Franziskus legt Programm zur missionarischen Kirchenreform vor

Die missionarische Umgestaltung der Kirche ist ihre zentrale Aufgabe und umfasst alle Bereiche des kirchlichen Lebens. Das hat Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" (Die Freude des Evangeliums) als Road Map für den Weg der Kirche im 21. Jahrhundert hervorgehoben.

Gleichzeitig hat er eine Neuausrichtung des Papstamtes angekündigt. Daneben stehen die Forderung nach einer gerechteren Welt und nach einer Kirche im Dienst der Armen im Zentrum des ersten Lehrschreibens von Papst Franziskus, das die Ergebnisse der letztjährigen Bischofssynode über die Evangelisierung aufgreift und zum Abschluss der "Jahr des Glaubens" verfasst wurde.

Papst Franziskus verweist in seinem Lehrschreiben darauf, das bereits Johannes Paul II. (1978-2005) die Suche nach Formen der Primatsausübung angeregt habe, die "zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet". "In diesem Sinn sind wir wenig vorangekommen", hält Franziskus fest. Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche müssten dem Aufruf zu einer pastoralen Umkehr folgen. Als Bischof von Rom wolle er für Vorschläge offen bleiben, "die darauf ausgerichtet sind, dass eine Ausübung meines Amtes der Bedeutung, die Jesus Christus ihm geben wollte, treuer ist und mehr den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung entspricht", heißt es in dem Lehrschreiben.

Kritik an globaler Finanz- und Wirtschaftsordnung

Im Lehrschreiben prangert der Papst Auswüchse der globalen Finanz- und Wirtschaftsordnung an und entwickelt Linien für eine zeitgemäße Verkündung der christlichen Botschaft sowie für eine Reform der Kirchenstrukturen. Säkularisierung, ein ideologischer Individualismus und ein hemmungsloses Konsumdenken hätten vielfach zu einer "geistigen Wüstenbildung" geführt. Aufgabe der Kirche sei es, darauf neu zu reagieren und den Menschen die Frohe Botschaft zu verkünden.

Als wichtigste Ursache aller sozialen Übel und der Gewalt bezeichnet Franziskus die ungleiche Verteilung des Reichtums auf der Welt. Das derzeitige Wirtschaftssystem sei "in der Wurzel ungerecht". Diese Wirtschaft töte, weil sie allein nach dem Gesetz des Stärkeren funktioniere und eine Kultur des Abfalls schaffe, in der Menschen wie Müll behandelt würden. "Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden", so der Papst.

Obdachlose, Drogenabhängige, Flüchtlinge

Die Kirche muss dagegen nach seinen Worten zuallererst eine "arme Kirche für die Armen" sein, die an die Ränder der Gesellschaft geht. Ihm sei eine verbeulte und beschmutzte Kirche, die auf die Straße geht, lieber als eine Kirche, die sich verschlossen und bequem an die eigenen Sicherheiten klammere, so Franziskus. Zu den Bedürftigen zählten dabei auch die Opfer der neuen Formen von Sklaverei wie die Ausgebeuteten in der Arbeitswelt und der Prostitution. Er erwähnt die "neuen Formen der Armut und Hinfälligkeit": Obdachlose, Drogenabhängige, Flüchtlinge, indigene Völker, Vereinsamte. Die kirchlich Verantwortlichen und die Getauften seien berufen, diesen Menschen nahe zu sein und in ihnen "den leidenden Christus zu erkennen". Diese Nähe sei ein Gebot, auch wenn das "keine greifbaren und unmittelbaren Vorteile" bringe.

Der Papst kritisiert die viele Arten von Mittäterschaft am Leid der Ausgegrenzten. Auch das bequeme Schweigen zähle dazu.

Strukturenreform und Rechte für Bischofskonferenzen

Für die Neuevangelisierung müsse die Kirche "neue Wege" und "kreative Methoden" entwickeln, heißt es in dem 184 Seiten umfassenden Dokument. Dies schließe eine Reform der Kirchenstrukturen ein. "Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen."

Namentliche erwähnt Franziskus eine stärkere Rolle der nationalen und regionalen Bischofskonferenzen. Zudem spricht er von einer "Reform des Papsttums", das den gegenwärtigen Notwendigkeiten der Evangelisierung mehr entsprechen müsse.

Die Laien sollen nach Franziskus' Überzeugung mehr Verantwortung in der Kirche tragen. Dies werde teilweise durch einen "ausufernden Klerikalismus" verhindert. Auch müssten Frauen mehr Raum in der Kirche erhalten, vor allem dort, wo die wichtigen Entscheidungen fielen. Dieses Thema dürfe nicht "oberflächlich umgangen werden".

Keine Weihe von Frauen

Franziskus bekräftigt jedoch, das Priestertum sei den Männern vorbehalten und stehe nicht zur Diskussion. Überdies warnt er vor Gruppenbildungen in der Kirche durch rückwärtsgewandte Gläubige, die einem vergangenen Stil von Katholizismus anhingen.

Weiter widmet sich der Papst in seinem Schreiben der Krise der Familie, deren Bande durch einen globalisierten Individualismus bedroht seien. Er bekräftigt die Ablehnung von Abtreibung und bekennt sich zu weiteren Anstrengungen für die christliche Ökumene und den Dialog mit Juden und Muslimen.

In seinem Schreiben zitiert der Papst häufig seine Vorgänger Johannes Paul II. (1978-2005) und Benedikt XVI. (2005-2013) sowie einige Male auch die Konzilspäpste Johannes XXIII. (1958-1963) und Paul VI. (1963-1978). Ferner greift er auf die Konzilsdokumente "Lumen gentium" und "Gaudium et spes" zurück.

Auffallend oft erwähnt er den Text der Lateinamerikanischen Bischofsversammlung in Aparecida von 2007, an dem er maßgeblich beteiligt war. Ferner verweist er auf Texte der Bischofskonferenzen in Brasilien, Frankreich, USA und den Philippinen sowie auf Texte kontinentaler Bischofssynoden.

(KAP)