Eine Bilderbuch-Bilanz: ein Jahr Papst Franziskus

Es sind vor allem die Bilder, die das erste Pontifikatsjahr von Papst Franziskus prägen. 365 Tage nach dem Konklave, in dem der Argentinier Jorge Mario Bergoglio nach Rom gewählt wurde, ist es für eine Fakten-Bilanz noch zu früh. Aber neben den klaren Botschaften des neuen Papstes lassen seine Gesten und Symbole den Aufbruch und die Neuorientierung erkennen, mit der er die Weltkirche gestalten will.

Schon bei seinem ersten Auftreten auf der Mittelloggia des Petersdoms beeindruckte Franziskus am 13. März 2013 durch die tiefe Verbeugung, mit der er das Gebet der Gläubigen für sich und sein Pontifikat erbat. Dann war da der "leere Stuhl" beim Konzert, weil Franziskus lieber das Gespräch mit den Nuntien fortsetzen wollte, als sich vor einem erlesenen Publikum ehren zu lassen. Da ist das Appartement 201 im Gästehaus Santa Marta, das er der Wohnung im Apostolischen Palast vorzieht, weil er unter Menschen sein will.

Der neue Papst predigt eine "arme Kirche für die Armen" und tritt selbst bescheiden auf. Er trägt seine schwarze Aktentasche selbst ins Flugzeug und ins Exerzitienhaus, er fährt im Bus oder Kleinwagen. Und vor allem sucht er bei den Audienzen auf dem Petersplatz die Nähe und den direkten Kontakt zu den Menschen, ohne Berührungsängste gegenüber Schwerkranken oder Behinderten.

Der Kurs des Bergoglio-Pontifikats lässt sich bis heute noch nicht genau definieren. Franziskus hat viele Türen geöffnet und Reformen angestoßen, vor allem an der Kurie. Er hat sich in vielen Gesprächen sachkundig gemacht, Prüfungskommissionen gebildet, Strukturen und Arbeitsmechanismen hinterfragt, und den achtköpfigen Kardinalsrat als sein engstes Beratergremium installiert. Bischofssynode und Konsistorien sollen zu kollegialen Gremien werden. Einen konkreten Anfang machte er soeben mit dem neuen Wirtschafts- und Organisationsministerium, in dem die K-8-Mitglieder Reinhard Marx aus München und George Pell aus Australien Schlüsselpositionen erhielten. Und das möglicherweise einschneidende Konsequenzen für die umgebenden Strukturen vom Staatssekretariat bis zu den Kongregationen und Räten haben könnte.

Missionarischer Neuaufbruch

Mehr noch als um Strukturen geht es dem Papst aber um einen Neuaufbruch der Kirche. Um eine neue Missionierung, mit der die Kirche auf die Menschen zugehen soll, vor allem auf die Armen und Leidenden, aber auch auf die, die sich von der Kirche entfernt haben. Das setzt nach Franziskus' Ansicht freilich neben einer neuen, verständlichen Sprache auch ein Umdenken und eine Rückbesinnung auf allen Kirchenebenen voraus, wie er in seinem Programmdokument "Evangelii gaudium" betonte: Angefangen vom Papst, den Bischöfen und Priestern bis zum Selbstverständnis der kirchlichen Laien. Deutliche Absagen erteilte Franziskus wiederholt einem Klerikalismus sowie einem Karrieredenken unter Priestern. Und den Worten folgten rasche Taten: Manche Bischofsversetzung war mitnichten eine Beförderung.

Mit Bergoglio gelangte nicht nur der erste Lateinamerikaner an die Kirchenspitze. Auch Paradigmen haben sich verschoben. "Bislang sah es so aus, dass sich der Westen von der Kirche entfernt", schreibt der italienische Vatikanist Luigi Accattoli zum Jahrestag. "Mit Papst Franziskus fangen wir an zu sehen, dass die Kirche sich vom Westen entfernt." Und diese Verlagerung in den Süden der Erde enthält neues Konfliktpotential.

So wurde gegen Franziskus durchaus auch Kritik laut: Seine Botschaften seien zu flach, ihnen fehle der theologische Tiefgang, seine Messen seien zu wenig feierlich und sein Wirtschaftsdenken zu links, hieß es. Einige italienische Blätter, vor allem aber konservative Blogs, befeuern diese Kritik. Die erste kam freilich von Italiens berühmtestem Konvertiten: Magdi Cristiano Allam, der unter Benedikt XVI. katholisch geworden war, trat sehr bald nach dem Konklave wieder aus: Aus Protest gegen eine zu nachgiebige Haltung gegenüber dem Islam.

Die überwältigende Mehrheit, nicht nur die Katholiken, sind freilich auch ein Jahr nach der Wahl vom neuen Papst fasziniert. Seine Generalaudienzen und seine öffentlichen Sonntagsgebete sind besser besucht als unter seinen Vorgängern. Italienische Medien zitieren immer wieder Geistliche, die von mehr Beichtpraxis und Messbesuch sprechen. Der Papst vom anderen Ende der Welt hat es verstanden, das Ansehen der Kirche - nach einigen Pannen der letzten Jahre - zu fördern und den Gläubigen Hoffnung zu geben.

Ein Kathpess-Korrespondenten-Bericht von Johannes Schidelko