Sozialethikerin: Wir können mit dem Altern nicht richtig umgehen

St. Pölten, 07.04.2013 (dsp) „Im Umgang mit den Alten sind wir nicht geübt, exemplarisch dafür stehen die Reaktionen auf den Rücktritt von Benedikt XVI.“, verwies die deutsche Sozialethikerin Elisabeth Jünemann bei der Jahrestagung des Katholischen Bildungswerkes (kbw) der Diözese St. Pölten auf die große demographische Herausforderung. Die Solidarität zwischen den Generationen ist auch ein Schwerpunktthema des kbw. Vor 130 Tagungsteilnehmern wurde bekanntgegeben, dass Angela Lahmer-Hackl aus Haunoldstein von den Hunderten wahlberechtigten kbw-Mitgliedern fast einstimmig wiedergewählt wurde.

Können mit Altern nicht richtig umgehen

Die Theologin und Sozialethikerin Elisabeth Jünemann lebt in der Nähe Maria Laach (Deutschland), gründete 2007 das Instituts DekaCert (Ethische Zertifizierung von Sozialen Organisationen und Wirtschaftsorganisationen nach dem Dekalog) und hat sich auf Theologische Anthropologie und Theologische Ethik spezialisiert. „Wir werden so alt, dass wir damit nicht mehr richtig umgehen können, das zeigt sich schon am sprachlichen Defizit zum Thema.“ Jünemann gibt in ihrem Vortrag „Du sollst Vater und Mutter ehren“ (4. Gebot) zu bedenken: „Im Verlauf des letzten Jahrhunderts haben sich - erklären uns die Humanwissenschaften - die Bedingungen in hochentwickelten Gesellschaften verändert. So, dass pro Leben im Schnitt zwei Jahrzehnte dazu kommen.“ Eine Herausforderung sei es deshalb, Menschen, die mit 60, 65 in Pension gehen, aber noch voller Tatendrang und Energie sind, gesellschaftliche Aufgaben zu geben. Denn, was tun mit zwei gewonnen Lebensjahrzehnten?

Lange Tradition der Religionen die Alten zu ehren

Die großen Religionen hätten eine lange Tradition, Menschen hohen Alters zu ehren. Dennoch hätten diese in unserer Region zu Recht die Angst, dass „sie aussortiert werden“. Etwa weil die Söhne oder Töchter den Familienbetrieb übernehmen wollen. Vielfach müsse man überhaupt jungen Menschen regelrecht wieder beibringen, „was die Alten bringen“. Jünemann: „Ersatz für die Weisheit des Alters gibt es nicht.“ Diese Weisheit könnten nur jene weitergeben, die etwas erlebt und erfahren hätten. Erfahrung werde jedenfalls geschätzt.

Altes Testament: Alle Dimensionen des Menschseins achten

Das Alte Testament ziele beim Thema Altern darauf ab, alle Dimensionen des Menschseins zu achten: die körperliche, die psychisch-geistige sowie die seelische. Schon allein deshalb plädiert Jünemann auch dafür, dass die Katholischen Bildungswerke sportliche Aktivitäten anbieten. Wie vor über 3.000 Jahren das Volk Israel, würde auch unsere Gesellschaft heute neue Gebiete erschließen und neue Freiheiten erfahren und dabei „Gefahr laufen, etwas zu wählen, wodurch wir unsere Freiheit verlieren“. So wie dem Volk Israel die 10 Gebote gegeben wurden, um seine Freiheit zu erhalten, so müssten diese Gebote sinngemäß auch auf das Alter und den Umgang mit alten Menschen angewandt werden.

Dabei gehe es nicht um Barmherzigkeit den Alten gegenüber. Es gehe um Gerechtigkeit - ideell und materiell. Jünemann: „Wer uns einst das Leben sicherte, dessen Leben sichern wir nun. Wer den Jungen mit Erfahrung zur Seite steht, der darf auf deren Unterstützung setzen. Wer die Alten mit Elan unterstützt, der darf auf deren Hilfe bauen.“ Das schütze uns in der Jugend wie im Alter vor dem Risiko, die Freiheit, die wir uns im Laufe des Lebens genommen haben, wieder zu verlieren.

Generationensolidarität müsse gelebt werden von Personen mit Haltung. Generationensolidarität brauche die Unterstützung durch die Gesellschaft und ihre Strukturen. Beides falle nicht vom Himmel. Beides muss gelernt werden, gebildet werden. Hier käme dem Katholischen Bildungswerk eine große Aufgabe zu.

Lahmer-Hackl: Bildungsarbeit soll Begegnung schaffen

Angela Lahmer-Hackl will mit dem kbw Entwicklungen, Probleme und Themen unserer Zeit „mit unserer Arbeit begleiten, neue Impulse setzen und so sie Botschaft des Evangeliums erfahrbar machen“. Die Angebote des Bildungswerkes seien für alle Menschen offen. Bildung, auch kirchliche Bildungsarbeit solle Begegnung zwischen den Denk-, Sozial-, Glaubens- und Lebenschancen ermöglichen. Sie wolle als Obfrau einer der größten Anbieter von Erwachsenenbildung des Landes auf verschiedenen Ebenen Rede und Antwort über „unseren Auftrag in Kirche und Welt geben“. Lahmer-Hackl weiter: „Die Weiterentwicklung der Persönlichkeit, die Mitgestaltung der Gestaltung der Gesellschaft und der Kirche sind zentrale Bildungsbereiche für die es sich lohnt, sich zu engagieren.“ Sie zeigte sich erfreut über den neuen Vorstand: „Einerseits sichern sowohl unsere hauptamtlichen Mitarbeiter als auch die wiedergewählten Mitglieder des Vorstandes Kontinuität für die Arbeit des Katholischen Bildungswerkes. Andererseits werden die Neugewählten sicherlich viele neue Impulse einbringen.“

Foto (2x Lahmer, Pressereferat):
Foto 1: Der neue Vorstand des Katholischen Bildungswerkes der Diözese St. Pölten, der am 6. April in St. Pölten gewählt wurde (von links): Anton Czetina, Gastern, Maria Dorninger, Scheibbs, Gerlinde Hofbauer, Geras, Weihbischof Anton Leichtfried, Vorsitzende Angela Lahmer-Hackl, Haunoldstein, Monika Distelberger, Amstetten, Hermine Naderer, Ardagger, Josef Resch, Reidling, Roswitha Punz, Oberndorf an der Melk und Geschäftsführer Gerald Danner. Nicht am Foto: Vorstandsmitglied Rainald Tippow aus Maria Anzbach.
Foto 2: Besucherrekord bei der kbw-Jahrestagung.
Foto 3: Angela Lahmer Hackl
Foto 4: Referentin Elisabeth Jünemann
Foto 5: Das Katholische Bildungswerk: Über 75.000 Most- und Waldviertler besuchten 2012 die Kurse.