Intoleranz, gesetzlicher Diskriminierung und hassmotivierten Gewalttaten. Sicherlich nicht so zahlreich wie in Asien oder Afrika, dennoch sind sie bedenklich, wie die Schändung der Lazaristenkirche neulich in Wien oder andere österreichischer Kultstätten, oder die Ermordung der Ordensschwester Laura Mainetti in Italien, im Jahr 2000 zeigen."

Anlässlich der von der CSI, der Plattform "Solidarität mit verfolgten Christen" und den katholisch korporierten Verbänden veranstalteten Schweigemärsche legte der Vorsitzende des Mittelschülerkartellverbands (MKV), Helmut Kukacka, am Donnerstag ein 6-Punkte-Programm für Religionsfreiheit und Menschenrechte vor. "Wir sehen es als unseren besonderen Auftrag an, die Tatsache der Verfolgung und Diskriminierung von Christen der Öffentlichkeit bewusst zu machen und nachhaltig dafür einzutreten, dass die Einhaltung der Menschenrechte und die Gewährung der vollen Religionsfreiheit weltweit durchgesetzt wird", so Kukacka.

Die sechs Punkte im Detail: verstärkter Einsatz der EU für verfolgte Christen; Gewährung von voller Religionsfreiheit in islamischen Ländern; Gewinnung der österreichischen Muslime für das Anliegen der Religionsfreiheit auch in islamischen Ländern; Bekenntnis der Bundesregierung für das Religionsfreiheitsengagement; Augenmerk auf Diskriminierung von Christen in der Gesetzgebung von EU-Staaten; schließlich Betonung auch des öffentlichen Praktizierens der Religion.

"Täglich erleben wir, wie extrem dramatisch die Situation im Nahen Osten ist. Die Christen geraten hier zwischen die Fronten. Die Flüchtlingsströme insbesondere aus Syrien und dem Irak sind enorm, rund die Hälfte der Christen hat das Land bereits verlassen müssen. Christen müssen aber künftig auch im Nahen Osten leben können und eine Perspektive haben. Dort hat das Christentum seine Wiege, fanden die ersten Konzilien statt und waren Christen lange vor der Ankunft des Islam im 7. Jahrhundert präsent", betonte Kukacka.

Sie müssten deshalb von Europa geschützt und unterstützt werden, und es müssten im Rahmen der politischen Friedensbemühungen alle rechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden, dass diese auch in Zukunft in ihren angestammten Regionen leben könnten. Die internationale Politik habe den Einsatz für Religionsfreiheit lange Zeit vernachlässigt, zu Unrecht, gehe es hier doch um einen zentralen Bereich der Menschenrechte. "Die Garantie, seinen Glauben ungestört leben zu können, ist eine Grundvoraussetzung für ein Leben in Freiheit", so Kukacka.

(KAP)