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„Wir gehen auf Situation der französischen Kirche zu“

St. Pölten, 27.02.2013 (dsp) „Die Kirche in Österreich kommt in die nachkonstantinische, nachjosephinische Ära“, resümierte der Innsbrucker Pastoraltheologe Prof. Christian Bauer bei den St. Pöltner Priesterstudientagen im Bildungshaus St. Hippolyt. Und sie ginge auf die Situation der Kirche in Frankreich zu, so Bauer. Daher lohne es sich, auf ein Land zu schauen, wo Kirche schon Minderheit ist.
Die französischen Priester seien geprägt von einer „Geh-hin-zu-den-Menschen-Pastoral“, was auch in der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils stark zum Ausdruck gekommen sei. Die Kirche in Frankreich erkannte in den 1940er-Jahren, dass sie die Arbeiterschaft praktisch verloren hatte, daher habe man sich von der geographischen Seelsorge hin zur kategorialen bzw. soziologischen bewegt. Frankreich wurde als Missionsland gesehen. Priester wirkten etwa in die Seefahrer- oder Arbeiterseelsorge. Vielfach als „Fallschirmspringer Gottes“ bezeichnet, gingen Priester missionarisch in die Fabriken oder in Kohleminen, arbeiteten dort mit und lebten auch dort. „Das war keine Sozialromantik, das war knallharte Realität“, so Bauer, der sich intensiv wissenschaftlich mit der Kirche in Frankreich beschäftigt. Das damalige französische Milieu der Arbeiterpriester habe in ihrer Schlichtheit stark an die christliche Ursprungszeit erinnert. In ihrer tiefen Spiritualität wollten die Arbeiterpriester den jeweiligen Kontext aufnehmen, in dem sie wirkten.

Der legendäre Pariser Erzbischof Kardinal Emmanuel Célestin Suhard (1874-1949) forderte: „Eine Mauer trennt die Arbeitswelt von der Kirche; diese Mauer muss abgerissen werden.“ Mission der Kirche sei Aufgabe der ganzen Kirche. Man wollte so leben, „dass das Leben unverständlich wäre, wenn es keinen Gott gibt“.

Das alles geschah in einer Zeit, als das Bild des Priesters noch durch und durch von Heiligkeit gekennzeichnet war. Daher habe auch bei vielen französischen Katholiken tiefe Irritationen ausgelöst, dass viele Geistliche während des Tages die Kleidung der Werkstätigen trugen und abends dann in einfachsten Räumlichkeiten die Heilige Messe zelebrierten. Im Übrigen sei die Zusammenarbeit mit Kommunisten nicht gestattet gewesen. Der Konflikt mit Rom kulminierte einige Jahre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als die Arbeiterpriesterbewegung im Jahr 1954 verboten wurde. „Das Konzil hat jedoch für ein Happy End gesorgt, weil es die verschiedenen Priesterbilder wieder zusammengefügt hat“, erklärt Bauer.

Es sei eine Zeit unglaublichen Aufbruchs gewesen, die „Geschichte eines gläubigen Volkes, das sich in Bewegung gesetzt hat“. Bauer erinnert an berühmte Beispiele französischer Christen: Armenpriester Abbé Pierre (gest. 2007), jahrelang beliebtester Franzose; Arbeiterpriester Jaques Loew; Ex-Kommunistin Madeleine Delbrêl und später katholische Mystikerin; Frère Roger Schutz, Gründer und lebenslanger Prior der ökumenischen Bruderschaft von Taizé.