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NÖN-Interview zum Papstrücktritt

Bischof Klaus Küng: Benedikt XVI. "wird für die Zukunft so etwas wie einer der großen Kirchenväter des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts sein".
Im Gespräch mit NÖN-Chefredakteur Martin Gebhart
St. Pölten, 14. Februar 2013

NÖN: Noch immer wird heftig diskutiert, ob der angekündigte Rücktritt von Papst Benedikt XVI. nicht doch ein zu großer Tabubruch ist. Als ob der Nachfolger Petri keine Schwäche zeigen darf. Wie sehen Sie diese Diskussion?

Der Papst hat bereits mehrfach betont, dass er den Rücktritt in voller Freiheit zum Wohl der Kirche erklärt hat. Jemand, der ihn wenige Tage zuvor in einer Audienz erlebt hat, erzählt, dass ihn und andere, die dabei waren, einmal mehr beeindruckt hat, welche Agilität und Klarheit des Verstandes, Papst Benedikt weiterhin hat. Zugleich konnte aber seine besorgniserregend rasch fortschreitende Gebrechlichkeit nicht übersehen werden. Einerseits der klare Verstand, der die riesigen Herausforderungen, die auf die Kirche zukommen wahrnimmt, aber andererseits die schwächer werdenden eigenen Kräfte erkennt, ist die beste Erklärung für seinen Rücktritt. Benedikt XVI. hat mit dem Blick auf Gott und die Notwendigkeiten der Kirche verantwortungsbewusst – offenbar nach einem längeren inneren Ringen – einen Entschluss gefasst. Das ist ein authentischer Nachfolger Petri.

NÖN: Und wie sehen Sie die Verschwörungstheorien, die fast schon automatisch immer wieder aufkommen, wenn es um den Papst geht?

Bischof Küng: Es gehört zur Persönlichkeit Benedikt XVI., dass er sich trotz eines feinfühlenden eher sensiblen Wesens bei vielen Gelegenheiten als sehr mutig und fest erwiesen hat. Seine Verhaltens- und Reaktionsweise im Zusammenhang mit der Rücktrittserklärung ist gut nachvollziehbar. Da braucht es keine Verschwörungstheorien.

NÖN: Was wird von Papst Benedikt XVI. bleiben? Was waren seien Akzente für die katholische Kirche?

Bischof Küng: Er ist ein hervorragender Kenner der geistigen Strömungen unserer Zeit, besitzt eine beeindruckende theologische und spirituelle Tiefe und dazu eine ganz außerordentliche Sprachengabe. Sein großes Anliegen war und ist, die wahre Botschaft des II. Vatikanischen Konzils und ihren ungebrochenen Zusammenhang mit dem immerwährenden Glauben der Katholischen Kirche sowie die dringend notwendigen Reformschritte – vor allem im Sinne der Neuevangelisierung – aufzuzeigen. Er wird für die Zukunft so etwas wie einer der großen Kirchenväter des 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts sein. Seine Bücher und Predigten wird man immer wieder zur Hand nehmen.

NÖN: Was verbinden Sie ganz persönlich mit Papst Benedikt XVI.?

Bischof Küng: Ich habe ihn vor allem in seiner Zeit als Präfekt der Glaubenskongregation sehr schätzen gelernt, weil er unsere Situation in Mitteleuropa sehr genau kennt und weil er ein sehr lieber Mensch ist. Auch nachdem er Papst wurde, konnte ich immer mit seinem vollen Rückhalt rechnen. Ich habe ihn sehr gerne und bin ihm sehr dankbar.

NÖN: Als Nachfolger erhoffen Sie einen „Mann des Gebetes, der keine Angst hat, auch unpopuläre Dinge anzusprechen, wenn es die Zeit erfordert? Warum? Kommen unpopuläre Maßnahmen auf die katholische Kirche zu?

Bischof Küng: Sowohl Papst Johannes Paul II. als auch Benedikt XVI. haben – in je eigener Weise – ohne jeden falschen Kompromiss dem heutigen Zeitgeist Widerstand geleistet und ein konsequentes Gegenprogramm entwickelt. Wer das tut, muss mit großen Schwierigkeiten rechnen. Es ist vorauszusehen, dass in den nächsten Zeiten diese Schwierigkeiten noch bedeutend größer sein werden. Sowohl von innen als auch von außen wächst der Druck. Aber auch die Kraft Gottes wird immer noch deutlicher zu erkennen sein. Es braucht einen Papst, der ein Bekenner ist und die Bereitschaft zum Martyrium hat.