1000 Jahre x 4 oder nachdenkenswerte Jubiläen

Pfarrkirche Tulln-St.Stephan

„Das eine aber, liebe Brüder, dürft ihr nicht übersehen: dass beim Herrn ein Tag wie tausend Jahre und tausend Jahre wie ein Tag sind.“ (2 Petr 3,8). Ja, beim Herrn schon, aber bei uns Menschen sind tausend Jahre schon sehr lang. Das sind dreiundreiunddreißig Generationen. Den meisten von uns wird schon nach drei Generationen schwindelig – wer weiß schon genau, wer seine Urgroßeltern waren und was sie so gemacht haben? Nicht einmal ihre Gräber kennen wir in den meisten Fällen.

Und zehn Generationen, da sind wir schon vor Maria Theresia. Aber da gibt es Pfarren, die bestehen seit tausend Jahren. Seit dreiunddreißig Generationen gibt es eine Mitte des Lebens, eine Hilfe von der Geburt bis zum Tod, eine Zufluchtsstätte in Kriegsgefahr und Hungersnöten, eine Glocke, die mit den Menschen durch ihre ganze Biographie geht. Gleich vier Mal werden in unserer Diözese solche Pfarren dieses Jahr in den Blick genommen. Herzogenburg, Krems-St. Veit, Tulln-St. Stephan und Zwentendorf sind die Jubilarinnen im Jahre 2014. Jeder dieser Pfarren hat eine eigene Geschichte, die uns nachdenken macht. Tausend Jahre liegen weit zurück... und dann doch nicht. Als diese Pfarren gegründet wurden, im Jahr 1014, da war ja auch Gegenwart, so wie unsere. Es war ein mühsamer Alltag so wie unserer, in den hinein die jeweiligen Stifter und Schenker neue Pfarren ins Land setzten. Und viele Menschen werden vielleicht gar nicht groß geachtet haben auf diese neuen Kirchengründungen, so wie wir vielleicht mit den Achseln zucken, wenn irgendwo eine neue Kapelle eingeweiht wird. Niemand hätte damals geglaubt, dass die Pfarren tausend Jahre später noch stehen würden...

Wer hat die Gründungen ermöglicht? Bei Herzogenburg war es ein Kaiserpaar, Heinrich und Kunigunde; Bischof Berengar von Passau erhielt vom selben Kaiser Heinrich Besitzungen in Krems, was zur Gründung von St. Veit führte; derselbe Bischof erhielt auch Besitz in Tulln, was zur Gründung von St. Stephan führte; und die andere Stephanus-Pfarre, die in Zwentendorf, wurde in derselben „Welle“ gegründet. Passau, das ist heute ein normales Bistum; damals war es ein Name, der für den gesamten Raum entlang der Donau von wesentlicher Bedeutung war. Auch das hat sich geändert.

Man könnte nun philosophisch nachfragen, welche Gründungen von damals es nicht „geschafft“ haben, bis heute zu bestehen; ich bin sicher, es sind einige aus den Jahren um 1014. Ich denke aber, ein anderer Ansatz ist angebracht. Zur Dankbarkeit über so viel Beständigkeit dieser vier Pfarren sollte auch eine Portion Nachdenklichkeit kommen. Was sagen uns die tausend Jahre eigentlich heute? Sehr viel über den Menschen – wie sehr er mit Gottes Wirken in dieser Welt verbunden ist. Wie sehr er Gott braucht.... Auch heute noch, im recht säkularen 21. Jahrhundert, ist es gut, dass Pfarre da ist, dass der Mensch die Gegenwart Gottes in seinem Leben konkret erfährt. Eben in den Pfarren – auch, wenn einige von ihnen gewissermaßen bereits „reiferen Jahrgangs“ sind. Und ob Herzogenburg, Krems-St. Veit, Tulln-St. Stephan und Zwentendorf in tausend Jahren noch Pfarren sein werden – das dürfen wir, glaube ich, getrost dem Herrgott überlassen. Für die ersten tausend Jahre jedenfalls ein herzliches Vergelt's Gott!

Eduard Habsburg