Ökumene: katholische und evangelische Dokumente im Vergleich

Dr. Hubert Philipp Weber

St. Pölten, 12.10.2013 (dsp) „Die Ökumenische Bewegung wird als Initiative Gottes selbst verstanden, als ein Geschenk.“ Das betonte der Wien Dogmatiker Hubert Philipp Weber beim Ökumenischen Studientag des Ökumenischen Arbeitskreises NÖ West und des Katholischen AkademikerInnenverbandes im Bildungshaus St. Hippolyt in St. Pölten. Der Studientag mit dem Leiter des Sekretariats von Kardinal Schönborn, Weber, und dem evangelisch-lutherischen Bischof Michael Bünker befasste sich mit zwei zentralen Ökumenismus Dokumenten: dem Dekret „Unitatis redintegratio“ des 2. Vatikanischen Konzils für die katholische Kirche und der „Leuenburger Konkordie“ für die evangelischen Kirchen.

Die Einheit sei ein zentrales Thema des 2. Vatikanischen Konzils gewesen, erklärte Weber zum Verständnis des Ökumenismus-Dekrets, weswegen das Dokument auch nicht isoliert verstanden werden könne, sondern nur im Kontext aller Konzilsdokumente. Besonders in den Konstitutionen über die Kirche „Lumen gentium“ und über die Kirche in der Welt „Gaudium et spes“, die „Unitatis redintegratio“ vorangegangen waren, seien bereits wichtige Aussagen zur Einheit zu finden. Zudem sei zum rechten Verständnis der Texte zu berücksichtigen, dass diese an die Katholiken gerichtet seien: „Das Konzil sagt den katholischen Gläubigen, wie eine ökumenische Bewegung künftig auszusehen hat.“ Das Dekret sei somit eine Selbstverpflichtung.

Die wichtigsten Aussagen seien im 1. Artikel des Ökumene-Dokuments zusammengefasst, so Weber. Die Einheit aller Christen wiederherstellen zu helfen sei eine der Hauptaufgaben im Selbstverständnis des Konzils. Jede Spaltung widerspreche „ganz offenbar dem Willen Christi, sie ist ein Ärgernis für die Welt und sein Schaden für die heilige Sache der Verkündigung des Evangeliums vor allen Geschöpfen“. Die Kirche Jesu Christi und damit die Ökumenische Bewegung haben also als Ziel, der Welt das Evangelium zu bringen, betonte Weber: „Die Ökumene ist daher kein Selbstzweck.“ Zielpunkt der Einheit sei die Erlösung der Menschen.

Bereits in „Lumen gentium“ stellte das Konzil fest, dass „alles von Christus ausgeht, nicht von der Kirche“, wie Weber ausführte. Die Kirche sei nur ein Werkzeug. So sei auch die Einheit der Kirchen nur ein Werkzeug, die Einheit mit Gott und die Einheit aller Menschen aufzuzeigen. „Die Einheit der Kirchen und der Menschen wird von der Einheit Gottes her verstanden.“ In der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ wiederum werde betont, dass die menschliche Gemeinschaft „in Christus geeint“ sei. Vom Heiligen Geist geleitet sei sie unterwegs zu einem gemeinsamen Ziel; die Einheit könne von dem her pneumatologisch auch als Charisma bezeichnet werden.

Leuenburger Konkordie als Weg zur Kirchengemeinschaft

Als Beispiel dafür, dass sich „geschichtlich entstandene Kirchenspaltungen überwinden lassen“ stellte der evangelische Bischof Michael Bünker die Leuenburger Konkordie vor, die vor genau 40 Jahren nach langen Verhandlungen verfasst und bis heute von 107 lutherischen, reformierten und methodistischen Kirchen unterzeichnet wurde. Voraussetzung für das Zustandekommen eines gemeinsamen evangelischen Dokumentes zur Kirchengemeinschaft sei die Überwindung gegenseitiger Vorwürfe, die noch im 16. Jahrhundert wurzelten, gewesen, wie Bünker betonte.

Diese Methode sei nicht nur innerevangelisch, sondern auch in anderen ökumenischen Bewegungen fruchtbar. Vieles, was Katholiken über Evangelische und Evangelische über Katholiken damals sagten, trefft heute nicht mehr zu. Bünker: „Den Unterschieden muss ihr trennender Giftzahn gezogen werden, denn nicht jeder Unterschied ist ein Gegensatz.“-

Kirchengemeinschaft werde jedoch nicht hergestellt, sondern entdeckt, anerkannt und vertieft. Die Einheit werde als Gabe entgegengenommen und könne nicht „gemacht“ werden. So stelle die Leuenburger Konkordie auch „keinen Schlusspunkt sondern vielmehr einen Doppelpunkt“ dar: „Kirchengemeinschaft ist immer ein Prozess.“ Keine Kirche könne für sich alleine den Anspruch stellen, die Kirche Jesu Christi zu sein, so Bünker, dies könne nur in Gemeinschaft mit den jeweils anderen Kirchen geschehen.