Die "Reformwoche" des Papstes und seine Interviews

Mit einem einfachen Gottesdienst in der Kapelle des Gästehauses Santa Marta hat am Dienstagmorgen die mit Spannung erwartete Beratungsphase für den Umbau des vatikanischen Apparats begonnen. Gemeinsam mit den acht Kardinälen des von ihm eingerichteten "Kardinalsrats" zelebrierte Papst Franziskus am Dienstag die Messe.

Und in der ihm eigenen Schlichtheit rief der Papst am Schluss seiner Predigt um ein Gebet für "unsere heutige Arbeit" auf - damit sie "uns alle demütiger, sanftmütiger, geduldiger mache und unser Vertrauen auf Gott stärke". Ziel sei es, die Kirche so umzugestalten, dass die Menschen, "wenn sie das Volk Gottes, die Kirche sehen, das Verlangen spüren, mit uns zu gehen".

Nach Messe und Frühstück zogen die Mitglieder des Kardinalsrates mit dem Papst in die derzeit meist leerstehenden Räume der päpstlichen Wohnung hoch über dem Petersplatz. Die acht Mitglieder, unter ihnen als einziger deutschsprachiger Teilnehmer der Münchner Kardinal Reinhard Marx, hatten sich in den vergangenen Tagen auffallend bedeckt gehalten und Interviewäußerungen weitgehend vermieden.

Lediglich der Vorsitzende, der honduranische Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga, hatte durchblicken lassen, dass man nicht bei Null anfange, sondern schon Vorarbeiten geleistet habe. Zudem ist zu hören, dass eine Vielzahl von Papieren und Vorschlägen aus mehreren Erdteilen eingetroffen seien; schon jetzt sei das Material kaum zu bewältigen.

Zusätzlichen Lesestoff außerhalb der Tagesordnung fanden die Kardinäle, sofern sie im Internet surfen oder die linksliberale Tageszeitung "La Repubblica" lesen, zudem schon am frühen Dienstagmorgen: Just am Eröffnungstag ihrer Ratssitzung veröffentlichte das Blatt ein über drei komplette Zeitungsseiten gehendes Gespräch zwischen Papst Franziskus und dem Gründungsherausgeber des Blattes, Eugenio Scalfari, einem bekennenden Atheisten.

"Schluss mit den Höflingen! So werde ich die Kurie verändern", lautete der reißerische Titel. In dem Gespräch, das bereits sieben Tage zuvor geführt worden war, nun aber punktgenau zu Beginn der vatikanischen "Reformwoche" veröffentlicht wurde, definierte der Papst unmissverständlich die Eckpunkte seiner Vision von der künftigen Gestalt der Kirche und des Vatikan.

Die Lobhudelei der vielen "Höflinge" in der Kurie kritisierte er scharf und bezeichnete den päpstlichen Hofstaat als "Lepra". Er warf der Kurie vor, noch zu sehr vatikanzentriert und an weltlicher Macht orientiert zu sein. Stattdessen solle die vatikanische Zentrale künftig der Kirche dienen, die Kleriker sollten ihrerseits dem Volk Gottes dienen, und dieses wiederum der Menschheit ein Vorbild an Armut, Bescheidenheit und Liebe sein. Ausdrücklich forderte der Papst, die Kirche müsse beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) anknüpfen und wieder verstärkt den Dialog mit den modernen Menschen und den Anhängern anderer Kirchen und Religionen suchen.

Noch ist völlig unklar, wie der Kardinalsrat diese ehrgeizigen Ziele in konkrete Strukturreformen und Handlungsmaximen übersetzen wird. Zwar werten viele Kommentatoren bereits die veränderte Haltung, die der Papst vorlebt und die allmählich auch auf der Ebene der Bischöfe und Priester ankommt, als eine Art Revolution. Doch die Kardinäle haben vor der Wahl von Papst Franziskus auch sichtbare Veränderungen gefordert. Und die in Gang zu bringen, ist nicht einfach angesichts der Beharrungskräfte der über Jahrhunderte gewachsenen Apparate mit ihren Eigengesetzlichkeiten.

Einen Vorgeschmack gab es, ebenfalls am Rande der Tagesordnung, auf der Internetseite der Vatikanbank IOR. Während Papst Franziskus und die Kardinäle noch beim Frühstück saßen, erschien dort am Dienstagmorgen erstmals eine detaillierte Bilanz des skandalumwitterten Finanzinstituts. So viel Transparenz hatte es beim IOR seit seiner Gründung im Zweiten Weltkrieg noch nie gegeben.

Nach diesem ersten Schritt in Richtung vatikanischer "Glasnost" warten die derzeit wieder zahlreich nach Rom strömenden Vatikanbeobachter umso gespannter darauf, welche Vorschläge für die "Perestroika" (Umbau) der Kardinalsrat vorlegen wird.

(KAP)