Bedeutung der Eltern bei der Glaubensweitergabe

Wer Kinder religiös fördern möchte, muss ihre Eltern unterstützen. Der Tübinger Religionspädagoge Albert Biesinger hat am Freitag bei der Österreichischen Pastoraltagung die Zukunft des Christentums in Europa und darüber hinaus geradezu verknüpft mit dem Anliegen, Eltern als "Gotteskommunikatoren" im Dienste ihrer Kinder zu nützen und ihnen dazu benötigte Kompetenz zu vermitteln.

Entsprechende Modelle der Familienkatechese von der Schwangerschaft eines Paares an seien etwa in der lateinamerikanischen Kirche weit verbreitet. Biesinger rechnet damit, dass sie unter Papst Franziskus wesentlich mehr forciert werden, als dies bisher der Fall gewesen sei.

Bisher - so der Theologe - sei man in Rom skeptisch gewesen, ob Eltern "das können". Biesinger äußerte seine Überzeugung, dass auch kirchenferne Mütter und Väter ihren Kindern hier sehr wohl entscheidende Impulse geben können.

Rund 380 interessierte kirchliche Mitarbeiter aus Österreich und darüber hinaus nehmen heuer an der wichtigsten heimischen Weiterbildungsveranstaltung im Bereich der Seelsorge teil, Thema ist heuer die Kinderpastoral.

"Kinder haben ein Recht auf Religion", sagte Biesinger in seinem Vortrag mit dem Titel "Religiöse Elternkompetenz als Herausforderung für zukunftsfähige Glaubenskommunikation". Viele Eltern hätten jedoch Scheu davor, ihre Kinder auch in dieser Hinsicht anzuregen - aus Angst, etwas falsch zu machen, oder aus Skepsis dem Glauben und der Kirche gegenüber. Zugleich seien viele Eltern, die das Beste für ihre Kinder wollten, diesen den Glauben als "große Verheißung für ihr Leben" näherzubringen.

Kirchenvertreter sollten etwa in der Tauf- oder Erstkommunionsvorbereitung Eltern "niedrigschwellige Einstiege" anbieten, die deren Situation entsprechen. Notwendig seien alltägliche Glaubensrituale, die elterliche Zuwendung religiös deutbar machten.

Biesinger nannte als Beispiele einen morgendlichen Segen für Schulkinder, die aus dem Haus gehen, oder ein "entschleunigendes" Dankgebet vor dem gemeinsamen Essen. Abendrituale mit Fragen danach, was am Tag schön bzw. weniger schön war, würden - wie Studien belegten - nicht nur den Kindern, sondern auch den Eltern emotionale Stabilität und Geborgenheit vermitteln.

Der renommierte Religionspädagoge plädierte auch für familientaugliche Liturgien, bei denen sich Kinder um den Altar versammeln, Fürbitten formulieren dürfen und in der Predigt angesprochen werden. Er kenne Gemeinden, in denen sich junge Eltern und ihre Kinder im Gottesdienst bestens aufgehoben fühlten, in anderen dagegen finde man diese Zielgruppe gar nicht mehr in der Kirche. Letztere werde man nach der Einschätzung Biesingers in 20 Jahren "ganz einfach abschließen".

Nicht nur in Lateinamerika, auch in der Untergrundkirche Chinas habe man die Bedeutung der Eltern als Glaubenskommunikatoren erkannt und setze auf entsprechende Modelle. Auch in Europa sei dies hoch an der Zeit, sagte Biesinger. Denn weiter wie bisher "geht nicht mehr. Aufbruch ist angesagt."

Kinder - "Weltentdecker und Gottsucher"

Kinder sind "Weltentdecker und Gottsucher". Die bei ihnen automatisch auftauchenden "großen Fragen" nach dem Woher, Wohin und Sinn des Lebens münden laut dem Aachener Religionspädagogen Rainer Oberthür bei Fragen nach Gott. Wenn sich Erwachsene als "Geburtshelfer" für diese "philosophische" Neigung der Kinder verstünden, könne eine beide Seiten befruchtende "Theologie mit Kindern" in Gang kommen.

"Kinder sind weise, weil sie nicht zwischen kognitiv und affektiv, zwischen Kopf und Herz unterscheiden, betonte Oberthür. "Wenn sich beides vermischt, ist das Weisheit", habe ihm ein Volksschulkind explizit gesagt. Und ein anderes Kind habe zu einem Bild mit einem Fragezeichen, das Oberthür im Unterricht vorlegte, gemeint: "Wir wissen nicht wirklich, wer Gott ist. Aber Gott weiß, wer wir sind."

Methoden der Bilddeutung wie diese können nach den Worten des Theologen Kindern Wege eröffnen, um sich und ihre Lebensdeutungen frei zur Sprache zu bringen. Fragen seien dabei wichtiger als vorschnelle, "theologisch korrekte" Antworten. Oberthür erinnerte an einen Satz von Robert Koch, der sich gut auf die Gottesfrage anwenden lasse: "Die Frage ist so gut, dass ich sie durch meine Antwort nicht verderben möchte."

Kuscheltiere helfen zu Symbolfähigkeit

Entwicklungspsychologische Aspekte zur Frage, "wie Kinder Gott verstehen", brachte der deutsche Theologe Lothar Kuld in die Tagung ein. Schon im ersten Lebensjahr nutzten Kleinkinder zur Bewältigung der Trennungserfahrung von der "symbiotischen" Mutter z.B. Kuscheltiere als "Übergangsobjekte" - für Kuld die psychischen Wurzeln auch der religiösen Symbolfähigkeit.

Später in der Kindheit werde das Unsichtbare "mythologisiert", in der Jugend folge die Phase des Psychologisierens, so der Theologe. Gelingende religiöse Erziehung fördere das altersgemäße Nachdenken über Gott und Religion und verhindere das Verharren auf einer Stufe, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden einfach als überholt abgestreift wird.

(KAP)